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Archiv der Kategorie: Abnehmen & Fitness

Stubaier Höhenweg – Teil 2

Teil 1: hier

Tag 3 – Tagestour 2: Von der Franz-Senn-Hütte zur Neuen Regensburger Hütte.

Nach dem nasskalten Vortag gilt mein erster Blick, als der Wecker kurz nach sechs klingelt, dem Fenster, doch außer langsam zunehmer Helligkeit ist wenig zu erkennen. Der rauschende Bach neben dem Haus macht es unmöglich, Regengeräusche zu erkennen. Also mache ich mich barfuß und im Nachthemd auf den Weg zur Notausgangstreppe im Flur, um einen Blick ins Oberbergtal zu wagen.

Tag 3 (1) Und wie man sieht: Der Wettergott hatte ein Einsehen mit uns. 🙂

Da auf der Franz-Senn-Hütte die Preise fürs Frühstück recht gesalzen sind, brechen wir nach einem Kaffee bzw. Kakao auf. Meinem Knie geht es deutlich besser, und so wandern wir im schönsten Sonnenschein Richtung Kuhgschwetz.

Es soll hinauf gehen zum Basslerjoch, und von dort aus wieder abwärts ins Seitental des „Hohen Moos“, das vom Stubaital aus nicht einsehbar ist. Laut Wanderführer sind vier Stunden für diese Tour veranschlagt, auch wenn auf den allgegenwärtigen Wanderschildern nur drei stehen. Wir wandern also frohgemut los und erfreuen uns an der traumhaften Aussicht und der Sonne, die uns wärmt.

Tag 3 (6)

Der Weg durchs Kuhgschwätz führt uns über große Kalkbrocken und durch niedriges Gesträuch; vom Oberbergtal dringt das Läuten der Kuhglocken zu uns hinauf. Nach etwa einer Stunde steigt der Weg steil an, und wir erklimmen eine Geröllhalde, unter der ein Bach zu Tal rauscht, den wir immer wieder auf dem Weg nach oben queren. Dies ist die erste richtige Kletterpartie, die wir absolvieren. Oben angekommen verschnaufen wir an dem Bach, den wir bisher mehr gehört als wirklich gesehen haben.

Tag 3 (8)

Als wir weitergehen, eröffnet sich der Blick auf das Geröllfeld des Schrimmennieder, und ich frage mich, wo zur Hölle da der Weg hindurchführen soll. Ein Gedanke, an den ich mich in den kommenden Tagen gewöhne: Diese Wege sieht man stets nur von oben.

Tag 3 (10)  Zu behaupten, der Aufstieg zum Baslerjoch wäre leicht gewesen, ist gelogen. Ich habe in den kommenden Tagen war noch andere Strecken erlebt, gegen die sich diese in der Tat als entspannt präsentierte, aber für den zweiten Tag war das schon mehr als knackig, zumal man sich auf dem Geröllfeld bewusst ist, dass jeder falsche Schritt dazu führt, dass man in einer großen Gerölllawine talabwärts rauscht. Der Weg ist schmal, nur ein kleiner Trampelpfad, und ich war, da mein Knie bereits wieder zickte, verdammt froh um die Wanderstöcke, einfach aufgrund des Haltes, den sie mir vermittelten.

Doch angekommen auf dem Joch, ist es wiederum die Aussicht, die für alle Strapazen entschädigt. Die anderen drei machen noch einen Abstecher auf die Baslerin, doch ich will meinem Knie ein wenig Erholung gönnen und warte am Joch mit den großen Rucksäcken auf die Rückkehr der drei Gipfelstürmer. Eine Gruppe Belgier, die wir bereits seit dem ersten Tag immer wieder gesehen haben, kommen ebenfalls auf dem Joch an und machen eine kurze Pause. Einer von ihnen reicht mir sogar seine Salbe für mein Knie. Auch er ist am Vortrag umgeknickt, doch da für seine Gruppe die Tour morgen ohnehin vorbei ist, hat er für den letzten Tag die Zähne zusammengebissen. Morgen geht es zurück ins Tal.

Der Abstieg vom Joch ist langwiedrig und aufgrund der zunehmenden Schmerzen im Knie wirklich unangenehm. Auch der Liebste leidet zunehmend unter Knieschmerzen, so dass wir unsere beiden Begleiter vorschicken und den Weg alleine fortsetzen, ohne das Gefühl zu haben, die anderen beiden aufzuhalten. Die Aussicht beim Abstieg ins Hohe Moos ist großartig, und über unseren Köpfen kreisen zwei Raben, die dort offensichtlich irgendwo ihr Nest haben. Laut krächzend fliegen sie mehrfach so dicht über uns hinweg, dass ich fürchte, sie wollten ihr Revier verteidigen. Doch es bleibt bei einigen wirklich spektakulären Überflügen.

Aussicht ins Hohe Moss - links der Abstieg ins Stubaital

Aussicht ins Hohe Moos – links der Abstieg ins Stubaital

Endspurt zur Hütte

Endspurt zur Hütte

Wir sind an diesem Abend wirklich froh, endlich auf der Hütte angekommen zu sein. Unsere beiden Begleiter haben sich mit einem weiteren Gipfelstürmer noch auf den Weg gemacht, die nahe liegende Kreuzspitze zu erklimmen. Wir entspannen ein wenig am kleinen See, der hinter der Hütte liegt, und genießen die Sonne und einen leckeren Germknödel auf der Terrasse. Die Neue Regensburger Hütte ist übrigens aufgrund ihres Hundes sehr berühmt. Grinch ist als junger Hund in einem Schneefeld fast blind geworden und darf deswegen nur noch mit Sonnebrille aus der Hütte. Und egal, wie viel im Vorraum los ist: Brav wartet er stets, bis Herrchen ihm die Brille aufsetzt, ehe er nach draußen geht.

