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Schlagwort-Archive: Bücher

Lesen als Lust

Ich gebe es zu, ich bin altmodisch. Ich lese gerne! Und zwar nicht nur gerne, sondern mit Lust. Dabei bin ich auch innerhalb der Leserschaft ganz besonders altmodisch, denn ich hasse die Vorstellung, zum Lesen etwas anderes als ein schönes, gebundenes Buch in den Händen zu halten. Wenn ich mir einen Laptop oder iPad auf die Knie lege, kann ich auch fernsehen. Taschenbücher gehen noch, aber gerade so. Ich mag es nicht, dass man die Seiten festhalten muss, damit sie nicht sofort wieder zusammenflitschen, wenn man das Buch nur einmal kurz ablegt. Alternativ kann man natürlich den Pappeinband des Buchrückens knicken, dann bleiben die Seiten offen. Aber im Ernst: Wie sieht so ein Buchrücken dann im Bücherregal aus? Außerdem kommen Taschenbücher nie ganz an den Geruch eines gebundenen Buchs heran. Ganz zu schweigen davon, wie sie sich in der Hand anfühlen. Lesen beschäftigt eben mehr Sinnesorgane als nur die Augen.

Was Lesen angeht, bin ich durch und durch Hedonistin, und das gebe ich gerne zu. Mehr noch: Ich bin ein bisschen stolz darauf. Lesen, aber auch die Bücher an sich, sind für mich etwas ganz besonderes. Sie gehören zu meiner Lebenseinstellung, zu meiner eigenen Vorstellung von mir.

Natürlich sind Vorstellungen etwas Zentrales beim Lesen. Nicht nur, dass man sich ganze Welten innerhalb der Bücher, die man liest, imaginiert, nein, auch das Lesen an sich ist bei mir mit Vorstellungen verknüpft. Einem Ohrensessel, beispielsweise. Einem knisternden Kamin, einem Wein, einem Stück herber Schokolade. Gut, mangels der beiden ersteren muss ich eben mit der Couch und ein paar Kerzen vorlieb nehmen, aber der Rest ist umsetzbar. Und er klingt ganz furchtbar nach Ruhe und Gemütlichkeit.

Das Komische an der Sache ist, dass ich eigentlich nie mit den Kerzen, dem Wein und der Schokolade auf der Couch sitze. Viel häufiger sitze ich in der S-Bahn, wenn ich ein Buch in der Hand habe, und trinke statt Wein höchstens aus meiner kleinen Wasserflasche. Aber trotzdem: Wenn ich ein gutes Buch lese, dann wird die S-Bahn zum Kaminzimmer. Zumindest ein bisschen. Und das ist das Tolle daran. Das ist ungefähr wie im Kino: Licht aus, die Leinwand wird hell, alles um einen herum ist weg. Zumindest, bis der Film vorbei und das Licht wieder an ist. Dann erst stellt man fest, wo überall das runtergefallene Popcorn gelandet ist, was einem vorher noch furchtbar egal war.

Wenn man den Film dann später daheim auf DVD schaut, hat man immer das Gefühl, nicht mehr den gleichen Film wie im Kino gesehen zu haben. Und das liegt nicht nur an der (meistens) deutlich kleineren Fläche, auf der man den Film sieht, sondern auch an der Umgebung. Im eigenen Wohnzimmer, vielleicht noch mit Flugzeuggeräuschen über und dem erkälteten Partner neben sich, kann man einfach nicht so abschalten.

Beim Lesen ist das anders – zumindest bei mir. Wenn ich in einem Buch verschwunden bin, dann bin ich das auch. Fast verpasste Haltestellen gehören da genauso zu meinem Erfahrungsschatz wie der Partner, der mich dreimal anreden muss, ehe ich überhaupt was mitbekomme.

Ich habe mich oft gefragt, warum ich so gerne lese, während es so viele Menschen gibt, die das gar nicht gerne tun. Wahrscheinlich hat es irgendwas mit Vorlesen in der Kindheit oder weiß der Teufel was zu tun. Aber das eigentlich Erstaunliche ist, dass mir mein Studium nicht die Freude am Lesen verdorben hat. Als Germanistikstudentin habe ich oft gehört: „Aha, Germanistik? Naja, du liest ja gerne.“ Ja, aber wer das sagt, hat keine Ahnung, wie sehr die Leselust unter dem Zwang, Bücher lesen zu müssen, leiden kann. Und gerade Sprachwissenschaft kann so knochentrocken zu lesen sein wie ein Jahresabschluss in der Buchhaltung.

Trotzdem lese ich heute wieder gerne (nach einem halben Jahr totaler Abstinenz nach den Abschlussprüfungen). Erst heute saß ich vor meinem Rechner und habe mir ein Buch über die deutsche Sprache bestellt. Natürlich nicht so hochwissenschaftlich wie Aufsätze in der Germanistik, aber doch immerhin wissenschaftlich genug, um mein Interesse an der Sprachwissenschaft sofort anspringen und mich das Buch kaufen zu lassen. Und jetzt freue ich mich wie ein kleines Kind auf die Lieferung. Ich bin zwar glücklich, mein Studium hinter mir zu haben, aber nur, weil ich jetzt arbeite, vergesse ich ja nicht sofort, was mich im Studium fasziniert und beschäftigt hat.

