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Archiv der Kategorie: Linguistik

Lesen als Lust

Ich gebe es zu, ich bin altmodisch. Ich lese gerne! Und zwar nicht nur gerne, sondern mit Lust. Dabei bin ich auch innerhalb der Leserschaft ganz besonders altmodisch, denn ich hasse die Vorstellung, zum Lesen etwas anderes als ein schönes, gebundenes Buch in den Händen zu halten. Wenn ich mir einen Laptop oder iPad auf die Knie lege, kann ich auch fernsehen. Taschenbücher gehen noch, aber gerade so. Ich mag es nicht, dass man die Seiten festhalten muss, damit sie nicht sofort wieder zusammenflitschen, wenn man das Buch nur einmal kurz ablegt. Alternativ kann man natürlich den Pappeinband des Buchrückens knicken, dann bleiben die Seiten offen. Aber im Ernst: Wie sieht so ein Buchrücken dann im Bücherregal aus? Außerdem kommen Taschenbücher nie ganz an den Geruch eines gebundenen Buchs heran. Ganz zu schweigen davon, wie sie sich in der Hand anfühlen. Lesen beschäftigt eben mehr Sinnesorgane als nur die Augen.

Was Lesen angeht, bin ich durch und durch Hedonistin, und das gebe ich gerne zu. Mehr noch: Ich bin ein bisschen stolz darauf. Lesen, aber auch die Bücher an sich, sind für mich etwas ganz besonderes. Sie gehören zu meiner Lebenseinstellung, zu meiner eigenen Vorstellung von mir.

Natürlich sind Vorstellungen etwas Zentrales beim Lesen. Nicht nur, dass man sich ganze Welten innerhalb der Bücher, die man liest, imaginiert, nein, auch das Lesen an sich ist bei mir mit Vorstellungen verknüpft. Einem Ohrensessel, beispielsweise. Einem knisternden Kamin, einem Wein, einem Stück herber Schokolade. Gut, mangels der beiden ersteren muss ich eben mit der Couch und ein paar Kerzen vorlieb nehmen, aber der Rest ist umsetzbar. Und er klingt ganz furchtbar nach Ruhe und Gemütlichkeit.

Das Komische an der Sache ist, dass ich eigentlich nie mit den Kerzen, dem Wein und der Schokolade auf der Couch sitze. Viel häufiger sitze ich in der S-Bahn, wenn ich ein Buch in der Hand habe, und trinke statt Wein höchstens aus meiner kleinen Wasserflasche. Aber trotzdem: Wenn ich ein gutes Buch lese, dann wird die S-Bahn zum Kaminzimmer. Zumindest ein bisschen. Und das ist das Tolle daran. Das ist ungefähr wie im Kino: Licht aus, die Leinwand wird hell, alles um einen herum ist weg. Zumindest, bis der Film vorbei und das Licht wieder an ist. Dann erst stellt man fest, wo überall das runtergefallene Popcorn gelandet ist, was einem vorher noch furchtbar egal war.

Wenn man den Film dann später daheim auf DVD schaut, hat man immer das Gefühl, nicht mehr den gleichen Film wie im Kino gesehen zu haben. Und das liegt nicht nur an der (meistens) deutlich kleineren Fläche, auf der man den Film sieht, sondern auch an der Umgebung. Im eigenen Wohnzimmer, vielleicht noch mit Flugzeuggeräuschen über und dem erkälteten Partner neben sich, kann man einfach nicht so abschalten.

Beim Lesen ist das anders – zumindest bei mir. Wenn ich in einem Buch verschwunden bin, dann bin ich das auch. Fast verpasste Haltestellen gehören da genauso zu meinem Erfahrungsschatz wie der Partner, der mich dreimal anreden muss, ehe ich überhaupt was mitbekomme.