Grinch: Der Hund mit der Sonnenbrille hat sogar eine eigene Facebookseite

Grinch: Der Hund mit der Sonnenbrille hat sogar eine eigene Facebookseite

An diesem Abend sind wir sehr erschöpft – unsere beiden Begleiter kommen erst in der sprichwörtlichen allerletzten Minute zum Abendessen von ihrem Gipfelausflug zurück – und sind froh, dass das Matratzenlager, das wir hier nur noch buchen konnten, nicht komplett belegt ist, so dass wir zu viert in einem Raum für sechs Personen schlafen. Der Liebste und ich haben uns im Vorfeld darauf geeinigt, dass wir, sollten unsere Knie so lädiert bleiben, nicht die folgende Tagestour mitgehen. Dies ist die längste Tour der gesamten Strecke, die auch noch die größe Höhenmeterdistanz umfasst. Wir werden ins Tal absteigen und unten im Stubaital per Bus zur Talstation des Stubauer Geltschers fahren. Von dort können wir per Seilbahn zur Dresdner Hütte rauffahren, die mitten im Skigebiet liegt. Dass wir diese Alternative haben, beruhigt uns, denn ans vorzeitige Abbrechen möchten wir nicht denken.

  • Fortsetzung folgt

Alle Bilder in diesem und den weiteren Beiträgen über den Stubaier Höhenweg sind entweder von mir oder meinen Begleitern geschossen. Die Bildrechte liegen bei den Fotografen und jegliche Verwendung durch Dritte ohne Absprache ist untersagt.

 
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Verfasst von - 25. Oktober 2015 in Abnehmen & Fitness, Urlaub, Wandern

 

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Späte Quittung

Hallo, da draußen, noch jemand da? So lange war es wieder still bei mir. Eigentlich wollte ich hier schon einige Bilder mehr vom Urlaub posten, die Wanderung geistig wiederholen und hier aufleben lassen… allein: Weder Zeit noch meine Stimmung sind dazu im Augenblick passend.

Nachdem ich seit über einem Monat wieder zuhause bin, war ich gestern endlich zur Diagnose bei der Orthopädin – wie das ist, nach Ersttermin, Überweisung zum MRT und Folgetermin, da ziehen schnell Wochen ins Land, die man hinkend verbringt. Ein Fahrradsturz zwischendurch machte zeitweilig das Knie zur Nebensache, weil ich mir eine derartig fiese Zerrung im Oberschenkel geholt habe, das ich dann auch nur noch langsam gehen konnte. Mein Fahrrad, nebenbei, war Schrott.

Naja, jedenfalls ist mein Knie nicht richtig kaputt, nur überall ein bisschen. Vor allem ist eine Sehne und der Schleimbeutel unter der Kniescheibe entzündet. Heilungsunterstützend soll ich Stoßwellentherapie bekommen.

Dann, ein etwas zögerlicher Blick der Ärztin, die etwa mein Alter sein dürfte: Sie haben eine beginnende Arthrose.

Mit 33.

Uff.

Abnutzung durch Überbelastung vom Sport? Von einem einzigen Wanderurlaub? Unwahrscheinlich.

Nein, wahrscheinlicher: Jahrelanges Übergewicht.

Die Ärztin schaut mich überrascht an, als ich das sage. Da ich das erste Mal in ihrer Praxis bin, kennt sie meine Vorgeschichte nicht. Seit rund 16 Jahren übergewichtig, davon sicherlich 10 Jahre irgendwo im BMI-Bereich zwischen 30 und 35.

Tja.

Sie meint „die Ursachen dafür sind nicht ganz eindeutig geklärt, das kann unterschiedliche Gründe haben“, und ich denke mir: „Wenn ich es schon selbst sage, warum versuchst du es noch zu relativieren? Welche andere Erklärung wäre denn naheliegender, wenn man wenig Sport macht, keine familiäre Vorgeschichte hat?“

Eine späte Quittung. Immerhin, ich stehe kurz vorm Normalgewicht, und inzwischen macht mir Bewegung Freude. Sie sagt mir, dass man in diesem frühen Stadium sehr gut mit Sport gegensteuern kann, mit wandern, joggen, Fahrrad fahren. Das motiviert mich. Und ich bin froh, denn ich kenne mich und meinen nicht vorhandenen Ehrgeiz: Hätte ich diese Diagnose bekommen, als ich noch 100kg gewogen habe, hätte ich versucht, die Gründe woanders zu suchen. Und es hätte mich nicht dazu gebracht, mehr Sport zu machen, im Gegenteil, es hätte eine Abwehrreaktion ausgelöst. Eher hätte ich die Diagnose und die Therapieansätze in Frage gestellt – und überhaupt, das ist doch wieder dieser Fokus auf dem Gewicht, das ist doch Mist und reine Dicken-Diskriminierung! – als dass ich angefangen hätte, Sport zu machen. Nur um nicht wahrhaben zu wollen, dass ich es verbockt habe. Natürlich wusste ich, dass Übergewicht schlecht ist und ich nicht so fit bin, wie ich es gerne wäre. Natürlich hingen immer gewisse Krankheiten damoklesschwertgleich drohend über mir: Diabetes. Bluthochdruck. Aber solange ich sie nicht hatte, konnte ich sie ignorieren.

Ich bin viel auf dem Fettlogik-Blog von Nadja unterwegs, und da geht es oft um die Fatacceptance-Bewegung und die fassungslose Frage, warum Menschen ignorieren, dass sie ihrem Körper schaden. Auch ich verstehe es nicht. Aber gestern, da ist mein altes (dickes) Ich plötzlich hervorgesprungen und hat geschrien: „Lass mich in Ruhe mit unbequemen Wahrheiten! Dicksein ist nicht schädlich, das ist alles gesellschaftlicher Normierungsdruck!“

Ich hab ihm kurz zugehört. Dann habe ich meine erste Sitzung Stoßwellentherapie überstanden und bin mit der Bahn heimgefahren.

Heute Abend kaufe ich mir ein neues Fahrrad.