Lesen bindet einen. Nicht nur an Interessensgebiete, die es abdecken kann, sondern auch an einen selbst. Seit vielen, vielen Jahren habe ich mal wieder Sofies Welt von Jostein Gaarder in die Hand genommen. Und festgestellt, wie sehr sich der Blick auf so ein Werk und auch auf einen selbst verändert kann. Und auch das Verständnis von der Welt um einen herum. Ich habe gesehen, wo ich mich veränderte, seit ich das Buch zum letzten Mal aufgeschlagen habe. Ob diese Veränderungen gut oder schlecht sind, ist eine andere Frage, aber immerhin sind sie nun mal aufgefallen.

Lesen bildet. Diese Aussage ist zum geflügelten Wort geworden. Ob sie stimmt, hängt allerdings ziemlich davon ab, was man liest. Wer nur und ausschließlich die Bildzeitung liest, dem stelle ich nicht nur eine Bildung durch diese Zeitung, sondern generell ein Bildungsinteresse in Abrede.

Auch, wer nur historische Liebesromane konsumiert oder sich einen Ratgeber nach dem anderen reinzieht, liest meiner Meinung nach nicht wirklich. Lesen als Bildung, als Vergnügen, inhäriert den Anspruch, mit diesem Lesen etwas mehr von der Welt zu erfahren. Natürlich kann das auch Unterhaltungsliteratur, keine Frage, vor allem, wenn man nicht ausschließlich immer die gleichen Themen liest. Lesen hat etwas mit Vorstellungskraft zu tun, und diese zu schulen, heißt auch, sich selbst neugierig auf mehr zu machen.

Vielleicht ist es diese Kraft der Imagination, die das Lesen so einzigartig und auch so wichtig macht. Wer fernsieht, muss sich nichts vorstellen, wer Comics liest, auch nicht. Lesen ist da anders. Die Fähigkeit, in Buchstaben, die man mit den Augen aufnimmt, Sinn und Leben zu erwecken, in seinem Inneren eigene Welten zu erschaffen, ist etwas Besonderes. Vor allem in einer Zeit, in der der Phantasie des Einzelnen die Masse der medialen Überfrachtung entgegensteht. Lesen bedeutet das Gegenteil vom medialen Multi-tasking. Vielleicht läuft noch Musik leise im Hintergrund, aber alles andere wird ausgeblendet. Es ist nicht wichtig. Wichtig ist das, was in dem Buch passiert, oder, wenn es kein Roman ist, was mir das Buch vermitteln will. Eine traute Zweisamkeit entsteht, zwischen mir und meinem Buch. Für den Moment, in dem ich lese, brauche ich nichts und niemand anderen. Vielleicht redet man hinterher mit anderen über das Buch, vielleicht tauscht man sich über Vorstellungen aus, die man mit dem Inhalt verbindet, diskutiert sogar darüber. Das Schöne dabei ist, dass niemand am Ende Recht haben kann. Denn wie ich mir Sofies Garten mit der geheimen Höhle, in der sie die Briefe ihres seltsamen Philosophielehrers liest, vorstelle, ist ganz allein meine Sache. Jemand anderes mag sich den Garten, den er aus exakt der gleichen Beschreibung wie ich imaginiert hat, völlig anders vorstellen, aber das ist in Ordnung. Keiner hat Recht und keiner Unrecht. Und so zeigt Lesen auf diese Weise, dass es für die gleiche Sache verschiedene Lösungswege geben kann. Und das bildet. Nicht im Sinne von abrufbarem Wissen, aber es bildet und prägt die eigene Sicht auf die Welt.

Eines der größten Lese-Phänomene unserer Zeit ist sicherlich J.K. Rowlings Harry Potter. Mit ihrer klaren, einfachen Sprache hat sie unzählige Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene zum Lesen animiert. Die Bilder, die ihre Sprache zeichnet, sind unglaublich facettenreich und detailliert, gleichzeitig aber ungeheuer lebendig. Und nicht zuletzt steckt hinter dem Gesamtwerk eine Handlung, deren Tragik und Komplexität sich keinesfalls hinter großer Literatur verstecken muss. Diese Durchdachtheit des Gesamtwerkes ist es auch, die deutlich macht, dass diese Bücher keine Fortsetzungsreihe sind, sondern als Einheit angelegt wurden, was sie etwa von der ermüdenden, endlosen Twilight-Reihe abgrenzt.

Schade ist nur, dass auch hier die mediale Überfrachtung der Phantasie des Einzelnen den Raum streitig macht. Kaum war der Erfolg der Buchreihe um den Zauberlehrling groß genug geworden, um auch Hollywood zu erreichen, gierte man dort um die Filmrechte. Der zauberhaften Atmosphäre der Welt von Harry Potter wurde der Prometheus‘sche Funke, den normalerweise der Leser hinzufügt, mit Gewalt eingepflanzt und nach den Vorstellungen weniger Einzelner gestaltet. Herausgekommen ist eine zwar probate, nichtsdestotrotz aber irgendwie seelenlose, konsumierbare Variante der Harry-Potter-Welt. Schade.

(Dass das natürlich nicht immer so ist, zeigt die meisterhafte Verfilmung Peter Jacksons von Herr der Ringe. Aber man sollte bedenken, wie viele Jahre vergehen mussten, ehe jemand seine ganze Liebe und Kraft in das Projekt steckte, Mittelerde ein Antlitz zu geben. Und das ist der Unterschied zwischen Filmen, die aus kommerziellen Gründen produziert werden und solchen, in denen wirklich Herzblut steckt.)

Bücher sind immer nur eine Hälfte des Lesevergnügens. Die andere Hälfte kommt von den Lesern, ihrer Freude, ihrem wachen Geist und ihrer Vorstellungskraft. Der Bereitschaft, sich einzulassen und alles Äußere auszublenden. In diesem Sinne: Schaltet mal wieder ab!


