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Archiv der Kategorie: Gesellschaftliches

Offene Fragen

Heute werden der Liebste und ich bei meiner Mutter und ihrem Lebensgefährten zum Mittagessen sein.

Der gute Xaver kommt aus Sachsen und ist eigentlich ein ganz guter Kerl, und vor allem tut er meiner Mutter nach dem Tod meines Vaters als ruhiger Gefährte gut. Nur leider haben Xaver und ich ein Problem miteinander, seit er mir als als Lektüre das „Deutschlandprotokoll“ empfohlen hat.

Regelmäßig geraten wir über politische Ansichten aneinander, zumal er mit seinen Infos von Kopp, Pedigaseiten etc. meine Mutter regelmäßig zu Statements bringt, die sie eigentlich gar nicht versteht. Er gehört zu der Klasse Menschen, denen die Welt zu kompliziert geworden ist und die sich in Verschwörungsmythen flüchtet, um das Gefühl zu bekommen, der Unübersichtlichkeit dieser Welt nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern im Gegenteil etwas „durchschaut“ zu haben, was andere Menschen nicht sehen – Weltverschwörung und so. Und wie das meist so ist, gehen hier Angst und Fremdenfeindlichkeit Hand in Hand… denn der Fremde könnte mir ja etwas von dem bisschen wegnehmen, das ich mir hier mühsam durch alle Unsicherheiten gerettet habe.

Jetzt ist da heute ein Essen angesetzt. Und ich frage mich, was ich ihm entgegensetzen kann, wenn er damit anfängt, die Flüchtlinge seien schuld an den Anschlägen von Paris, und die unkontrollierte Zuwanderung sei von Anfang an ein Fehler gewesen, und Merkel wäre eine Volksverräterin etc.

Seit heute weiß man wohl, dass mindestens einer der Attentäter wirklich als Flüchtling über Griechenland eingereist ist. Erst hatte ich gehofft, es wäre nur der Pass, der in Griechenland zur Registrierung genutzt wurde, aber es gibt wohl Fingerabdrücke.

Was sage ich diesem Mann heute?

Ich bin nach wie vor felsenfest überzeugt, dass es unsere humanitäre Pflicht ist, den Flüchtlingen zu helfen (und das unabhängig von unserer Vergangenheit!), und auch das Risko in Kauf nehmen müssen, dass da eben schwarze Schafe dabei sind. Aber ich bin nicht so blind, zu leugnen, dass ein reines „Grenzen auf“ in Deutschland alleine nicht dauerhaft möglich ist – es muss eine sinnvolle zentrale Steuerung geben, und auch die anderen EU-Länder müssen mitziehen – und nicht wie Polen jetzt einfach einen Rückzieher machen. Wir sind Europa, und nicht nur, wenn es darum geht, Subventionen einzusacken, sondern auch bei Problemen, verdammt noch eins!

Nur: Was sage ich Xaver heute, wenn er triumphierend „Das war doch klar“, „Diese Regierung wird sich selbst zerlegen“, und „Wir geben Milliarden aus, um die durchzufüttern, und die sprengen uns in die Luft“ oder ähnliches von sich gibt?

Vielleicht weise ich ihn einfach darauf hin, dass auch er zu den 17 Millionen „Flüchtlingen“ von 1990 gehört, die bis heute von uns per Soli unterstützt werden… was wäre denn gewesen, wenn unsere Politk damals aus Angst vor der Sowjetunion nicht mutig auf Konfronationskurs gegangen wäre?

Das mag zwar auch polemisch sein, und es ist genauso verallgemeinert wie seine Positionen, aber vielleicht bekomme ich ihn damit ja wenigstens zum Schweigen.

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Verfasst von - 15. November 2015 in Gesellschaftliches, Politisches

 

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Paris

Terror macht sprachlos

Terror macht Angst

Doch niemals, niemals darf er uns vergessen lassen, dass Angriffe auf unsere Freiheit uns stolz, trotzig, mutig werden lassen müssen. Nicht ängstlich, duckmäuserisch und schreiend nach mehr Kontrolle 

 
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Verfasst von - 14. November 2015 in Allgemein, Gesellschaftliches, persönliches

 

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Ein Buch, das verändert.

Ein Buch, das verändert.

Eigentlich wollte ich schon längst einmal eine Buchrezension schreiben, Einfach, weil ich sehr gerne und viel lese und der Meinung bin, dass es unzählige Bücher gibt, die es wert wären, vorgestellt zu werden – aber jetzt ist mir ein Buch in die Hände gefallen, das derartig laut „sprich darüber“ schreit, dass ich es etwas ausführlicher beleuchten möchte. Vor allem, da es nicht nur ein Buch mit gutem Inhalt ist, sondern eines, das massiv Einfluss auf mein aktuelles Leben genommen hat. Und so sehr ich Bücher liebe – sowas passiert nicht gerade häufig.

Vor allem, da dieses Buch ein Sachbuch ist, das in einem Bereich angesiedelt ist, den ich normalerweise großzügig umgehe: Es beschäftigt sich mit Übergewicht. Es ist allerdings KEIN Diätratgeber – das schonmal direkt vorweg geschickt, ehe die ersten entsetzt wegklicken.