 
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Verfasst von - 9. Oktober 2015 in Abnehmen & Fitness, persönliches

 

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Stubaier Höhenweg – Teil 1

So, nachdem mich der Alltag wieder hat, komme ich doch endlich mal dazu, etwas ausführlicher über unseren Urlaub zu reflektieren. Die Bilderflut ist sortiert, die Bilder, die ich hier hochladen möchte, sind ausgewählt – und ich hoffe, ich überfordere mein Medienarchiv nicht. 😉

Wir sind den Stubaier Höhenweg von der Nordseite des Stubaitals zur Südseite gewandert, das ist auch die Richtung, die als die übliche angesehen wird. Zwingend notwendig ist die Richtung natürlich nicht, und die Routenlängen sind auch von beiden Seiten her in etwa identisch.

Eine Sache, die wir als „Wanderneulinge“ auch erst mal realisieren mussten, war, dass der Höhenweg nicht einfach um das Stubaital herum führt, sondern durch die Stubaier Alpen, also auch durch Höhenzüge und an Tälern vorbei, die nicht direkt an das Stubaital angrenzen. Blickt man vom Tal die Berghänge hinauf, erkennt man von dem Weg, den wir gegangen sind, eigentlich gar nichts. Er ist zu weit oben, zu weit in den Bergen drinnen, er führt über Hochebenen und über Bergkämme, durch Landschaften, die man vom Talgrund aus überhaupt nicht erahnen kann. Wir wussten im Vorfeld, dass der Höhenweg verdammt weit oben verläuft, denn ein Aufstieg vom Boden zu einer Alm (was man ja bei normalem Familienurlaub in den Alpen als „großen Aufstieg“ bewertet) ist gerade mal der halbe Weg bis zu einer der Alpenvereinshütten, die auf dem Weg liegen. Aber was das wirklich heißt, wenn man da ist… das muss man erleben. Das muss man einmal selbst gesehen haben, ehe man es begreift.

Tag 1 – Anreise

Wir kommen am ersten Tag gegen Mittag im Stubaital an. In Fulpmes, nah am Eingang ins Tal, stellen wir das Auto an der Kreuzjochbahn ab, die im Winter Skifahrer von 900m auf 2135m transportiert. Wir könnten natürlich auch zu Fuß aufsteigen. Aber angesichts von sieben langen Tagestouren, die vor uns liegen, wollen wir unsere Kräfte sparen und nicht gleich voll einsteigen. Von der Bergstation aus haben wir einen wunderbaren Blick auf den Kalkkögel, einen benachbarten Gebirgszug. Auch unsere Route führt uns hier noch über Kalkstein.

Blick auf den Kalkkögel

Blick auf den Kalkkögel

Das Wetter ist schön, aber sehr windig. Trotzdem sind wir vier voll motivert und machen als erstes mal einen kleinen Abstecher auf das Sennjoch, den ersten Gipfel in der Gegend. Der Aufstieg ist nicht wirklich lang, aber es macht Spaß, unterm Gipfelkreuz zu stehen, auch wenn es nur auf 2190m ist. Für mich wird es der einzige Gipfel bleiben, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch davon träume, den „Habicht“ oder den „Wilden Freiger“ zu meistern. Der Blick von hier oben zeigt uns das Pinnistal; von dort wollen wir am neunten Tag wieder absteigen.

Blick vom Sennjoch ins Stubaital (im Hintergrund das Pinnistal)

Blick vom Sennjoch ins Stubaital (im Hintergrund das Pinnistal)

Der erste Abschnitt der Wanderung ist kurz und nicht schwer, was sich als sehr gut entpuppt, denn der Wind ist schneidend kalt und treibt uns Kalksand in die Gesichter. Außerdem stellen zumindest der Liebste und ich sehr schnell fest, dass dünnere Luft tatsächlich direkten Einfluss auf die Leistungsfähigkeit hat. Wir sind nicht wirklich angestrengt, schnaufen jedoch wie bei der allerersten Übungstour.

Die ersten

Die ersten „Bergbewohner“, die wir treffen

Ausblick ins Oberbergtal (rechts) und Stubaital (links)

erster Blick Richtung Stubaier Gletscher

Die Gegend hier ist sehr trocken. So weit von den wasserspendenden Gletschern entfernt mangelt es am Ende eines sehr trockenen Sommers an Wasser. Die Wiesen sind mager.

Übergang zur Starkenburger Hütte

Übergang zur Starkenburger Hütte

Nach etwa 2,5 Stunden kommen wir endlich um die letzte Biegung und sehen die Starkenburger Hütte vor uns. Und bereits heute machen wir die wohl typischste Erfahrung aller Bergwanderer: Die Hütte scheint zum Greifen nahe, doch bis man dort ist, vergeht noch einiges an Zeit, manchmal eine halbe Stunde, doch mitunter auch eine oder zwei.

Wir sind nach einer halben Stunde am Ziel und beziehen unser erstes Nachtlager auf einer Hütte. Und erfahren gleich, was Wassermangel in den Bergen bedeutet: Die Duschen sind gesperrt, die WCs im Haus auch. Statt dessen stehen Dixies vor der Nebenhütte. Doch wir haben mit solchen Eventualitäten gerechnet, und als Liverollenspieler weiß man, dass man einen Abend ohne Dusche auch überleben kann. Der Betrieb auf einer DAV-Hütte ist für den Liebsten und mich ungewohnt, und wir sind froh über unsere beiden Begleiter, die das alles kennen und uns einiges zum Ablauf erklären. Essen gibt es um 18h, was mir anfangs sehr früh erschien, doch nach einer leckeren Mahlzeit merke ich die Bettschwere. Wir genießen noch den Ausblick, ehe wir um kurz nach 20h todmüde ins Bett fallen. Der nächste Tag wird lang: Sieben Stunden sind angegeben, für eine Strecke von 15km und knapp 450 Höhenmetern.

Willkommener Anblick: Die Starkenburger Hütte.

Willkommener Anblick: Die Starkenburger Hütte.

Die Stubaier Gletscher liegen noch in weiter Ferne. In drei Tagen wollen wir dort sein.

Die Stubaier Gletscher liegen noch in weiter Ferne. In drei Tagen wollen wir dort sein.