Ich räume gerade meine Festplatte auf und bin auf einen Text von mir aus dem Jahr 2010 gestoßen, der mir sehr gut gefällt und den ich euch nicht vorenthalten wollte. Leider hat meine Leselust seit damals abgenommen – bzw. wurde aus Zeitmangel stark eingeschränkt.

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Verfasst von - 5. April 2016 in Allgemein, Linguistik, persönliches, Sprache

 

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Halloween, Teil 7 (Ende)

voriger Teil: hier


 

„Tiger?“, erwidert der Polizist. „Hat der Tierpark nicht Tiger?“ Der Notarzt nickt. „Einen oder zwei.“ Abrupt greift der Polizist zum Handy. „Dann sollten wir überprüfen, ob das immer noch so ist.“

„Das gilt auch für den Zirkus Krone!“, ruft ihm der Notarzt noch hinterher. Dann wendet er sich an seinen Kollegen.

„Glauben Sie das wirklich?“ Der seufzt. Dann sieht er auf, denn es ist ein weiterer Wagen angekommen: ein Leichenwagen. Zwei Bestatter steigen aus und holen eine Bahre aus dem Kofferraum. Der Gerichtsmediziner führt seinen Kollegen am Arm zwei Schritte beiseite.

„Keine Ahnung. Das – oder ein tollwütiger Fuchs.“ Er blickt hinter sich. „Ein verdammt großer, tollwütiger Fuchs.“

Als die beiden beiseite gehen, hat Edward Zeit, sich den Toten anzuschauen – es ist selbst für ihn kein schöner Anblick. Der Mann dürfte mittleren Alters gewesen sein, gekleidet in eine altmodische  Jogginghose und -Jacke. Die Ballonseide der Jacke ist so zerrissen, dass einzelne Fetzen davon überall auf dem Boden herumliegen. Der Geruch nach menschlichem Blut umgibt den Leichnam wie eine dichte Wolke. Seine Arme liegen in einem eigenartigen Winkel neben seinem Körper, als wären sie ihm gebrochen worden, als er versuchte, den Angreifer abzuwehren. Der Hals des Opfers sieht am schlimmsten aus: Als wären ganze Stücke herausgebissen – und auf der rechten Seite kann er durch die weggerissenen Muskeln die freiliegende Schlagader sehen, aus deren tiefem Riss allerdings kein Blut sickert.

Als die beiden Bestatter ankommen, zieht er sich zurück. Da es hier nichts mehr zu beobachten gibt, richtet er seine Aufmerksamkeit auf den Sanka, auf dessen Stufen, in eine Decke eingehüllt, eine Frau sitzt. Ihr Gesicht ist vollkommen verquollen, ihre Haare aufgelöst. Auf ihrem Schoß sitzt ein kleiner Hund, den sie streichelt, während ein Polizist mit ihr spricht. Edward nähert sich behutsam dem Fahrzeug bis auf Hörweite.

„Nein, wie schon gesagt“, hört er die zittrige Stimme der Frau, „es ging so schnell … es sprang ihn an, und er schrie so fürchterlich, so fürchterlich … und ich schrie auch, und dann … ich weiß auch nicht, ich dachte, es würde mich angreifen“, sie schluchzt auf, „aber dann … dann …“ Sie zögert und scheint zu versuchen, sich zu erinnern, „es lief weg … wie gejagt.“

„Lief es vor Ihnen weg?“, fragt der Polizist, und er wirkt, als habe er die Frage schon dreimal gestellt, „oder vor etwas anderem?“

„Ich weiß es nicht … in einem Augenblick wandte es sich zu mir um, und dann … dann rannte es weg.“

„Im gleichen Augenblick?“ Sie schüttelt den Kopf.

„Nein, es war auf halbem Weg zu mir. Es … es …“, sie zögert, „es wollte mich töten …“

„Und was hat es dann zur Flucht bewegt?“, hakt der Beamte nach. Die Frau schlägt die Hände vors Gesicht.

„Ich weiß es nicht!“ schluchzt sie, „ich kann mich einfach nicht mehr erinnern!“ Sie beginnt, hemmungslos zu weinen. Der Beamte reicht ihr ein Taschentuch und berührt sie beruhigend an der Schulter.

„Sie waren sehr tapfer. Sie haben mir schon sehr geholfen. Ruhen Sie sich jetzt aus.“ Er winkt einem der Sanitäter, der sich daraufhin der Frau annimmt.

Hinter Edward wird plötzlich Gebell laut. Er dreht sich um. Drei Polizisten mit Schäferhunden nähern sich der Absperrung. Und der Hund, der ihm am nächsten ist, schlägt so abrupt an, dass Edward beschließt, es sei nun ein guter Zeitpunkt, sich zurückzuziehen.

Als er wieder den Bereich der Ringbrücke betritt, bleibt er stehen und ruft nach seinem Vogel. Es ist spät geworden, und er spürt die Nähe des Tages. Da er einen Zugang in den Grundpfeilern der Brücke kennt, macht er sich darum keine Sorgen. Er wird rechtzeitig in die Dunkelheit verschwinden können.

Da hört er plötzlich ein Geräusch, fast unmittelbar hinter ihm. Erschrocken wendet er sich um.  Eine Gestalt ist wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie kann nur aus dem oberen Bereich der Brückenpfeiler heruntergesprungen sein, sonst wäre sie ihm vorher aufgefallen.  Obwohl er nicht aus dem Schatten getreten ist, drückt er sich unwillkürlich an den kalten Beton. Doch die Gestalt nimmt ihn nicht wahr. Sie wendet sich zur Hirschau und beobachtet die Szenerie jenseits der Baumgruppe.