Es handelt sich um das Buch „Fettlogik überwinden“ von Dr. Nadja Herrmann *klick*, die in der Blogwelt auch unter dem Namen erzählmirnix (und nochmal *klick*) wohlbekannt ist. Das Buch ist derzeit nur als kindle-Version erhältlich, was aber den Vorteil hat, dass die 6,90€ Verkaufspreis kein Hindernis bei der Anschaffung darstellen.

Gestoßen bin ich auf das Buch über den Blog von erzählmirnix, auf dem sie – neben anderen Themen – auch immer wieder das Thema Übergewicht und den gesellschaftlichen Umgang damit aufs Korn nimmt. Nachdem ihr Buch veröffentlicht war, hat sie auf ihrer Seite auf das Buch und den neuen, zugehörigen Blog verwiesen, und ich bin eher zufällig dorthin geraten, hab dann online die ersten Seiten gelesen und das Buch gekauft.

An dieser Stelle muss ich ein wenig ausholen: Auch ich gehöre in die lange Reihe der Menschen, die zu viel Gewicht mit sich herumschleppen. Schon immer. Seit ich denken kann, war ich zu schwer für mein Alter, auch wenn ich mit etwa 11-12 Jahren im Prinzip ausgewachsen und somit nicht nur schwerer, sondern eben auch größer als meine Mitschülerinnen war. Bilder von damals attestieren mir kein Dicksein – aber so habe ich mich gefühlt. Ich bin mit einer sehr weiblichen Figur gesegnet, weswegen 8-10 kg über „Normalgewicht“ bei mir noch nicht besonders auffallen. Trotzdem fühlte ich mich fett und unbeholfen – nicht durchgängig, aber immer wieder mal. Eine sehr passive, computerspielintensive Phase während meines Studiums führte dann zu einer massiven Gewichtszunahme, in deren Folge ich anfing, das Thema zu verdrängen. Ich war zwar immer wieder mal unglücklich und hasste den Gang auf die Waage beim Gynäkologen, aber so richtig was tun konnte/wollte ich nicht. Ich bin also kein typisches „Diätopfer“. Erst Anfang 2013 hatte ich die Schnauze endgültig voll und ging zu Weight Watchers – mit dem Schock: 100,5 kg zeigte die Waage an.

Seitdem bin ich langsam, aber kontinuierlich weniger geworden und habe inzwischen mein selbst definiertes Zielgewicht von 78 kg erreicht – immer noch leichtes Übergewicht, aber ich sehe jetzt wieder so aus, wie ich früher in meinen besten Jahren aussah. Auf „BMI-Normalgewicht“ wollte ich nicht, weil ich dachte „von diesem ganzen BMI-Pseudoscheiß lasse ich mir nicht diktieren, wie ich auszusehen habe.“ Als ich auf das Buch von erzählmirnix gestoßen bin, habe ich etwa 81 kg gewogen und hing da sehr hartnäckig fest – seit über einen halben Jahr.

Aber wieder zurück zum Thema: Ich habe also das Buch angelesen, dann sofort gekauft und quasi in einem Rutsch durchgelesen – so sehr fesselte mich, was ich da las.

Rein optisch ist das Buch nicht besonders aufregend – es hat ein schönes Titelbild, aber das Inhaltsverzeichnis ist nicht verlinkt, genauso wenig wie die Literaturhinweise, was ich hilfreich gefunden hätte – kurz, man merkt, dass das Buch im Eigenverlag erstellt wurde. Aber das ist nebensächlich. In diesem Buch geht es einzig und alleine um den INHALT. Und der ist der Hammer – weil er einfach, wissenschaftlich hinterlegt und letztlich so unfassbar simpel ist.

Eingebettet in ihre eigene Abnehmgeschichte (die Autorin wog 150 kg und ist inzwischen, nach knapp einem Jahr, bei 62(!) kg angelangt) nimmt sich die promovierte Psychologin die gängigen Diätmythen und all die Behauptungen vor, die mit dem Abnehmen verknüpft sind – und zerlegt eine nach der anderen. Und zwar auf wissenschaftlicher, fundierter Basis.

Das geht los bei der Behauptung „Ich esse nur 1000 kcal und nehme nicht ab!“ (nein: Menschen unterschätzen den Kaloriengehalt von Nahrung erheblich) über „Mein Stoffwechsel ist kaputt!“ (nein: wäre er das, wärst du tot) bis „Bei weniger als xxxx kcal Nahrungsaufnahme schaltet der Körper in den Hungermodus und lagert alles ein, was er kriegen kann!“ (nein: wäre das so, hätten die Menschen keine einzige Hungersnot überlebt) und viele weitere Mythen – eben „Fettlogiken“, die eine einzige, wissenschaftlich bewiesene Tatsache verschleiern: Abnehmen = weniger Kalorien rein, als verbraucht werden.