Die Route für den nächsten Tag: An der rechten Flanke des Oberbergtals entlang zur Franz-Senn-Hütte.

Die Route für den nächsten Tag: An der rechten Flanke des Oberbergtals entlang zur Franz-Senn-Hütte.

Tag 2 – Tagestour1: Von der Starkenburger Hütte zur Franz-Senn Hütte

Als morgens um sechs der Wecker klingelt, höre ich ein eigenartiges Geräusch. Ein Blick in den heller werdenden Morgen offenbart mir: Es regnet. Ein Segen für Natur und Hüttenwirt. Für uns eher lästig.

Beim Frühstück erzählt uns unser Begleiter, dass er bereits mit dem Hüttenwirt gesprochen hat. Der Regen soll bis mittags nachlassen. Da die Strecke, die wir vor uns haben, zwar lang ist, aber nicht mit schwierigen Auf- oder Abstiegen verknüpft ist, machen wir uns, mit Regenkleidung geschützt, gegen acht auf den Weg. Der Feuchtigkeit ist auch die geringe Menge an Fotos geschuldet.

Regen und Wolken an Tag 2

Regen und Wolken an Tag 2

Der Weg führt durch zahlreiche Geröllflächen; in einer davon entdecken wir ein wachehaltendes Murmeltier. Leider hat keiner von uns die Kamera schnell genug griffbereit, und so verschwindet das Tier, ohne dass wir es bannen konnten.

Der Regen setzt meiner Laune massiv zu, zumal ich gegen elf Uhr feststellen muss, dass meine Schuhe wirklich nicht mehr wasserdicht sind. Mit nassen Socken macht Wandern keinen großen Spaß. Zum Glück kommen wir gegen eins auf der Seducker Hochalm an, einer kleinen bewirtschafteten Hütte. In dieser drängeln sich alle Wanderer, die am Morgen ebenfalls auf unserer Route aufgebrochen sind. Es ist eng, warm und sehr feucht in der Hütte, doch der Almwirt behält die Gelassenheit und versorgt alle mit Getränken und Essen. Alleine dies, die Wärme und das Gefühl, dem Regen entkommen zu sein, hebt meine Stimmung wieder erheblich.

Als wir uns dann gestärkt und etwas getrocknet wieder auf den Weg machen, hat auch der Regen aufgehört. Die dichten Wolken, die uns jede Aussicht verwehren, begleiten uns aber bis zu dem Zeitpunkt, an dem uns der Weg ein paar hundert Meter talabwärts führt. Dort lassen wir sie plötzlich hinter uns und können das Oberbergtal und auch die Franz-Senn-Hütte vor uns sehen.

aufreißende Wolken

aufreißende Wolken

letzter Abschnitt

letzter Abschnitt

Gletscher verkünden ihre Nähe durch größeren Wasserreichtum

Gletscher verkünden ihre Nähe durch größeren Wasserreichtum

Der Tagesabschnitt ist der kilometermäßig längste, aber auch einer der leichtesten der Tour. Trotzdem müssen wir auch hier bereits an so mancher Stelle steile Auf- und Abstiege meistern, und manches Mal bin ich als Berganfänger froh, dass die Wolken uns den Blick ins Tal verwehren, denn einige Wege sind verdammt schmal und sehr nah am Hang. Ein falscher Schritt, und man rutscht 200m Richtung Tal, ohne sich irgendwo festhalten zu können. Zum Glück kann ich das an diesem Tag nur ahnen; wirklich sehen werde ich sowas erst, wenn mein Selbstvertrauen sich meiner Trittsicherheit angepasst hat.

Zwischen vier und fünf Uhr erreichen wir endlich die Hütte. Sie ist deutlich größer als die letzte, aber auch weniger persönlich. Immerhin gibt es hier kostenfreie warme Duschen, und die Zimmer sind groß genug, um unsere Kleidung zum Trocknen aufzuhängen.

Bereits an diesem zweiten Abend bin ich froh, dass wir uns bei der Reservierung für Zimmer und nicht für das (günstigere) Matratzenlager entschieden haben. Auf der Neuen Regensburger Hütte morgen haben wir nur einen Platz im Matratzenlager bekommen, und ich bin vorsichtig skeptisch. Doch heute haben wir nochmal unsere Ruhe. Ich brauche die auch. Seit mittags schmerzt mein linkes Knie, und unser Begleiter hat mir bereits nachmittags eine Stützmanschette gegeben. Also kommt heute kräftig Diclofenac auf das Knie, damit es morgen weitergehen kann.

Zimmer der Franz-Senn-Hütte

Zimmer der Franz-Senn-Hütte

Fortsetzung folgt.

Alle Bilder in diesem und den weiteren Beiträgen über den Stubaier Höhenweg sind entweder von mir oder meinen Begleitern geschossen. Die Bildrechte liegen bei den Fotografen und jegliche Verwendung durch Dritte ohne Absprache ist untersagt.

 
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Verfasst von - 18. September 2015 in Abnehmen & Fitness, Urlaub, Wandern

 

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Wieder zurück

Tag 1 (1)

Kalkkögel

Tag 1 (6)

Blick ins Seitental

Tag 1 (7)

Starkenburger Hütte – erste Übernachtung

So, ich melde mich zurück. Wir sind vom Abenteuer Stubaier Höhenweg zurück. Eigentlich schon seit Montag, aber ich habe es einfach nicht geschafft, mich eher an den Rechner zu setzen und mit der Bilderflut auseinander zu setzen… *seufz* Also haben der Liebste und ich die letzten Tage ausgiebig mit Rumgammeln und True Blood-Gucken verbracht.

Als erstes Fazit schicke ich hier schon mal voraus: Es war wunder-, wunderschön. Von ersten Wandertag abgesehen hatten wir absolut unverschämt gutes Wetter und sind entsprechend braungebrannt und knackig zurückgekommen.

Wie war usere erste alpine Wandertour?

In einem Wort: Großartig.

In mehreren: Unfassbar schön, gigantisch, anstrengend, beeindruckend, schmerzhaft.