An der Silhouette, die durch eng anliegende Kleidung betont wird, erkennt er, dass es sich um eine Frau handelt. Doch irgendetwas scheint mir ihr nicht zu stimmen. Sie humpelt, als sie sich bewegt, und ihre Jacke sieht aus, als sei der linke Ärmel an der Schulter aufgerissen. Gerade als Edward überlegt, ob er bleiben oder gehen soll, dreht sie sich abrupt um und geht. Sie kommt bis auf wenige Schritte an ihm vorbei, und er kann ein Schaudern nicht unterdrücken: Trotz der dunklen Blutflecken auf der Jacke, die von Bisswunden am Hals stammen, und der durch eine tiefe Wunde aufgerissenen Wange würde er Susanne von Wittelsbach überall erkennen.


 

Hier endet dieser Geschichtenabschnitt vorläufig, denn meine Spielgruppe ist noch nicht nennenswert weiter gekommen. Aber ich freue mich über Spekulationen meiner Leser, das passiert sein könnte und wie es weiter geht. 😉

 
 

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Halloween – Alptraum, Teil 6

Zum vorigen Teil geht es hier


 

Hoch über ihnen fliegt in einem der Bäume kreischend ein Rabe auf. Anoush blickt nach oben und sieht, dass der Himmel merklich heller geworden ist.

„Wir müssen weg hier!“, flüstert sie Christoph zu. Der nickt; gleichzeitig sieht sie an seinem Blick, dass auch er darum kämpft, mit seinem Bewusstsein wieder in die Gegenwart zu gelangen.

Mit ihrer Hilfe gelingt es ihm dieses Mal, die Böschung zu überwinden. Oben angekommen tritt Anoush hinaus auf den Weg und schaut sich suchend um; um diese frühe Uhrzeit ist eigentlich immer mit Fußgängern im Park zu rechnen, den ersten Joggern oder Hundebesitzern. Grade letztere wären im Augenblick eine Katastrophe, denn trotz des Wassers riecht Christoph noch immer fürchterlich nach Blut.

Doch im Augenblick ist alles ruhig. Sie stößt einen leisen Pfiff aus, und Christoph kommt zu ihr auf den Weg. Nach einem weiteren Blick nach hinten – noch immer blitzen die Blaulichter – gehen die beiden raschen, doch äußerlich ruhigen Schrittes zum P1 zurück.

Als der dunkle Wagen in ihr Blickfeld kommt, will Anoush vor Erleichterung am liebsten aufschluchzen. Gleich ist es geschafft.

„Einen schönen guten Morgen, die Herrschaften“, tönt es in diesem Augenblick an ihr Ohr, und fast genau vor ihr erscheinen gleichsam aus dem Nichts zwei uniformierte Gestalten, von denen eine einen Hund an der Leine führt. „Wir haben einen Zwischenfall in der Hirschau, ich muss Sie um Ihre Personalien bitten… Hey! Bruno, aus jetzt!“

In diesem Augenblick sieht Anoush, dass der Schäferhund sich fast stranguliert, während er wie ein Wahnsinniger Christoph verbellt. Knurrend und zähnefletschend versucht er, sich auf den Mann zu stürzen, der sich wie ein dunkler Schatten hinter ihr ausmacht. Und dann geht plötzlich alles blitzschnell.

In dem Augenblick, in dem die Aufmerksamkeit der beiden Polizisten auf ihren Hund gerichtet ist, spürt sie die Bewegung, die ihr Erzeuger hinter ihr macht, spürt sein Knurren mehr, als dass sie es hört, und von einer Sekunden auf die andere weicht der Hund jaulend und wimmernd zurück, springt hoch und ergreift die Flucht. Sein Herrchen ist zu überrascht, um auf den plötzlichen Rückzug des Tieres zu reagieren, und so pest der Hund mit eingezogenem Schwanz in den Englischen Garten davon. Fluchend rennt der Hundeführer hinterher.

Der zweite Polizist wendet sich ebenso überrumpelt wieder den beiden zu, und Anoush ergreift blitzschnell ihre Chance. Sie berührt den Mann an der Schulter, und als er daraufhin aufschaut, bohrt sie ihren Blick in seinen.

„Keine Ursache, wir sind doch gern behilflich“, sagt sie leise und eindringlich, mit einem fast hypnotischen Singsang in der Stimme, „aber jetzt sollten Sie mal lieber Ihrem Kollegen helfen gehen. Der Hund sah nicht gut aus.“

Der Polizist schluckt, nickt und verschwindet nach einem Gruß in die Nacht. Hinter sich hört Anoush ein leises Geräusch. Es könnte ein Lachen sein, aber auch ein Stöhnen.

„Gut gemacht, Kind“, bringt Christoph mühsam hervor.

Plötzlich fällt die gesamte Anspannung von ihr ab, und sie wird wahnsinnig müde.