Fertig. Ende. Iss keine Kohlenhydrate? Iss nicht nach 20 Uhr? Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages? Alles Humbug – zumindest unter dem rein physikalischen Aspekt. Dass sie als Regeln beim Abnehmen helfen können, weniger Kalorien zu sich zu nehmen, bestreitet die Autorin nicht. Was sie bestreitet, ist, dass am Ende des Tages irgendetwas anderes zählt als die Kalorienbilanz.

Nach den ersten entlarvten Fettlogiken folgt im Mittelteil des Buches der wissenschaftliche Part, in dem unzählige Studien aufgeführt werden, die sehr stichhaltig belegen, dass Übergewicht einen negativen Einfluss auf die Gesundheit hat. Und was für einen. Vor allem im massiv übergewichtigen Bereich (morbide Adipositas) wird einem anhand von bis zu 300% erhöhten Risiken für einige Herz-Kreislauf-Erkrankungen dann doch etwas anders. Dieser Part des Buches kann sich durch die schiere Ansammlung von Studienergebnissen etwas trocken lesen lassen, wenn man mit wissenschaftlicher Literatur nicht allzusehr vertraut ist, aber die reine Informationsmenge macht es trotzdem sehr, sehr aufschlussreich.

Der dritte Part des Buches beschäftigt sich mit einem Aspekt des Übergewichtes, den ich aufgrund meines Soziologiestudiums selbst wahnsinnig spannend fand: mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Übergewicht. Schonungslos zeigt die Autorin auf, dass wir keinesfalls in einer Gesellschaft leben, in der „Magerwahn und Schlankheitsterror“ herrschen, sondern vielmehr in einer, die immer übergewichtiger wird und in der inzwischen das Körperbild so verschoben ist, dass wir leichtes Übergewicht als „normal“ wahrnehmen. Das Kapitel tauchte bereits im Januar in abgewandelter Form auf erzählmirnix auf (Link oben), und in diesem Blogeintrag demonstriert die Autorin nochmal bildhaft, was im Buch nur mit wenigen fotografischen Beispielen belegt wird: Was wir als „mollig“ oder „moppelig“ empfinden, ist Übergewicht. Was wir als „richtig dick“ empfinden, ist morbide Adipositas. Was wir als „fett“ empfinden, ist jenseits von Gut und Böse.

Dass sich die Wahrnehmung verschoben hat und nicht etwa der BMI als Maßstab zu niedrig ist, wird durch alte Werbung/Bilder aus den 50-70er Jahren belegt. Der Motivationssatz für schöne Frauen, der im Internet seit Jahren kursiert, stimmt: „Früher wog ein Model 8% weniger als die Durchschnittsfrau. Heute sind es 23%.“ Aber nicht, weil die Models immer dünner werden. Sondern weil die Durchschnittsfrau immer dicker wird. Gleichzeitig herrscht ein ausgeprägtes Misstrauen gegen abnehmende Mitmenschen. Den meisten wird relativ schnell gesagt „nimm nur nicht zu viel ab, sonst wirst du zu dünn“, wenn sie nicht gar (un)bewusst manipuliert werden (Teller extra voll machen etc.). Eine Erfahrung, die ich übrigens selbst machen musste.

Auch erschreckend ist, wie wenig sich Ärzte trauen, Übergewicht als Ursache für Gesundheitsprobleme anzusprechen, sondern erst mal andere Punkte angehen – also eher zu einer Knie-OP raten als dazu, radikal abzunehmen. Ob das daran liegt, dass den Ärzten die Zusammenhänge teilweise selbst nicht so deutlich bewusst sind (was ich erschreckend fände) oder daran, dass sie keine Lust haben, ein unangenehmes Patientengespräch zu führen, bleibt verständlicherweise offen.

Ebenso neu für mich war, dass es auch unter normalgewichtigen Menschen eine ganze Menge gibt, die eigentlich einen zu hohen Körperfettanteil haben – jeder kennt doch jemanden, der dünn ist, aber total unsportlich. Dass diese Menschen die gleichen Gesundheitsrisiken wie Übergewichtige haben, ist meiner Meinung nach viel zu wenig bekannt.

Am Ende folgen noch etliche Seite Literaturverzeichnis – ich muss gestehen, ich habe sie nur überflogen – die den Eindruck erhärten, dass es sich hier um eine wissenschaftlich sehr fundierte Zusammenfassung zum Thema Übergewicht handelt.

Mein Fazit: Das Buch ist unaufgeregt, wahnsinnig sachlich und extrem fundiert – und es gibt keine Heilsversprechen, keine „folgt meinen Tipps, dann nehmt ihr ab!“-Botschaften. Man merkt, dass die Autorin aus der wissenschaftlichen Ecke kommt, aber man merkt auch, welche Selbsterkenntnisse es gewesen sein müssen, und wie schmerzhaft der Prozess war, der durch die Überwindung der „Fettlogik“ hindurch führte. Sie ist mit ihrer eigenen Gewichtsreduktion ein krasses Gegenbeispiel zu vielen Fettlogiken, die langsames Abnehmen propagieren.