Ich habe mich oft gefragt, warum ich so gerne lese, während es so viele Menschen gibt, die das gar nicht gerne tun. Wahrscheinlich hat es irgendwas mit Vorlesen in der Kindheit oder weiß der Teufel was zu tun. Aber das eigentlich Erstaunliche ist, dass mir mein Studium nicht die Freude am Lesen verdorben hat. Als Germanistikstudentin habe ich oft gehört: „Aha, Germanistik? Naja, du liest ja gerne.“ Ja, aber wer das sagt, hat keine Ahnung, wie sehr die Leselust unter dem Zwang, Bücher lesen zu müssen, leiden kann. Und gerade Sprachwissenschaft kann so knochentrocken zu lesen sein wie ein Jahresabschluss in der Buchhaltung.

Trotzdem lese ich heute wieder gerne (nach einem halben Jahr totaler Abstinenz nach den Abschlussprüfungen). Erst heute saß ich vor meinem Rechner und habe mir ein Buch über die deutsche Sprache bestellt. Natürlich nicht so hochwissenschaftlich wie Aufsätze in der Germanistik, aber doch immerhin wissenschaftlich genug, um mein Interesse an der Sprachwissenschaft sofort anspringen und mich das Buch kaufen zu lassen. Und jetzt freue ich mich wie ein kleines Kind auf die Lieferung. Ich bin zwar glücklich, mein Studium hinter mir zu haben, aber nur, weil ich jetzt arbeite, vergesse ich ja nicht sofort, was mich im Studium fasziniert und beschäftigt hat.

Lesen bindet einen. Nicht nur an Interessensgebiete, die es abdecken kann, sondern auch an einen selbst. Seit vielen, vielen Jahren habe ich mal wieder Sofies Welt von Jostein Gaarder in die Hand genommen. Und festgestellt, wie sehr sich der Blick auf so ein Werk und auch auf einen selbst verändert kann. Und auch das Verständnis von der Welt um einen herum. Ich habe gesehen, wo ich mich veränderte, seit ich das Buch zum letzten Mal aufgeschlagen habe. Ob diese Veränderungen gut oder schlecht sind, ist eine andere Frage, aber immerhin sind sie nun mal aufgefallen.

Lesen bildet. Diese Aussage ist zum geflügelten Wort geworden. Ob sie stimmt, hängt allerdings ziemlich davon ab, was man liest. Wer nur und ausschließlich die Bildzeitung liest, dem stelle ich nicht nur eine Bildung durch diese Zeitung, sondern generell ein Bildungsinteresse in Abrede.

Auch, wer nur historische Liebesromane konsumiert oder sich einen Ratgeber nach dem anderen reinzieht, liest meiner Meinung nach nicht wirklich. Lesen als Bildung, als Vergnügen, inhäriert den Anspruch, mit diesem Lesen etwas mehr von der Welt zu erfahren. Natürlich kann das auch Unterhaltungsliteratur, keine Frage, vor allem, wenn man nicht ausschließlich immer die gleichen Themen liest. Lesen hat etwas mit Vorstellungskraft zu tun, und diese zu schulen, heißt auch, sich selbst neugierig auf mehr zu machen.

Vielleicht ist es diese Kraft der Imagination, die das Lesen so einzigartig und auch so wichtig macht. Wer fernsieht, muss sich nichts vorstellen, wer Comics liest, auch nicht. Lesen ist da anders. Die Fähigkeit, in Buchstaben, die man mit den Augen aufnimmt, Sinn und Leben zu erwecken, in seinem Inneren eigene Welten zu erschaffen, ist etwas Besonderes. Vor allem in einer Zeit, in der der Phantasie des Einzelnen die Masse der medialen Überfrachtung entgegensteht. Lesen bedeutet das Gegenteil vom medialen Multi-tasking. Vielleicht läuft noch Musik leise im Hintergrund, aber alles andere wird ausgeblendet. Es ist nicht wichtig. Wichtig ist das, was in dem Buch passiert, oder, wenn es kein Roman ist, was mir das Buch vermitteln will. Eine traute Zweisamkeit entsteht, zwischen mir und meinem Buch. Für den Moment, in dem ich lese, brauche ich nichts und niemand anderen. Vielleicht redet man hinterher mit anderen über das Buch, vielleicht tauscht man sich über Vorstellungen aus, die man mit dem Inhalt verbindet, diskutiert sogar darüber. Das Schöne dabei ist, dass niemand am Ende Recht haben kann. Denn wie ich mir Sofies Garten mit der geheimen Höhle, in der sie die Briefe ihres seltsamen Philosophielehrers liest, vorstelle, ist ganz allein meine Sache. Jemand anderes mag sich den Garten, den er aus exakt der gleichen Beschreibung wie ich imaginiert hat, völlig anders vorstellen, aber das ist in Ordnung. Keiner hat Recht und keiner Unrecht. Und so zeigt Lesen auf diese Weise, dass es für die gleiche Sache verschiedene Lösungswege geben kann. Und das bildet. Nicht im Sinne von abrufbarem Wissen, aber es bildet und prägt die eigene Sicht auf die Welt.