„Jaja … komm jetzt. ich will endlich nach Hause.“

 

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Halloween – Alptraum, Teil 5

Schon nachdem er die ersten Meter in den Park gelaufen ist, bemerkt Edward am Himmel über der Hirschau ein blau blinkendes Lichtermeer. Was auch immer der Vogel beobachtet hat, es ist offensichtlich kein Geheimnis mehr. Edward flucht leise. Er fällt in einen unregelmäßigen, humpelnden Trab, denn die Hirschau ist ein paar Kilometer entfernt.
Als er unter der Brücke des Isarrings ankommt, nutzt er die Chance, mit dem Schatten zu verschmelzen. Er pfeift seinen Vogel zu sich.
„Lass mich sehen, was du siehst“, flüstert er leise. Mercutio trippelt erregt hin und her, doch er kennt den Befehl und weiß, was zu tun ist.
Edward wartet geduldig im Schatten der Brücke. Eine Baumgruppe mit dichtem Gebüsch darunter versperrt ihm die Sicht, doch sobald er ein Bild der Lage hat, kann ihm diese noch sehr nützlich sein. Er zählt jedoch im Augenblick drei Streifenfahrzeuge, einen Rettungswagen und ein fünftes Fahrzeug, das halb hinter dem Sanka verborgen und wahrscheinlich ein Notarztfahrzeug ist.
Als der Rabe zurückkehrt, ist dieser immer noch so aufgeregt, dass es schwer ist, aus seinem Gekrächze die relevanten Infos herauszuholen. Doch schließlich weiß Edward, was ihn etwa hinter den Bäumen erwartet. Er schickt Mercutio fort; der Vogel soll die Ausgänge des Englischen Gartens im Auge behalten, vor allem die an der Prinzregentenstraße, da dort um diese Uhrzeit Jogger und Hundebesitzer unterwegs sind.
Behutsam überquert er die Freifläche bis zu den Bäumen, doch seine Vorsicht ist unnötig. Niemand ist auf dieser Seite der Bäume, der ihn sehen könnte – wenn er ihn sehen könnte.
Langsam durchquert er das Gebüsch und sucht sich einen Platz, an dem er gut sehen kann. Der Platz rund um das Geschehen ist großzügig mit rot-weißen Banderolen abgesperrt. Die Polizisten sichern den Tatort und suchen nach Spuren. Edward hat oft genug die Arbeit der Polizei beobachtet, wenn mal wieder ein Mensch seinem Leben mittels einer U- oder S-Bahn ein Ende gesetzt hat. Interessanter ist der Notarzt, der sich gemeinsam mit einem in Zivil gekleideten Mann über etwas ganz in der Nähe des Gebüschs beugt. Als er sich dorthin bewegt, erkennt er, dass das nicht das mysteriöse Tier ist, von dem Mercutio berichtet hat, sondern das Opfer.
Das erste, was er sieht, ist, dass das Gras überall nass und rot ist. Der Radius und auch die Art, wie die beiden Menschen damit umgehen, lassen darauf schließen, dass derjenige nicht mehr am Leben ist. Nach kurzem steht der Notarzt auf. Während er sich die Kleidung richtet, fragt er:
„Was schätzen Sie, Herr Kollege?“ Der richtet sich ebenfalls auf.
„Nun“, antwortet er und nimmt dabei seine Brille ab, „wie schon vorhin gesagt: Ich bin genauso ratlos wie Sie. Wenn ich mir das so ansehe…“ Er zögert, sieht auf die Gestalt herab und hebt dann die Schultern. „Es sieht aus wie der Angriff eines Tieres.“
„Ein Tier?“, erwidert der Notarzt. „Sie denken dabei nicht an einen Fuchs, nehme ich an?“ Der andere, den Edward für einen Gerichtsmediziner hält, schüttelt den Kopf.
„Nein. Ich rede hier noch nicht mal von der Größenordnung eines Wolfes.“ Er zögert. „Ich war direkt nach meinem Studium für Ärzte ohne Grenzen in Sri Lanka. Das hier…“ Ein Polizist in Uniform tritt zu den beiden.
„Die Umgebung wurde abgesucht“, sagt er, „außer der Augenzeugin ist niemand hier. Aber sobald die Kollegen den Park abgeriegelt haben, kommen nochmal drei Hundeführer her. Die sind noch an den Eingängen.“ Edward fällt auf, dass der Mann versucht, den Blick auf den Toten zu meiden. „Und?“
„Die Art der Verletzungen spricht für einen Tierangriff“, widerholt der Gerichtsmediziner, „die Wunden sind lang, meist nebeneinander, aber gerissen, nicht sauber geschnitten. Ein Messer fällt aus. Und ich bezweifle, dass jemand mit einer anderen Waffe so einen Schaden anrichten kann – vor allem in der Kürze der Zeit. Und dann: Schauen Sie sich den Hals an. Das ist ein Bissschema. Außer der Angreifer hat sein Tun dadurch vertuschen wollen, indem er mit zwei abgebrochenen Bierflaschen Stücke aus dem Hals des Opfers gehackt hat.“ Der Polizist tritt unwillkürlich einen Schritt zurück und hebt abwehrend die Hände. „Genug, genug! Laut der Zeugin ging das Ganze auch sehr schnell. Und auch sie spricht von einem Tier… aber sie sagt, es wäre ein sehr großes Tier gewesen.“ Der Notarzt wendet sich wieder an seinen Kollegen:
„Was wollten Sie über Sri Lanka sagen?“ Der Angesprochene zögert unmerklich, ehe er antwortet: „Ich war in einer Gegend im Nationalpark. Wir hatten da einige Angriffe, deren Spuren ähnlich aussahen. Von Tigern.“

 
 

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Halloween – Alptraum, Teil 4

Wieder hat sie das Gefühl, nicht Herr ihrer Schritte zu sein, als sie sich dem jenseitigen Ufer nähert. Die großen Wurzeln einer Blutbuche sind hier freigespült und liegen wie riesige Adern bloß. Und da, genau vor ihr, zwischen den Wurzeln, da liegt etwas, was da nicht hingehört …

Sie streckt die Hand aus, und da erwacht der Schatten zum Leben. Ihre Hand berührt nassen, klebrigen Stoff, der sich jedoch unter ihren Fingern wegbewegt. Und dann packt plötzlich eine Hand nach ihrer und schließt sich fest um ihre ausgestreckten Finger.