Der dritte Teil hat mich am meisten erschreckt, weil er zeigt, wie sehr das Übergewicht schon in der Gesellschaft verankert ist. Allein dieser Part macht es meiner Meinung nach unumgänglich, dieses Buch nach kräften in seiner Verbreitung zu unterstützen, denn: Übergewicht ist nicht gesund. So wenig wie Rauchen. Und das muss in den Köpfen ankommen.

Übrigens hat mich das Buch dazu gebracht, meine inzwischen schleifende Abnahme wieder anzugehen. Eine der ganz großen Erkenntnisse in diesem Buch war für mich der Aspekt von Krafttraining als Schutz vor erneuter Zunahme und als gesundheits- und fitnessfördernde Maßnahme. Und eine Erkennitnis, die die Autorin von sich berichtet und die ich nun bei mir voller Erstaunen selbst entdecke: Sport kann Spaß machen. Es muss nicht nur Quälerei sein wie das immer wieder halbherzige Joggen, das ich bisher praktiziert habe.

Das Buch hat mir den letzten notwendigen Tritt in den Hintern verpasst, mich auch noch den letzten Kilos zu stellen und Muskeln aufzubauen. Immerhin will ich ja im August in die Alpen. Und da möchte ich nicht nach drei Tagen schlappmachen.

 

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Aus aktuellem Anlass: Währ Rechtschraibfeler findett darf Sie behaltn!

Ich habe Germanistik studiert, ja. Und ich bin – behaupte ich mal – ziemlich firm in Rechtschreibung und Grammatik. Deswegen tut es mir teilweise körperlich weh, wenn ich im Internet Einträge sehe, die vor Fehlern nur so strotzen. Ja, mir ist klar, dass nicht jeder gleich gut in Rechtschreibung und der Beherrschung der deutschen Sprache ist. Das war auch schon immer so und ist früher einfach weniger aufgefallen, weil Otto Normalmensch bis ins 21. Jahrhundert hinein bei weitem nicht so viel schriftlich kommuniziert hat wie heute.

Aber: Nur weil plötzlich jeder schreiben kann (oder darf), muss ich mir dann auch diese Sprüche „wer Fehler findet, darf sie behalten“ oder „da kommen wieder die Grammatiknazis“ wirklich anhören, wenn ich jemanden auf Fehler hinweise? Oft genug behalte ich es schon für mich und tue das nicht mehr, aber ganz im Ernst: Wer beispielsweise noch nicht mal weiß, dass Satzzeichen direkt hinter die zugehörigen Wörter gehören und kein Leerzeichen dazwischen stehen darf… bei dem sehe ich: Da hat die Allgemeinbildung an einem Punkt aufgehört, der noch deutlich vor dem liegt, an dem ich jemanden als Diskussionspartner ernst nehmen kann.

Ja, ich schließe von Rechtschreibung auf Intelligenz. Weil es was mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit zu tun hat. Und weil bei schriftlicher Kommunikation Ausdruck, Grammatik und Rechtschreibung nun mal maßgeblich den Sinn transportieren. Wenn ich in diesem Medium verstanden werden will, dann muss ich entsprechende Sorgfalt walten lassen. Ich kann auch nicht in Italien mit den Händen rumfuchteln und „si“ und „no“ und „subito“ schreien und erwarten, dass sich alle Italiener bemühen, mich zu verstehen und mir weiterhelfen. Es ist MEIN Job, dafür zu sorgen, dass ich verstanden werde. Genau dafür gibt es – auch außerhalb der Sprache – Regeln. Damit Konflikte umgangen werden, wenn sich jeder daran hält. Zu meinen, dass sie auf einen selbst nicht zutreffen, ist unsozial und arrogant.

Und wenn ich noch einmal einen Kommentar a lá „du weißt ja gar nicht, ob der Schreiber vielleicht Legastheniker ist“ lese, muss ich brechen. Doch. Ich weiß das. Legasthenie hat nämlich typische Anzeichen. Und dazu zählt NICHT die Unfähigkeit, Groß- und Kleinschreibung anzuwenden oder das Nichtanwenden jeglicher Kommaregel, so dass mein Leser gezwungen ist, jeden Satz dreimal halblaut zu lesen, eher er versteht, was ich meine. Das sind Unachtsamkeit und Ignoranz.

So, wer bis hierhin mitgelesen hat: Das musste mal raus. Danke fürs „Zuhören“.

 

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PEGIDA, die Stimme des Volkes und das Mittel der Wahl – Gastbeitrag

In den letzten Wochen habe ich mir viele, sehr viele Gedanken zu dem Phänomen PEGIDA und dem Umgang damit gemacht. Ich habe auch viele Blogeinträge zu dem Thema mitverfolgt, auch die vielen tollen Eindrücke aus München von der lieben Freidenkerin, die die Gegendemos unterstützt und vor allem wunderbar fotografisch festgehalten hat. In den Medien, sei es Radio, Fernsehen oder (Online-)Print, gab es zahllose Artikel und Statements zu dem Thema und allem, was als Randerscheinung mitschwingt.