Warum schmerzhaft? Nun ja: Der Liebste und ich haben uns seit Anfang des Jahres auf den Urlaub vorbereitet, sind kleine und mittlere Berge rauf und runter, durchs Felsenmeer geklettert (mehrfach), in Hochseilgärten gewesen, sind den Spessartbogen gewandert. Wir waren fit. Ausdauer: check, Muskeln: check. Was wir nicht bedacht haben:

Die Knie.

Die Bänder und Sehnen in den Knien haben uns ziemlich den Garaus gemacht. Ich konnte ab dem zweiten Tag überhaupt nicht mehr schmerzfrei gehen, vor allem nicht bergab. Das führte dazu, dass der Liebste und ich die längste und anstrengendste Etappe der Tour ausgelassen haben. Danach haben wir noch zwei weitere, kurze gemacht, waren einen Tag auf einem Tagesausflug und sind letztlich einen Tag früher abgestiegen. Leider. Aber es ging einfach nicht mehr.

Nichtsdestotrotz: Vier von sieben Tagesetappen haben wir geschafft, zwei Hütten haben wir nicht mehr besucht. Auf einem 3000er-Gipfel waren wir leider auch nicht, dafür aber unsere beiden Begleiter.

Ich werde hier nach und nach die Tagesetappen zusammentragen und auch mehr Bilder posten. Nur derzeit arbeitet WordPress sich beim Raufladen echt einen ab. 😉

Programm für den Winter: Mehr Klettern, vor allem runtersteigen üben, und im kommenden Jahr werden wir nochmal ein langes Wochenende investieren, die fehlenden Tagesetappen nachwandern und vor allem den Wilden Freiger als 3400m-Gipfel bestürmen. Was wäre man ohne neue Ziele? 🙂

Alle Bilder in diesem und den folgenden Beiträgen über den Stubaier Höhenweg sind entweder von mir oder meinen Begleitern geschossen. Die Bildrechte liegen bei den Fotografen und jegliche Verwendung durch Dritte ohne Absprache ist untersagt.

 
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Verfasst von - 5. September 2015 in Abnehmen & Fitness, Urlaub, Wandern

 

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Morgen geht es los

Morgen geht es los

Die Rucksäcke sind gepackt, alles ist vorbereitet.

Morgen geht es auf ins Stubaital. Sechs Stunden Fahrt, dann Auffahrt mit der Kreuzjochbahn auf 2100m, dann die ersten zwei Stunden los zur ersten Hütte.

Der Liebste und ich sind furchtbar aufgeregt. Haben wir an alles gedacht? Sind wir wirklich fit genug? Schaffen wir die Tour in unserem Zetplan oder haben wir uns übernommen?

Seit Februar haben wir uns auf die Tour vorbereitet. Diese neun Tage sind der Schlusspunkt, auf den wir hin gerbeitet haben. Danach müssen wir uns neue Ziele suchen. 😉

Das Wetter soll wunderbar werden. Wir haben uns aus Gewichtsgründen gegen eine Kamera entschieden, sondern werden die Handys nutzen. Wie gut das klappen wird, hängt auch davon ab, ob wir zwischendrin die Geräte nachladen können. Nicht jede DAV-Hütte hat Strom, und nicht jede hat genug Steckdosen für alle Wanderer. Dennoch werde ich versuchen, ein paar Eindrücke festzuhalten und hinterher zu posten.

Ich wünsche Euch ein paar schöne Tage.

 
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Verfasst von - 23. August 2015 in Abnehmen & Fitness, Urlaub, Wandern

 

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Die Kraft des eigenen Körpers

1995

Da stehe ich.

Auf einem Granitblock, schwitzend, schnaufend, mit nassen, ins Gesicht hängenden Haaren. Schweißtropfen laufen über mein Gesicht. Vor mir türmt sich der nächste Granitblock auf, davor, daneben, dahinter weitere. Überall um mich herum. Ich bin tapfer, greife nach dem oberen Rand des nächsten Felsens, stemme die Füße gegen einen kleineren links davon, stoße mich ab, stemme, zerre, hieve mich nach oben.

Ich knie auf dem Stein. Meine Beine brennen.

„Hey, kommst du mal langsam?“ Daniel, mein Schulfreund, taucht irgendwo über mir auf. Auch er schwitzt, auch sein Gesicht ist rot, aber in seinen Augen leuchtet Begeisterung. Ich hebe den Blick. Hinter Daniel: weitere Felsen. Eine endlose Moräne aus großen Findlingen, die sich vom Berg ins Tal herabwälzt. Weit oben ist eine Holzbrücke zu sehen, die den steinernen Fluss überspannt. Wanderer gehen darauf hin und her. Und vor uns, neben uns, hinter uns: Überall Kletterer, die die Felsen hoch- und runterkraxeln. Ich stehe mühsam auf.

„Wie weit ist es noch?“, frage ich Daniel. Der schaut nach oben und zuckt die Schultern. 

„Bis zur Brücke, glaub ich. Oben ist jedenfalls ne Hütte, da können wir uns ein Eis holen.“ Ich nicke. Die kurze Pause hat mich zu Atem kommen lassen. Weiter geht es. Die nächsten Felsen sind leicht, über viele kann man fast wie über Treppen steigen. Aber dann: Hier ein großer Schritt, da ein kleiner Sprung. Ich hüpfe, Daniel macht mir vor, wohin ich springen soll. Schmerzen durchfahren mein Sprunggelenk, als ich aufkomme. ich beiße die Zähne zusammen, schüttele den Fuß aus. Weiter geht es. Da ist ein hoher Schritt zu tun. Ich kriege kaum mein Bein auf die Felsecke. Den Rand oben, an dem sich Daniel hochgezogen hat, erreiche ich nicht. Ich weiß, ich muss springen, mich mit dem Bein hochstemmen und den Felsen dann mit den Händen packen. Ich bin nervös, ich weiß, dass viele Leute um uns herum sind, die sehen könnten, wie ich mich anstelle. Doch ich versuche es. 