Eines der größten Lese-Phänomene unserer Zeit ist sicherlich J.K. Rowlings Harry Potter. Mit ihrer klaren, einfachen Sprache hat sie unzählige Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene zum Lesen animiert. Die Bilder, die ihre Sprache zeichnet, sind unglaublich facettenreich und detailliert, gleichzeitig aber ungeheuer lebendig. Und nicht zuletzt steckt hinter dem Gesamtwerk eine Handlung, deren Tragik und Komplexität sich keinesfalls hinter großer Literatur verstecken muss. Diese Durchdachtheit des Gesamtwerkes ist es auch, die deutlich macht, dass diese Bücher keine Fortsetzungsreihe sind, sondern als Einheit angelegt wurden, was sie etwa von der ermüdenden, endlosen Twilight-Reihe abgrenzt.

Schade ist nur, dass auch hier die mediale Überfrachtung der Phantasie des Einzelnen den Raum streitig macht. Kaum war der Erfolg der Buchreihe um den Zauberlehrling groß genug geworden, um auch Hollywood zu erreichen, gierte man dort um die Filmrechte. Der zauberhaften Atmosphäre der Welt von Harry Potter wurde der Prometheus‘sche Funke, den normalerweise der Leser hinzufügt, mit Gewalt eingepflanzt und nach den Vorstellungen weniger Einzelner gestaltet. Herausgekommen ist eine zwar probate, nichtsdestotrotz aber irgendwie seelenlose, konsumierbare Variante der Harry-Potter-Welt. Schade.

(Dass das natürlich nicht immer so ist, zeigt die meisterhafte Verfilmung Peter Jacksons von Herr der Ringe. Aber man sollte bedenken, wie viele Jahre vergehen mussten, ehe jemand seine ganze Liebe und Kraft in das Projekt steckte, Mittelerde ein Antlitz zu geben. Und das ist der Unterschied zwischen Filmen, die aus kommerziellen Gründen produziert werden und solchen, in denen wirklich Herzblut steckt.)

Bücher sind immer nur eine Hälfte des Lesevergnügens. Die andere Hälfte kommt von den Lesern, ihrer Freude, ihrem wachen Geist und ihrer Vorstellungskraft. Der Bereitschaft, sich einzulassen und alles Äußere auszublenden. In diesem Sinne: Schaltet mal wieder ab!


Ich räume gerade meine Festplatte auf und bin auf einen Text von mir aus dem Jahr 2010 gestoßen, der mir sehr gut gefällt und den ich euch nicht vorenthalten wollte. Leider hat meine Leselust seit damals abgenommen – bzw. wurde aus Zeitmangel stark eingeschränkt.

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2 Kommentare

Verfasst von - 5. April 2016 in Allgemein, Linguistik, persönliches, Sprache

 

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Aus aktuellem Anlass: Währ Rechtschraibfeler findett darf Sie behaltn!

Ich habe Germanistik studiert, ja. Und ich bin – behaupte ich mal – ziemlich firm in Rechtschreibung und Grammatik. Deswegen tut es mir teilweise körperlich weh, wenn ich im Internet Einträge sehe, die vor Fehlern nur so strotzen. Ja, mir ist klar, dass nicht jeder gleich gut in Rechtschreibung und der Beherrschung der deutschen Sprache ist. Das war auch schon immer so und ist früher einfach weniger aufgefallen, weil Otto Normalmensch bis ins 21. Jahrhundert hinein bei weitem nicht so viel schriftlich kommuniziert hat wie heute.