Ich habe lange überlegt, selbst etwas zu dem Thema zu schreiben, allein: Mir kam jemand zuvor. Jemand, der anders schrieb als viele andere. Jemand, der das Thema von einer ganz anderen Seite betrachtet, und der sich mit seinem Text an all jene richtet, die bei den PEGIDA- und ihren Ablegerdemos mitlaufen, aber eigentlich nur einen Weg suchen, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Für Euch ist dieser Text!


Ich poste nix im Internet.

Nie!!!

Und ich äußere mich auch nicht zu politischen Themen in irgendwelchen sozialen Medien.

Aber…

Heute Abend habe ich mir auf Youtube die Interviews der Pegida-Demonstranten angesehen.
In voller Länge.
Und ja, es haben schon genug Leute Aufrufe, Appelle oder sarkastische Kommentare geschrieben. Das möchte ich hier nicht tun, zumindest nicht auf die Art und Weise, die man tausendfach zu lesen bekommt.

Was habe ich auf diesen Videos gesehen?
Menschen, die politikverdrossen sind, enttäuscht von der Regierung, enttäuscht von den Parteien. Menschen, von denen noch genug ein System erlebt haben, wo Nichtwählen ein politisches Statement war, weil es nur eine Partei zu „wählen“ gab.

Dieses Muster wiederholte sich massiv bei der letzten Landtagswahl in Sachsen. Weniger als 50% sind zur Wahl gegangen.
Ich kann auch verstehen, dass es genug Menschen gibt, die sich durch keine der zur Wahl stehenden Parteien repräsentiert fühlen.
Das Problem ist, dass eben diesen Menschen automatisch ein Desinteresse an der Politik, in diesem Fall Landespolitik, unterstellt wird. Das ist auch logisch, denn in unserer Demokratie gibt es ein Mittel, seinen Missmut über die aktuellen Parteien zum Ausdruck zu bringen, und das heißt: ungültig wählen. Seinen Stimmzettel absichtlich so gestalten, dass er nicht gezählt werden kann. Damit zeigt man, dass einem die Politik eben nicht egal ist, man aber nichts von dem wählen kann, was zur Wahl steht.

Um zur Praxis zurückzukehren:
Es ist nicht das Mittel der Wahl zu sagen: „Na, dann bleib ich halt daheim.“
Dieses Statement wird in unserer Gesellschaft nicht mehr so verstanden, wie es vielleicht der Wunsch der unzufriedenen Menschen wäre, deshalb bitte: geht wählen.

Was habe ich noch gesehen?
Menschen, die die unterschiedlichsten Sorgen und Nöte haben, die Transparente in die Luft hielten mit Forderungen, die mit Pegida genau gar nichts zu tun hatten.
Menschen, die auf die Frage, wogegen sie eigentlich demonstrieren oder was sie von den Inhalten oder dem Motto von Pegida hielten, keine Antwort zu nennen wussten, aber dann all ihre Sorgen, wegen denen sie selbst auf die Straße gehen, darlegten.

All jenen sei gesagt: Pegida ist nicht die richtige Plattform für eure Sorgen!
Jeder Bürger dieses Landes hat das Recht, seine Sorgen zu äußern und damit auch ernst genommen zu werden. Aber Pegida ist stumpfer Populismus und alleine die Namenswahl ist mehr als unglücklich getroffen.
Bestimmt sind viele der Menschen, die auf diesen „Spaziergängen“ dabei sind, keine Nazis, aber die laufen eben auch mit und die schreien leider lauter als der Rest. Deshalb pauschalisiert der Rest der Gesellschaft alle, die dort laufen, als rechts.
Im übrigen genau so, wie alle die dort laufen, „die Ausländer“ pauschalisieren, „die sich hier nur ausruhen wollen“. Gegen richtige Flüchtlinge oder ehrlich arbeitende Migranten hat bei genauerem Nachfragen niemand mehr etwas einzuwenden.
Dazu ein paar Takte:
Die jungen „Migranten“, die angeblich nichts tun, außer kriminell zu sein und Drogen zu nehmen, die gibt es nicht! Die Gruppe von Menschen, über die die Demonstranten ihren Unmut äußern, sind in den allermeisten Fällen Deutsche mit Migrationshintergrund, die als dritte oder vierte Generation in Deutschland leben, einen deutschen Pass besitzen und das Heimatland ihrer Vorfahren oft genug noch nie bereist haben. Und unter eben jenen Menschen gibt es genau so viele Kriminelle wie unter Deutschen ohne  Migationshintergrund. Es gibt auch genau so viele freundliche, fleißige, ordentliche Menschen unter ihnen.
Hier gilt dasselbe Problem wie bei der Demonstration: Die Störenfriede fallen auf, die große Masse leidet darunter.