Abspringen, gut. Hochstemmen mit dem Fuß? Verdammt noch eins, ich reite, das wird ja wohl drin sein. Doch ich komme schon immer kaum in den Sattel eines Pferdes. Und hier? Nicht hoch genug. Ich komme nicht an die Felskante. Ich versuche es nochmal, und nochmal, beim dritten Mal brennt mein Oberschenkel wie Feuer, doch ich kann mich mit den Händen endlich oben festhalten. Und jetzt? Ich bin zu klein.

„Zieh dich hoch!“, ruft Daniel. Wie denn? Ich hänge da wie ein nasser Sack, baumelnd an den eigenen Händen. Gehalten werde ich nur von dem unsicheren Tritt meines rechten Fußes. Ich versuche noch zweimal, mich hochzuziehen. Dann gebe ich auf. In einem Felsbett einfach loszulassen, ist sehr unangenehm, doch ich kann nicht mehr. Ich plumpse auf den Felsen unter mir.

Daniel taucht wieder bei mir auf.

„Was ist los? Willst du nicht weiter?“ Ich schaue nach oben. Ein junger Mann klettert an uns vorbei nach unten.

„Wie weit ist es noch?“, frage ich ihn. Er schaut nachdenklich hoch.

„Die Brücke ist etwa die Mitte“, erwidert er. Dann klettert er weiter. Ich denke daran, dass Daniel da unbedingt hoch möchte. Dass wir da oben Eis essen wollen. Und ich denke an unsere Mütter, die unten warten, weil sie beide nicht mit raufklettern wollten. Naja, Daniels Mutter wäre mitgekommen, aber sie wollte vor allem mal mit ihrer Freundin in Ruhe ratschen, ohne die Kinder. Aber bis wir da oben wären … bis ICH da oben wäre…

Ich stehe auf. Langsam. Arme, Beine und Po schmerzen fürchterlich.

„Ich geh‘ wieder runter. Mir ist das zu weit und … viel zu gefährlich!“


2015

Da stehe ich.

Auf einem Granitblock, mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken. Schweiß steht mir auf der Stirn. Vor mir türmt sich der nächste Granitblock auf, davor, daneben, dahinter weitere. Überall um mich herum. Ich bin tapfer, greife nach dem oberen Rand des nächsten Felsens, stemme die Füße gegen einen kleineren links davon und stoße mich ab.

Ich stehe auf dem Stein. Einfach so. Ohne Mühe.

„Hey, kommst du mal langsam?“ Der Liebste taucht irgendwo über mir auf. Auch er schwitzt ein wenig, in seinen Augen leuchtet Begeisterung. Ich hebe den Blick. Hinter ihm: weitere Felsen. Eine endlose Moräne aus großen Findlingen, die sich vom Berg ins Tal herabwälzt. Weit oben ist eine Holzbrücke zu sehen, die den steinernen Fluss überspannt. Es ist noch früh am Morgen, und alles ist ruhig.

Ich stehe auf. Mühelos. Auch in meinen Augen ist Begeisterung. 

„Aber klar doch!“ Weiter geht es. Die nächsten Felsen sind leicht, über viele kann man fast wie über Treppen steigen. Aber dann: Hier ein großer Schritt, da ein kleiner Sprung. Ich zögere. Schaffe ich das? Seit Jahren habe ich mich nicht mehr im Klettern geübt, ich hab keine Ahnung, was ich kann und was nicht. Der Liebste macht mir vor, wohin ich springen soll. Ich hole tief Luft, springe ab und – stehe oben. Leich schwankend, aber sicher. Weiter geht es. Da ist ein hoher Schritt zu tun. Ich zögere. Meinen Fuß auf die Felsecke? Die ist über kniehoch. Ich hebe den rechten Fuß und setze ihn auf die Kante. Den Rand oben, an dem sich der Liebste hochgezogen hat, erreiche ich nicht. Ich weiß, ich muss springen, mich mit dem Bein hochstemmen und den Felsen dann mit den Händen packen. Ich denke nicht darüber nach, was passieren könnte. Ich tue es einfach. 

Abspringen, hochstemmen, die Felskante greifen, ein kräftiger Ruck, mein linker Fuß sucht hinter mir Halt, ich drücke ein wenig, komme über die Kante, stemme mich hoch und hocke oben auf dem Felsen. Ich schaue nach unten, ungläubig, fassungslos. Zwei Wochen Krafttraining und dann DAS?

Ich stehe auf. Die verdammte Brücke ist die Mitte, daran erinnere ich mich noch. Na warte, die Hütte kriege ich heute zu sehen! 


Am Ende sind wir das gesamte „Felsenmeer“ in einer Stunde raufgestiegen. Es war anstrengend, aber ein unfassbar tolles Gefühl. Die Hütte oben ist übrigens eher unspektakulär.

Eine Woche später waren wir wieder da – aber mit unserem vollen Alpenmarschgepäck, Mit 10 kg auf dem Rücken ist es doch noch mal ein ganz anderes Körpergefühl. Und natürlich noch anstrengender. Aber: 1.15h haben wir gebraucht. Und das für 300 Höhenmeter steil bergan.

Es ist für mich schwer zu begreifen, was gerade passiert. Mein Körpergefühl ist neu, ganz anders, viel bewusster. Das merke ich schon beim morgendlichen Muskelrecken und -strecken im Bett. Plötzlich gibt es da was zu strecken. Und es stimmt, was erzählmirnix in ihrem Buch beschreibt: Ein fitter Körper fühlt sich ganz, ganz anders an als ein schlaffer – und dabei habe ich kaum angefangen, „richtig“ Sport zu machen. Allein das Krafttraining hat in den popeligen zwei Wochen, die ich es mache, eine unfassbare Veränderung ausgelöst. Ich bin wahnsinnig motiviert, zu sehen, was als nächstes passiert.

 
 

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Ein Buch, das verändert.

Ein Buch, das verändert.