„Christoph!“ Sie zieht ihn hoch, und er fällt ihr in die Arme. Sein Körper ist schwer und schlaff, und sie spürt, wie Nässe durch ihre Kleider dringt. Er drückt sie fest an sich.

„Anoush“, flüstert er, „ich habe so gehofft, dass du es rechtzeitig schaffst…“ Sie spürt, dass er zittert.

„Still“, antwortet sie, und ihre Stimme klingt beruhigend, auch wenn sie das nicht fühlt, „komm, lass uns verschwinden.“

Christoph lehnt sich schwer auf sie, als sie ihn durch das Bachbett führt. Das Ufer ist hier zu steil zum Herausklettern, und sie will zu der Ausstiegsstelle zurück. Immer wieder stolpert Christoph über die Wurzeln, die aus dem Bachbett ragen. Einmal gleitet er aus und reißt sie beide um. Das eisige Wasser umspült sie, und Anoushs Kopf wird wieder klarer.

„Komm schon!“ Sie blickt auf ihre Uhr. Allzu viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr. „Wir müssen hier raus!“

Sie hat keine Ahnung, was geschehen ist, sie weiß nur, dass sie hier weg muss, mit ihrem Erzeuger, der kaum laufen kann, und dessen Kleidung nicht nur vom Wasser durchtränkt und klebrig ist. Eisern bezwingt sie die aufsteigende Angst.

Als sie endlich an der Stelle sind, an der man das Bachbett halbwegs mühelos verlassen kann, stellt sie fest, wie schwach Christoph wirklich ist. Obwohl sie es mehrfach versuchen, kann er sich nicht über die Uferkante des Flüsschens ziehen. Nach drei, vier Versuchen lässt Christoph plötzlich los, und sie rutschen auf dem lehmigen Uferstück zurück ins Wasser.

„Oh, Christoph!“ Nun kann sie den verzweifelten Unterton in ihrer Stimme nicht mehr zurückhalten. „Was ist denn nur passiert!?“

Sie hält ihn wie ein Kind in ihren Armen, und erst jetzt sieht sie bewusst, was sie die ganze Zeit versucht hat, zu ignorieren: Sein Gesicht ist zerkratzt und zugerichtet, als sei er in einen Hundekampf geraten. Die Teile seiner Kleidung, die sie sehen kann, sehen nicht besser aus. Seine Haut ist blass und feucht, nicht nur vom Wasser, sondern auch von Schweiß, dessen Blutgeruch sie wahrnehmen kann. Er öffnet sie Augen, und sie sieht, dass sein Blick trüb ist.

„Scheiß drauf!“, flucht sie. Sie schiebt sich so nah ans Ufer, wie es ihr möglich ist und zieht ihn fest an sich. Natürlich weiß sie, dass es verboten ist, und natürlich weiß sie, dass er ihr eigentlich sagte, dass dies nicht mehr passieren sollte. Trotzdem hebt sie ihr Handgelenk an die Lippen und zerreißt mit ihren Fangzähnen die Haut über ihrer Schlagader. Sofort quillt Blut hervor, und sie drückt die Wunde an die Lippen ihres Sires.

Wie schlecht sein Zustand ist, erkennt sie in dem Moment, als er das Blut auf seinen Lippen spürt, denn er packt ihren Arm und presst das Handgelenk fest an seinen Mund. Sie spürt einen prickelnden Schmerz, als er zubeißt, um mehr, schneller, gieriger zu trinken.

Anoush holt tief Luft und bemüht sich, ihren Atem ruhig gehen zu lassen, doch das ist schwer angesichts der Erregung, die durch ihre Adern tobt. Sie schließt die Augen und erinnert sich an das letzte Mal, als er von ihr trank, und an den Rausch, in dem sie sich beide verloren.

Mit aller Kraft versucht sie, mit ihren Sinnen in der Gegenwart zu bleiben, nicht zu vergessen, dass sie halb im Wasser liegen, dass irgendwo die Polizei umherstreift und dass irgendetwas den Mann, der in ihren Armen liegt, fast umgebracht hätte. Dennoch kann sie nicht verhindern, dass sie aufstöhnt, als er ihr Handgelenk plötzlich freigibt und mit der Zunge zärtlich über die Bissstelle leckt. Sie öffnet die Augen und sieht sein Gesicht so nah vor ihrem, dass sie unwillkürlich die Luft anhält. Nur wenige Male waren sie sich körperlich so nah.

 
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Verfasst von - 4. Dezember 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

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Halloween – Alptraum, Teil 3

Teil 1 und 2 hier


 

Halloween 2006, ca. 5.00h morgens

Edward Clay stapft langsam durch die samtene Dunkelheit. Er genießt die Stille des Parks. Natürlich ist es hier nicht wirklich still, das Wasser des Eisbaches rauscht, das welke Laub der Bäume raschelt im Wind, und die Äste knarren, als wären die braunen Blätter eine übermäßige Last.

Es ist kalt, und der Wind schneidend. Zwar stört ihn die Kälte nicht, aber der Wind lässt seinen Trenchcoat flattern und droht dauernd, ihm den Hut vom Kopf zu reißen. So ist er froh, dass der nächste Eingang in das Königreich nur noch wenige Dutzend Meter entfernt ist.