Liebe Sachsen: Ich komme aus der Stadt Deutschlands mit dem prozentual höchsten Ausländeranteil. Wenn man dort durch die Straßen geht, sieht man viele Menschen, die den unterschiedlichsten Ethnien angehören und keiner dieser Menschen möchte einem ans Leder oder beschimpft einen auf offener Straße oder ähnliches. Jeder benimmt sich ganz normal.
Einige Demonstranten beschrieben soziale Brennpunkte. Die gibt es in jeder Stadt und die gab es auch vor 50 Jahren schon. Es wird auch immer Gegenden geben, in die sich manche Bürger nachts nicht mehr trauen, aber auch das hat nichts mit der Ethnie zu tun.
Andere bemängelten, dass es in Schulklassen mehrere Nationalitäten gäbe. Das gab es bei uns vor 15 Jahren schon. Wenn euer Kultusministerium es nicht schafft, ordentliche Bildungspolitik zu machen, hilft nur eins: wählen gehen.
Durch „Wir sind das Volk“-Rufe werdet ihr an dieser Tatsache nichts ändern.

Weiter wurde angeführt, dass in der Grundschule jetzt so schreiben gelernt werde, wie man spricht, damit „die Ausländer“ es besser lernen könnten. Diese Methode heißt „lesen durch schreiben“ und wurde von Jürgen Reichen mitentwickelt. Die ersten Grundlagen dieser pädagogischen Lehrmethode finden sich bereits im Jahr 1983. Diese bei Lehrern bis heute umstrittene Methode wurde als Alternative zum stumpfen Buchstabenlernen entwickelt und nicht extra für Migrantenkinder. Wer sich dafür interessiert, kann die Fakten gerne bei Wikipedia nachlesen.
Ich könnte noch beliebig weitere Bespiele nennen, doch möchte ich gerne ein Fazit schreiben, da ich, denke ich, genug genannt habe.
Ich finde es erschreckend, wie viele Informationsmöglichkeiten es heutzutage gibt und wie wenig sie offensichtlich genutzt werden. Ganz offensichtlich ist es bequemer, sich Allgemeinplätzen hinzugeben, anstatt die Dinge, an denen man sich stört, genauer zu betrachten. An dieser Stelle sei kurz gesagt:
BILD – ist kein Informationsmedium, sondern Dreck.
Es ist des weiteren traurig, dass die Menschen, die da auf die Straße gehen, eine falsche Plattform und eine unangemessene Methode nutzen, um ihre Probleme an die Öffentlichkeit zu tragen.

Liebe Mitbürger: Eure Probleme, wegen denen ihr dort lauft, die hört niemand. Es wird nur das gehört, was die Schreihälse, wegen denen ihr als Nazis bezeichnet werdet, von sich geben.
Wenn ihr wirklich etwas ändern wollt, gebt diesen Menschen keine Grundlage, sondern denkt über eure Sorgen einmal in Ruhe nach – und: GEHT WÄHLEN.


Ich durfte diesen Text hier teilen, mit einigen kleinen Verfremdungen, um die Anonymität zu gewährleisen.

Mit freundlicher Genehmigung von meinem Liebsten.

 

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Feminismus und Frauenparkplätze

Eines vorweg: Ich bin keine Feministin. Zumindest nicht in dem Sinn, mit dem die Medien diesen Begriff füllen. Ich verfolge Meinungen und Strömungen und bin für mich selbst zu dem Schluss gekommen, dass ich mich und meine Positionen nicht als feministisch, sondern als „aufmerksam“ definieren würde. Ich sehe nicht an jeder Ecke Bedrohungen der weiblichen Integrität und auch keine Männerhorden, die nichts anderes im Sinn haben, als den Frauen den Zugang zu bestimmten Kreisen zu verwehren. Das heißt nicht, dass es die nicht geben mag, daran zweifle ich nicht. Ich glaube nur, dass dieser Typ Mann langfristig vom Aussterben bedroht ist oder nur noch in gewissen sozialen Umfeldern überleben wird, in denen die Diskriminierung von Frauen aber nur eines unter vielen Problemen ist.

In meiner persönlichen Umgebung kenne ich eigentlich nur Männer, für die die Gleichberechtigung einer Frau vollkommen selbstverständlich ist. Was nicht heißt, dass es gewisse Schemata oberflächlich nicht gäbe: Den schweren Schrank gestern beim Umzug meiner Mutter hat mein Liebster mit einem Kumpel geschleppt. Nicht, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich die Kraft dafür nicht habe. Beide sind Handwerker. Wäre Xenia dabei gewesen, die auch im Gartenbau schafft, die hätten sie eingespannt. Brüste stören beim Möbelschleppen nicht.