Aber: Nur weil plötzlich jeder schreiben kann (oder darf), muss ich mir dann auch diese Sprüche „wer Fehler findet, darf sie behalten“ oder „da kommen wieder die Grammatiknazis“ wirklich anhören, wenn ich jemanden auf Fehler hinweise? Oft genug behalte ich es schon für mich und tue das nicht mehr, aber ganz im Ernst: Wer beispielsweise noch nicht mal weiß, dass Satzzeichen direkt hinter die zugehörigen Wörter gehören und kein Leerzeichen dazwischen stehen darf… bei dem sehe ich: Da hat die Allgemeinbildung an einem Punkt aufgehört, der noch deutlich vor dem liegt, an dem ich jemanden als Diskussionspartner ernst nehmen kann.

Ja, ich schließe von Rechtschreibung auf Intelligenz. Weil es was mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit zu tun hat. Und weil bei schriftlicher Kommunikation Ausdruck, Grammatik und Rechtschreibung nun mal maßgeblich den Sinn transportieren. Wenn ich in diesem Medium verstanden werden will, dann muss ich entsprechende Sorgfalt walten lassen. Ich kann auch nicht in Italien mit den Händen rumfuchteln und „si“ und „no“ und „subito“ schreien und erwarten, dass sich alle Italiener bemühen, mich zu verstehen und mir weiterhelfen. Es ist MEIN Job, dafür zu sorgen, dass ich verstanden werde. Genau dafür gibt es – auch außerhalb der Sprache – Regeln. Damit Konflikte umgangen werden, wenn sich jeder daran hält. Zu meinen, dass sie auf einen selbst nicht zutreffen, ist unsozial und arrogant.

Und wenn ich noch einmal einen Kommentar a lá „du weißt ja gar nicht, ob der Schreiber vielleicht Legastheniker ist“ lese, muss ich brechen. Doch. Ich weiß das. Legasthenie hat nämlich typische Anzeichen. Und dazu zählt NICHT die Unfähigkeit, Groß- und Kleinschreibung anzuwenden oder das Nichtanwenden jeglicher Kommaregel, so dass mein Leser gezwungen ist, jeden Satz dreimal halblaut zu lesen, eher er versteht, was ich meine. Das sind Unachtsamkeit und Ignoranz.

So, wer bis hierhin mitgelesen hat: Das musste mal raus. Danke fürs „Zuhören“.

 

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Die Macht der Sprache

Am Freitagnachmittag lag ich, gesundheitlich angeschlagen, dösend auf unserer Couch und verfolgte unaufmerksam einen Fernsehbericht zum Thema „Der 2. Weltkrieg in Asien“. Mein Liebster und ich sind sehr große Fans des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, leider häufen sich in den sonst eigentlich gut durchmischten Dokumentationen und Reportagen der Dritten derzeit die Berichte über den 2. Weltkrieg. Irgendwie hat man alles schonmal gehört – in meiner Generation hörte man ab der 8. Klasse im Schnitt alle zwei Jahre in Geschichte, Gemeinschaftskunde oder Deutsch irgendwas zum Thema 2. Weltkrieg – insofern taugen Berichte a la „Luftkrieg über England“ irgendwann nur noch als Einschlafhilfe. So ähnlich wollte ich es auch hier halten, als mir eine Formulierung ins Bewusstsein drang, die mich dann doch dazu animierte, die Augen wieder aufzumachen.

„(…) als Nazi-Deutschland Polen überfiel (…)“

 

„Nazi-Deutschland“. Das Wort wird in letzter Zeit in Dokumentationen gerne genutzt, aber meines Wissens erst seit einiger Zeit (jedenfalls ist es mir früher nie aufgefallen, und in Geschichtsbüchern findet es sich garantiert nicht). Ich finde das sehr interessant, denn das Wort als solches verrät einiges über unseren Umgang mit der Vergangenheit.