Plötzlich spürt er einen unerwarteten Druck auf der Schulter, der so plötzlich kommt, dass er einige Schritte nach vorne macht. Ein Rascheln und Flattern umgibt ihn, und etwas Spitzes bohrt sich in sein Schulterblatt.

„Tier!“, kreischt es in seinem linken Ohr, „Tier! Tier!“

Unwillkürlich greift er nach dem Angreifer. Er spürt die vertrauten Federn, die sich leicht klebrig unter seinen Fingern anfühlen.

„Ruhig, Freund, ruhig“, spricht er leise auf den Vogel ein. Unter Mühen gelingt es ihm, ihn auf seinen Arm zu bugsieren. „Mercutio, alles ist gut“, flüstert er. Doch der Vogel scheint außer sich. Nur sehr langsam wird er ruhiger. Und jetzt fällt Edward erst auf, dass der Rabe deutlich schlimmer aussieht als üblich: Auf der rechten Seite ist ein Teil seiner Federn in die falsche Richtung gebürstet, und an seinem Flügel fehlen drei Schwungfedern.

„Was ist passiert?“, fragt er. Der Vogel trippelt auf seinem Unterarm hin und her.

„Tier, Tod!“, krächzt er. Edward streichelt ihn behutsam. „Wo ist ein totes Tier?“

„Tier tötet… Tötet und jagt…“ Ihn beschleicht eine Unruhe.

„Ja und? Das tun Tiere… Du auch?!“ Mercutio schüttelt den befiederten Kopf, und einige kleine Federn sinken zu Boden.

„Tötet Mensch… Tötet jetzt..!“ Er schaut den Vogel alarmiert an.

„Wo?!“

„Hinten… Fluss…“ Der zierliche Kopf wendet sich nach Norden, über das offene Gelände des Kleinhesseloher Sees hinweg, Richtung Hirschau. Edward schaut auf die Uhr. 5.20h. Noch eine Dreiviertelstunde Nacht verbleibt.

„Zeig mir, wo!“

Laut kreischend flattert Mercutio auf und verschwindet in der Dunkelheit.

 

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Allerheiligen, kurz nach Sonnenuntergang

Es ist 17.45h, als Bruno Heller seine Zuflucht verlässt. 15 Minuten, um durch den Münchner Feierabendverkehr zu seinem Ziel zu kommen, sind knapp kalkuliert. Aber früher kann er sich nicht auf die Straße wagen, und auch jetzt beschleicht ihn ein ungutes Gefühl, als er vor dem Mietshaus auf die Straße tritt. Es ist bewölkt, doch weit im Westen ist die Wolkendecke aufgerissen und gibt den Blick auf einen noch sanft hellblau schimmernden Himmel frei. Er erschaudert, und ist doch gleichzeitig gefesselt von dem unvertrauten Anblick. Seit fast sieben Jahren hat er kein Tageslicht mehr gesehen, noch nicht einmal den schwachen Schatten der Helligkeit kurz nach dem Sonnenuntergang. Es hat ihn niemals gereizt, auszuprobieren, wie früh man vor die Tür treten kann. Viele Kinder, so hat er inzwischen gehört, versuchen dies kurz nach dem Kuss, und so manche bezahlen diese Mutprobe mit dem Unleben.

Direkt vor ihm hält ein Taxi – sein Taxi. Erleichtert steigt er ein und grüßt den Fahrer mit einem Nicken. Zum Glück ist der ein fähiger Autofahrer, und so hält das Taxi um 17.58h vor der Falckenbergstr. 1.

Die Bar der Kammerspiele ist unter dem Dach des Gebäudes untergebracht. Eine Handvoll Studenten der Otto-Falckenberg-Schule hat das Experiment gestartet, diesen riesigen Dachbodenraum in eine kleine, heimelige Bar zu verwandeln. Große Gauben sorgen tagsüber für reichlich Licht und einen wundervollen Blick über die Innenstadt. Zur Einrichtung der Bar gehören große Kulissenteile und Requisiten, die seit Jahrzehnten auf dem Dachboden ein einsames Dasein geführt haben: Eine Nachbildung der Venus von Milo aus Pappmaché, mehrere Stehlampen aus den 50ern und halbmetergroße Marionetten stehen zwischen den Tischen, den alten Sofas und hinter der Bar. Einige besonders prachtvolle Kostüme sind auf Kleiderpuppen ausgestellt und wirken wie erstarrte Besucher einer Stehparty. Die Luft riecht nach Holz und Staub.

Als Bruno den Raum betritt, erkennt er ihn auf den ersten Blick. Theodor Andelius sitzt an der Bar. Gekleidet ist er, wie meistens, in Anzughose und Rollkragenpullover. Der unvermeidliche Schal aus feiner, heller Seide liegt um seinen Hals und passt farblich perfekt zu den langen, grauen Haaren, die er zum Pferdeschwanz gebunden hat. Vor sich hat er ein Weinglas stehen; er starrt nachdenklich vor sich hin. Einige jüngere Leute sitzen in einer Couchgruppe einige Meter von ihm entfernt, trinken Bier und werfen ihm ab und an scheue, fast ehrfürchtige Blicke zu. Sonst ist um diese frühe Uhrzeit niemand zu sehen. Offiziell öffnet die Bar erst eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.

Als sich Bruno der Bar nähert, sieht Andelius auf.