Ich verfolge immer sehr aufmerksam die Diskussionen um das Thema sexuelle Belästigung und fand auch Mollys und Medizynicus‘ Aktion dazu sehr interessant. Die Ergebnisse haben mich erschreckt. Aber ich kann sie für meinen Freundinnenkreis nicht bestätigen. Vielleicht lebe ich in einer Blase. Vielleicht kommt aber bei uns einfach niemand auf die Idee, verbales Blödgequatsche unter die Kategorie von Belästigung zu packen. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Ich habe vor einiger Zeit ein sehr gutes Buch zum Thema Feminismus gelesen: Tussikratie von Teresa Bäuerlein und Friederike Knüpling (gibt es hier). Eine ausführliche Rezension davon steht schon länger auf meiner Blog-Agenda, vielleicht komme ich mal irgendwann demnächst dazu. Auch wenn die beiden Autorinnen in manchen Punkten Themen nur anreißen, bietet es ungeheuer viele Denkanstöße. Kernthese ist: Radikaler Feminismus lässt jedes Problem, das eigentlich gesellschaftlicher, sozialer oder politischer Natur ist, als ein Genderproblem erscheinen, wodurch man sich den eigentlich sinnvollen Lösungsweg, nämlich schlechte Bedingungen für alle zu ändern, aus den Augen verliert, weil man über die Männer herfällt, statt den Schulterschluss zu suchen und gemeinsam Lösungen zu finden.

Aber ich schweife ab. Ich wollte nur deutlich machen, dass ich im Normalfall in Bezug auf feministische und Genderthemen relativ unaufgeregt durch meinen Alltag gehe.

In der kleinen Großstadt, in der ich lebe, wird seit geraumer Zeit die Innenstadt erneuert. Was dringend notwendig war, denn auf der Liste der hässlichsten Innenstädte stand diese recht weit oben. Aber die Stadt ist sehr bemüht, sich trotz der Nähe zur großen Großstadt ein eigenes Profil zu erhalten, mit Kulturprogrammen, Sportevents und eben auch einer attraktiven Innenstadt.

Im Rahmen der Erneuerung wurde die Tiefgarage unter dem zentralen Platz komplett saniert. War auch dringend notwendig. Jetzt ist sie schick und hell und viel besser aufgeteilt.

Es gibt dort auch Frauenparkplätze.

Grundsätzlich stört mich das nicht, ich finde es gut, wenn diese Plätze nah am Eingang sind, gut ausgeleuchtet, in der Nähe einer Notrufeinrichtung usw. Ich rege mich auch nicht über rosa gestrichene oder mit Blumen verzierte Muster auf Boden und Wänden drumherum auf, die mal in einer größeren Stadt bis zu Demonstrationen von Feministinnen gegen dieses Klischee geführt haben. Meinetwegen sollen die Dinger Blumen tragen. Das tun sie in der bewussten Tiefgarage aber noch nicht mal.

Aber: Die Parkplätze sind alle rechtwinklig zu den Fahrstreifen angeordnet. So passen immer drei zwischen zwei Säulen. Das ist völlig okay. Die Frauenparkplätze, die in der zentralen Reihe vorne sind, sind aber schräg angeordnet, so dass man bequem reinfahren kann, ohne in eine 90°-Lücke zu rangieren. Dafür passen nur zwei zwischen zwei Säulen.

Und das fuchst mich unfassbar. Denn das, was da gemacht wurde, ist in meinen Augen echter Sexismus. Hier wurde Frauen nämlich keine gesellschaftlich induzierte Vorliebe unterstellt (wie bei rosafarbenen, blumenverzierten Plätzen), sondern hier wurde den Frauen eine physische Fähigkeit abgesprochen: „Frauen können ja nicht so gut einparken“, wird sich da ein gutmütiger Planer gedacht haben, „also machen wir die Plätze mal größer und bequemer.“ Das war ganz sicher nett und rücksichtsvoll gemeint. Aber das ist tatsächlich die gefährliche Variante von Sexismus, denn sie ist unbewusst und spricht den Frauen eine objektive, physische Begabung ab. Und das ist in der Tat brandgefährlich. Ich bin sehr locker eingestellt, was manche sozialen Prägungen und Einstellungen in Bezug auf Geschlechtsunterschiede angeht, weil man die erkennen und im Zweifelsfall aushebeln kann. Aber eine biologische Komponente bedeutet, die Unterschiede auf objektive Umstände zurückführen zu wollen, und das ist – im Wortsinn – sexistisch.

Klar, vielleicht stand da der Gedanke dahinter, dass Frauen öfter mit Kinderwagen hantieren. Aber dann, bitteschön, macht Eltern-Kind-Parkplätze draus! Ich sehe jeden Morgen beim Pendeln mehr Männer als Frauen mit Kinderwagen, die ihre Kinder vor der Arbeit noch in die Kita bringen. Das sollte auch in den Köpfen mancher Stadtplaner allmählich ankommen.

 
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Verfasst von - 30. Oktober 2014 in Gesellschaftliches, persönliches

 

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Die Macht der Sprache

Am Freitagnachmittag lag ich, gesundheitlich angeschlagen, dösend auf unserer Couch und verfolgte unaufmerksam einen Fernsehbericht zum Thema „Der 2. Weltkrieg in Asien“. Mein Liebster und ich sind sehr große Fans des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, leider häufen sich in den sonst eigentlich gut durchmischten Dokumentationen und Reportagen der Dritten derzeit die Berichte über den 2. Weltkrieg. Irgendwie hat man alles schonmal gehört – in meiner Generation hörte man ab der 8. Klasse im Schnitt alle zwei Jahre in Geschichte, Gemeinschaftskunde oder Deutsch irgendwas zum Thema 2. Weltkrieg – insofern taugen Berichte a la „Luftkrieg über England“ irgendwann nur noch als Einschlafhilfe. So ähnlich wollte ich es auch hier halten, als mir eine Formulierung ins Bewusstsein drang, die mich dann doch dazu animierte, die Augen wieder aufzumachen.