Eigentlich wollte ich schon längst einmal eine Buchrezension schreiben, Einfach, weil ich sehr gerne und viel lese und der Meinung bin, dass es unzählige Bücher gibt, die es wert wären, vorgestellt zu werden – aber jetzt ist mir ein Buch in die Hände gefallen, das derartig laut „sprich darüber“ schreit, dass ich es etwas ausführlicher beleuchten möchte. Vor allem, da es nicht nur ein Buch mit gutem Inhalt ist, sondern eines, das massiv Einfluss auf mein aktuelles Leben genommen hat. Und so sehr ich Bücher liebe – sowas passiert nicht gerade häufig.

Vor allem, da dieses Buch ein Sachbuch ist, das in einem Bereich angesiedelt ist, den ich normalerweise großzügig umgehe: Es beschäftigt sich mit Übergewicht. Es ist allerdings KEIN Diätratgeber – das schonmal direkt vorweg geschickt, ehe die ersten entsetzt wegklicken.

Es handelt sich um das Buch „Fettlogik überwinden“ von Dr. Nadja Herrmann *klick*, die in der Blogwelt auch unter dem Namen erzählmirnix (und nochmal *klick*) wohlbekannt ist. Das Buch ist derzeit nur als kindle-Version erhältlich, was aber den Vorteil hat, dass die 6,90€ Verkaufspreis kein Hindernis bei der Anschaffung darstellen.

Gestoßen bin ich auf das Buch über den Blog von erzählmirnix, auf dem sie – neben anderen Themen – auch immer wieder das Thema Übergewicht und den gesellschaftlichen Umgang damit aufs Korn nimmt. Nachdem ihr Buch veröffentlicht war, hat sie auf ihrer Seite auf das Buch und den neuen, zugehörigen Blog verwiesen, und ich bin eher zufällig dorthin geraten, hab dann online die ersten Seiten gelesen und das Buch gekauft.

An dieser Stelle muss ich ein wenig ausholen: Auch ich gehöre in die lange Reihe der Menschen, die zu viel Gewicht mit sich herumschleppen. Schon immer. Seit ich denken kann, war ich zu schwer für mein Alter, auch wenn ich mit etwa 11-12 Jahren im Prinzip ausgewachsen und somit nicht nur schwerer, sondern eben auch größer als meine Mitschülerinnen war. Bilder von damals attestieren mir kein Dicksein – aber so habe ich mich gefühlt. Ich bin mit einer sehr weiblichen Figur gesegnet, weswegen 8-10 kg über „Normalgewicht“ bei mir noch nicht besonders auffallen. Trotzdem fühlte ich mich fett und unbeholfen – nicht durchgängig, aber immer wieder mal. Eine sehr passive, computerspielintensive Phase während meines Studiums führte dann zu einer massiven Gewichtszunahme, in deren Folge ich anfing, das Thema zu verdrängen. Ich war zwar immer wieder mal unglücklich und hasste den Gang auf die Waage beim Gynäkologen, aber so richtig was tun konnte/wollte ich nicht. Ich bin also kein typisches „Diätopfer“. Erst Anfang 2013 hatte ich die Schnauze endgültig voll und ging zu Weight Watchers – mit dem Schock: 100,5 kg zeigte die Waage an.

Seitdem bin ich langsam, aber kontinuierlich weniger geworden und habe inzwischen mein selbst definiertes Zielgewicht von 78 kg erreicht – immer noch leichtes Übergewicht, aber ich sehe jetzt wieder so aus, wie ich früher in meinen besten Jahren aussah. Auf „BMI-Normalgewicht“ wollte ich nicht, weil ich dachte „von diesem ganzen BMI-Pseudoscheiß lasse ich mir nicht diktieren, wie ich auszusehen habe.“ Als ich auf das Buch von erzählmirnix gestoßen bin, habe ich etwa 81 kg gewogen und hing da sehr hartnäckig fest – seit über einen halben Jahr.

Aber wieder zurück zum Thema: Ich habe also das Buch angelesen, dann sofort gekauft und quasi in einem Rutsch durchgelesen – so sehr fesselte mich, was ich da las.

Rein optisch ist das Buch nicht besonders aufregend – es hat ein schönes Titelbild, aber das Inhaltsverzeichnis ist nicht verlinkt, genauso wenig wie die Literaturhinweise, was ich hilfreich gefunden hätte – kurz, man merkt, dass das Buch im Eigenverlag erstellt wurde. Aber das ist nebensächlich. In diesem Buch geht es einzig und alleine um den INHALT. Und der ist der Hammer – weil er einfach, wissenschaftlich hinterlegt und letztlich so unfassbar simpel ist.

Eingebettet in ihre eigene Abnehmgeschichte (die Autorin wog 150 kg und ist inzwischen, nach knapp einem Jahr, bei 62(!) kg angelangt) nimmt sich die promovierte Psychologin die gängigen Diätmythen und all die Behauptungen vor, die mit dem Abnehmen verknüpft sind – und zerlegt eine nach der anderen. Und zwar auf wissenschaftlicher, fundierter Basis.

Das geht los bei der Behauptung „Ich esse nur 1000 kcal und nehme nicht ab!“ (nein: Menschen unterschätzen den Kaloriengehalt von Nahrung erheblich) über „Mein Stoffwechsel ist kaputt!“ (nein: wäre er das, wärst du tot) bis „Bei weniger als xxxx kcal Nahrungsaufnahme schaltet der Körper in den Hungermodus und lagert alles ein, was er kriegen kann!“ (nein: wäre das so, hätten die Menschen keine einzige Hungersnot überlebt) und viele weitere Mythen – eben „Fettlogiken“, die eine einzige, wissenschaftlich bewiesene Tatsache verschleiern: Abnehmen = weniger Kalorien rein, als verbraucht werden.

Fertig. Ende. Iss keine Kohlenhydrate? Iss nicht nach 20 Uhr? Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages? Alles Humbug – zumindest unter dem rein physikalischen Aspekt. Dass sie als Regeln beim Abnehmen helfen können, weniger Kalorien zu sich zu nehmen, bestreitet die Autorin nicht. Was sie bestreitet, ist, dass am Ende des Tages irgendetwas anderes zählt als die Kalorienbilanz.