„Herr Heller! Wie schön, dass Sie es geschafft haben! Bitte, setzen Sie sich doch.“ Andelius deutet auf den Platz neben sich, „was möchten Sie trinken?“

Da der Barkeeper noch nicht anwesend ist, huscht eine junge Frau aus der Sitzgruppe rasch hinter die Bar, als sie die Frage hört, und beeilt sich, Bruno ein Glas Weißwein einzuschenken. Andelius dankt es ihr mit einem freundlichen Lächeln, sie nickt errötend und zieht sich zurück.

Zuerst hat Bruno das Gefühl, als wolle Andelius doch nur unverbindlichen Small Talk halten. Er fragt ihn nach seinen Erfahrungen in München, wie er sich eingelebt habe und was er für Pläne für die Zukunft hat. Doch nach etwa zwanzig Minuten erheben sich schließlich  die jungen Leute, bringen ihre Flaschen zur Bar und brechen auf.

In der sich nun ausbreitenden Stille bemerkt Bruno den versonnenen Blick, mit dem Andelius nun den Leuten, die er die ganze Zeit nicht beachtet hat, hinterher schaut.

„Wissen Sie, was für mich die Arbeit im Schauspielbetrieb ausmacht?“, fragt er plötzlich. Und ohne eine Antwort abzuwarten, fährt er fort: „Die Arbeit mit den jungen Künstlern. Die so hoffnungsvoll und motiviert hierher kommen und dann, meistens ganz unvermittelt, hier durch eine harte Schule gehen. Viele sind das erste Mal auf sich allein gestellt. Sie müssen lernen, mit Enttäuschungen umzugehen und auch mit dem ersten Erfolg. Sie werden hier erwachsen.“ Er seufzt, und jäh erinnert sich Bruno daran, dass es erst vor wenigen Jahren einen ausgewachsenen Skandal um Andelius und einen seiner treusten Diener gab. Die genauen Details hat er nie erfahren, aber es heißt, es wäre nur dem Eingreifen seines Clansältesten zu verdanken gewesen, dass keine Köpfe rollten. Andelius kam ungeschoren davon, aber eine Schülerin von ihm wurde für den Rest ihres Unlebens aus der Stadt verbannt.

„Die Emotionen der Menschen zu beobachten, vor allem der jungen, ist ein Lebenselixier, vor allem für unseren Clan, mein Freund. Wer, wenn nicht die Menschen, mit denen wir uns umgeben, kann uns zeigen, was es heißt, lebendig zu sein?“

Bruno hört nur zu und nickt. Er hat das Gefühl, dass hier zuhören angebrachter ist als reden.

„Ich umgebe mich mit vielen Menschen“, fährt er fort, „nicht nur Ghulen, auch anderen. Schülern, Zöglingen, vielleicht sogar so etwas wie Freunden, solange man eine Freundschaft nicht auf die Basis von absoluter Offenheit stellt.“ Er lacht kurz. „Aber das bringt mich zu dem Punkt, über den ich mit Ihnen sprechen wollte.“ Er zögert, dreht das Glas zwischen seinen Fingern und betrachtet die Schlieren, die die rote Flüssigkeit zieht.

„Sebastiàn. Einer meiner Zöglinge. Er ist relativ neu in der Stadt und ein sehr vielversprechender Schauspieler. Er ist nicht eingeweiht. Noch nicht. Er hat den ersten Schritt zum Band bereits getan, und in der kommenden Zeit wollte ich ihn in die Reihen meiner Ghule aufnehmen.“ Er verstummt und starrt nachdenklich ins Leere.

„Das hört sich fast an, Herr Andelius, als wären Ihre Pläne durchkreuzt worden?“, durchbricht Bruno die Stille. Andelius nickt langsam, ohne den Blick zu heben.

„Er ist verschwunden. Seit etwa einer Woche.“ Dann schaut er auf und Bruno direkt an. „Deswegen brauche ich Ihre Hilfe.“

„Meine Hilfe?“ erwidert er verwirrt, „bei allem nötigen Respekt: Wie sollte denn ausgerechnet ich Ihnen da helfen können?“

„Nun“, antwortet Andelius, „Sie sind doch mit diesen… diesen beiden anderen Jungen„, er betont das Wort, „gut bekannt? Diese beiden, mit denen Sie gemeinsam den bedauernswerten Herrn Hauser zur Strecke gebracht haben?“

„Ja…“, antwortet er zögernd, „aber was sollten die beiden damit zu tun haben?“

„Nun, zum einen scheinen Sie drei mir ganz scharfsinnig zu agieren“, erwidert er, „und zum anderen: Sebastián war zuletzt viel im P1 zu Gast. Sehr viel. Und die kleine Schönheit scheint recht eng mit Frau von Gutenhof befreundet zu sein, Sie wissen, der Geschäftsführerin. Und die weiß sehr genau, dass Sebastiáns Spuren sich nach einem Besuch im P1 vor einer Woche verlieren.“ Er trinkt mit einer entschlossenen Bewegung sein Weinglas leer.

„Ich bin sicher, Herr Heller, dass Sie mit Ihren externen Kontakten absolut prädestiniert sind, hier etwas Licht ins Dunkel zu bringen.“ Er wendet sich Bruno zu. Seine Augen sind sehr blau, sehr klar und sehr eisig. „Ich verliere sehr ungern Menschen, die mir etwas bedeuten. Der Clan des Prinzen und ich… haben einige Schwierigkeiten miteinander. Insofern bitte ich Sie, dem ganzen diskret nachzugehen. Und glauben Sie mir: Es lohnt sich, einen Gefallen bei Theodor Andelius gut zu haben.“

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 11. November 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

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