„(…) als Nazi-Deutschland Polen überfiel (…)“

 

„Nazi-Deutschland“. Das Wort wird in letzter Zeit in Dokumentationen gerne genutzt, aber meines Wissens erst seit einiger Zeit (jedenfalls ist es mir früher nie aufgefallen, und in Geschichtsbüchern findet es sich garantiert nicht). Ich finde das sehr interessant, denn das Wort als solches verrät einiges über unseren Umgang mit der Vergangenheit.

Natürlich ist es ein ungeheuer vereinfachender Begriff, denn jeder, der sich auch nur ein kleines bisschen mit Geschichte oder Gesellschaft befasst, ist sich bewusst, dass ein Land niemals als Land handeln kann – es sind immer Menschen, und deren Unterschiedlichkeit, deren Heterogenität und Widersprüchlichkeit wird durch ein solches Wort vollkommen nivelliert. Doch Reportagen leben von Zuspitzung und Vereinfachung, deswegen war es nicht das, was mich an dem Wort aufschreckte. Nein, der Begriff „Nazi-Deutschland“ suggeriert eine Differenz. Eine Differenz zu uns, zu „Deutschland“ heute.

Man könnte jetzt hier das Fass aufmachen und anfangen, von der Übertragung der Schuld von einer Generation auf die nächste zu sprechen, von der Müdigkeit der jüngeren leute, sich die Verbrechen der Eltern – inzwischen oft sogar Großeltern – immer wieder vorhalten lassen zu müssen, doch soweit will ich nicht gehen. Aber der Sprachgebrauch von „Nazi-Deutschland“ verweist genau in diese Richtung: Das, damals, 1933-1945, das war „Nazi-Deutschland“, das waren nicht wir, nicht das, was Deutschland heute ist, es waren böse Menschen, Nazis, die andere Länder überfielen und himmelschreiende Verbrechen begingen.

Das stimmt aber so nicht. „Nazi-Deutschland“ ist ein Euphemismus, in der besten Nachfolge des Regimes, von dem er sich abzugrenzen versucht. Vor „Nazi-Deutschland“ gab es das „Deutsche Reich“, davor unzählige Fürstentümer und irgendwann davor das „Heilige römische Reich deutscher Nation“. Dennoch definieren wir alles dies als „Deutschland“. Historisch korrekt wäre eine politsche Bezeichnung wie „Das 3. Reich“, das dann in einer Reihe mit den vorgenannten deutschen Reichen genannt werden könnte. Aber das ist nicht der Sinn, den der Ausdruck „Nazi-Deutschland“ transportiert. Hier geht es nicht um hisorische Korrektheit. Hier geht es um eine Differenzierung zwischen „uns“ und „denen damals“.

Diese Differenzierung ist aber nichts als eine sprachliche Täuschung. Das Land damals war genauso heterogen wie das unsrige, es gab viele, die folgten, wenige, die führten und mehr als eine Gruppierung, die sich verweigerte. Viele der Menschen, die folgten, waren vielleicht nicht wirklich erfasst von der nationalsozialistischen Gesinnung, doch sie hielten es für klüger, sich in Zeiten, in denen es nach langer Depression endlich wieder aufwärts ging, nicht zu beschweren. Natürlich gab es auch viele, die der Ideologie begeistert folgten, doch leider, leider ist diese menschliche Eigenschaft nicht nur der deutschen Bevölkerung zwischen 1933 und 45 innewohnend gewesen. Aber genau das will der Begriff „Nazi-Deutschland“ sagen.

Das waren nicht wir.

Die damals waren böse.

Sowas würde heute niemals mehr passieren können.

Wirklich nicht?

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen damals und heute. Doch die Menschen, die damals einem Führer zujubelten und ihn unterstützen, sind nicht vom Himmel gefallen. Vor 1933 waren sie in der Gesellschaft des Deutschen Reiches verankert, nach 1945 blieben viele unterhalb der von den Besatzern verurteilten Führungsschicht in einflussreichen Positionen und beteiligten sich am Wiederaufbau des Landes. Ihre Ideologie verbargen sie, manche davon wurden enttarnt, doch viele wurden es nicht.

Wir, das Deutschland von heute, trägt noch immer das Erbe von damals. Wir sind kein anderes Land. „Nazi-Deutschland“ versucht eine begriffliche Grenze zu ziehen, die nicht existiert. Es will uns von unserer Schuld freisprechen. Das kann aber nicht funktionieren. Und es sprachlich zu verankern, ist gefährlich. Sprache prägt unser Bewusstsein, formt unser Bild von der Wirklichkeit. Und die ist nicht durch Euphemismen zu beschönigen.

 

 

 

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