Natürlich ist es ein ungeheuer vereinfachender Begriff, denn jeder, der sich auch nur ein kleines bisschen mit Geschichte oder Gesellschaft befasst, ist sich bewusst, dass ein Land niemals als Land handeln kann – es sind immer Menschen, und deren Unterschiedlichkeit, deren Heterogenität und Widersprüchlichkeit wird durch ein solches Wort vollkommen nivelliert. Doch Reportagen leben von Zuspitzung und Vereinfachung, deswegen war es nicht das, was mich an dem Wort aufschreckte. Nein, der Begriff „Nazi-Deutschland“ suggeriert eine Differenz. Eine Differenz zu uns, zu „Deutschland“ heute.

Man könnte jetzt hier das Fass aufmachen und anfangen, von der Übertragung der Schuld von einer Generation auf die nächste zu sprechen, von der Müdigkeit der jüngeren leute, sich die Verbrechen der Eltern – inzwischen oft sogar Großeltern – immer wieder vorhalten lassen zu müssen, doch soweit will ich nicht gehen. Aber der Sprachgebrauch von „Nazi-Deutschland“ verweist genau in diese Richtung: Das, damals, 1933-1945, das war „Nazi-Deutschland“, das waren nicht wir, nicht das, was Deutschland heute ist, es waren böse Menschen, Nazis, die andere Länder überfielen und himmelschreiende Verbrechen begingen.

Das stimmt aber so nicht. „Nazi-Deutschland“ ist ein Euphemismus, in der besten Nachfolge des Regimes, von dem er sich abzugrenzen versucht. Vor „Nazi-Deutschland“ gab es das „Deutsche Reich“, davor unzählige Fürstentümer und irgendwann davor das „Heilige römische Reich deutscher Nation“. Dennoch definieren wir alles dies als „Deutschland“. Historisch korrekt wäre eine politsche Bezeichnung wie „Das 3. Reich“, das dann in einer Reihe mit den vorgenannten deutschen Reichen genannt werden könnte. Aber das ist nicht der Sinn, den der Ausdruck „Nazi-Deutschland“ transportiert. Hier geht es nicht um hisorische Korrektheit. Hier geht es um eine Differenzierung zwischen „uns“ und „denen damals“.

Diese Differenzierung ist aber nichts als eine sprachliche Täuschung. Das Land damals war genauso heterogen wie das unsrige, es gab viele, die folgten, wenige, die führten und mehr als eine Gruppierung, die sich verweigerte. Viele der Menschen, die folgten, waren vielleicht nicht wirklich erfasst von der nationalsozialistischen Gesinnung, doch sie hielten es für klüger, sich in Zeiten, in denen es nach langer Depression endlich wieder aufwärts ging, nicht zu beschweren. Natürlich gab es auch viele, die der Ideologie begeistert folgten, doch leider, leider ist diese menschliche Eigenschaft nicht nur der deutschen Bevölkerung zwischen 1933 und 45 innewohnend gewesen. Aber genau das will der Begriff „Nazi-Deutschland“ sagen.

Das waren nicht wir.

Die damals waren böse.

Sowas würde heute niemals mehr passieren können.

Wirklich nicht?

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen damals und heute. Doch die Menschen, die damals einem Führer zujubelten und ihn unterstützen, sind nicht vom Himmel gefallen. Vor 1933 waren sie in der Gesellschaft des Deutschen Reiches verankert, nach 1945 blieben viele unterhalb der von den Besatzern verurteilten Führungsschicht in einflussreichen Positionen und beteiligten sich am Wiederaufbau des Landes. Ihre Ideologie verbargen sie, manche davon wurden enttarnt, doch viele wurden es nicht.

Wir, das Deutschland von heute, trägt noch immer das Erbe von damals. Wir sind kein anderes Land. „Nazi-Deutschland“ versucht eine begriffliche Grenze zu ziehen, die nicht existiert. Es will uns von unserer Schuld freisprechen. Das kann aber nicht funktionieren. Und es sprachlich zu verankern, ist gefährlich. Sprache prägt unser Bewusstsein, formt unser Bild von der Wirklichkeit. Und die ist nicht durch Euphemismen zu beschönigen.

 

 

 

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