Nach den ersten entlarvten Fettlogiken folgt im Mittelteil des Buches der wissenschaftliche Part, in dem unzählige Studien aufgeführt werden, die sehr stichhaltig belegen, dass Übergewicht einen negativen Einfluss auf die Gesundheit hat. Und was für einen. Vor allem im massiv übergewichtigen Bereich (morbide Adipositas) wird einem anhand von bis zu 300% erhöhten Risiken für einige Herz-Kreislauf-Erkrankungen dann doch etwas anders. Dieser Part des Buches kann sich durch die schiere Ansammlung von Studienergebnissen etwas trocken lesen lassen, wenn man mit wissenschaftlicher Literatur nicht allzusehr vertraut ist, aber die reine Informationsmenge macht es trotzdem sehr, sehr aufschlussreich.

Der dritte Part des Buches beschäftigt sich mit einem Aspekt des Übergewichtes, den ich aufgrund meines Soziologiestudiums selbst wahnsinnig spannend fand: mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Übergewicht. Schonungslos zeigt die Autorin auf, dass wir keinesfalls in einer Gesellschaft leben, in der „Magerwahn und Schlankheitsterror“ herrschen, sondern vielmehr in einer, die immer übergewichtiger wird und in der inzwischen das Körperbild so verschoben ist, dass wir leichtes Übergewicht als „normal“ wahrnehmen. Das Kapitel tauchte bereits im Januar in abgewandelter Form auf erzählmirnix auf (Link oben), und in diesem Blogeintrag demonstriert die Autorin nochmal bildhaft, was im Buch nur mit wenigen fotografischen Beispielen belegt wird: Was wir als „mollig“ oder „moppelig“ empfinden, ist Übergewicht. Was wir als „richtig dick“ empfinden, ist morbide Adipositas. Was wir als „fett“ empfinden, ist jenseits von Gut und Böse.

Dass sich die Wahrnehmung verschoben hat und nicht etwa der BMI als Maßstab zu niedrig ist, wird durch alte Werbung/Bilder aus den 50-70er Jahren belegt. Der Motivationssatz für schöne Frauen, der im Internet seit Jahren kursiert, stimmt: „Früher wog ein Model 8% weniger als die Durchschnittsfrau. Heute sind es 23%.“ Aber nicht, weil die Models immer dünner werden. Sondern weil die Durchschnittsfrau immer dicker wird. Gleichzeitig herrscht ein ausgeprägtes Misstrauen gegen abnehmende Mitmenschen. Den meisten wird relativ schnell gesagt „nimm nur nicht zu viel ab, sonst wirst du zu dünn“, wenn sie nicht gar (un)bewusst manipuliert werden (Teller extra voll machen etc.). Eine Erfahrung, die ich übrigens selbst machen musste.

Auch erschreckend ist, wie wenig sich Ärzte trauen, Übergewicht als Ursache für Gesundheitsprobleme anzusprechen, sondern erst mal andere Punkte angehen – also eher zu einer Knie-OP raten als dazu, radikal abzunehmen. Ob das daran liegt, dass den Ärzten die Zusammenhänge teilweise selbst nicht so deutlich bewusst sind (was ich erschreckend fände) oder daran, dass sie keine Lust haben, ein unangenehmes Patientengespräch zu führen, bleibt verständlicherweise offen.

Ebenso neu für mich war, dass es auch unter normalgewichtigen Menschen eine ganze Menge gibt, die eigentlich einen zu hohen Körperfettanteil haben – jeder kennt doch jemanden, der dünn ist, aber total unsportlich. Dass diese Menschen die gleichen Gesundheitsrisiken wie Übergewichtige haben, ist meiner Meinung nach viel zu wenig bekannt.

Am Ende folgen noch etliche Seite Literaturverzeichnis – ich muss gestehen, ich habe sie nur überflogen – die den Eindruck erhärten, dass es sich hier um eine wissenschaftlich sehr fundierte Zusammenfassung zum Thema Übergewicht handelt.

Mein Fazit: Das Buch ist unaufgeregt, wahnsinnig sachlich und extrem fundiert – und es gibt keine Heilsversprechen, keine „folgt meinen Tipps, dann nehmt ihr ab!“-Botschaften. Man merkt, dass die Autorin aus der wissenschaftlichen Ecke kommt, aber man merkt auch, welche Selbsterkenntnisse es gewesen sein müssen, und wie schmerzhaft der Prozess war, der durch die Überwindung der „Fettlogik“ hindurch führte. Sie ist mit ihrer eigenen Gewichtsreduktion ein krasses Gegenbeispiel zu vielen Fettlogiken, die langsames Abnehmen propagieren.

Der dritte Teil hat mich am meisten erschreckt, weil er zeigt, wie sehr das Übergewicht schon in der Gesellschaft verankert ist. Allein dieser Part macht es meiner Meinung nach unumgänglich, dieses Buch nach kräften in seiner Verbreitung zu unterstützen, denn: Übergewicht ist nicht gesund. So wenig wie Rauchen. Und das muss in den Köpfen ankommen.

Übrigens hat mich das Buch dazu gebracht, meine inzwischen schleifende Abnahme wieder anzugehen. Eine der ganz großen Erkenntnisse in diesem Buch war für mich der Aspekt von Krafttraining als Schutz vor erneuter Zunahme und als gesundheits- und fitnessfördernde Maßnahme. Und eine Erkennitnis, die die Autorin von sich berichtet und die ich nun bei mir voller Erstaunen selbst entdecke: Sport kann Spaß machen. Es muss nicht nur Quälerei sein wie das immer wieder halbherzige Joggen, das ich bisher praktiziert habe.

Das Buch hat mir den letzten notwendigen Tritt in den Hintern verpasst, mich auch noch den letzten Kilos zu stellen und Muskeln aufzubauen. Immerhin will ich ja im August in die Alpen. Und da möchte ich nicht nach drei Tagen schlappmachen.

 

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