RSS

Feminismus und Frauenparkplätze

30 Okt

Eines vorweg: Ich bin keine Feministin. Zumindest nicht in dem Sinn, mit dem die Medien diesen Begriff füllen. Ich verfolge Meinungen und Strömungen und bin für mich selbst zu dem Schluss gekommen, dass ich mich und meine Positionen nicht als feministisch, sondern als „aufmerksam“ definieren würde. Ich sehe nicht an jeder Ecke Bedrohungen der weiblichen Integrität und auch keine Männerhorden, die nichts anderes im Sinn haben, als den Frauen den Zugang zu bestimmten Kreisen zu verwehren. Das heißt nicht, dass es die nicht geben mag, daran zweifle ich nicht. Ich glaube nur, dass dieser Typ Mann langfristig vom Aussterben bedroht ist oder nur noch in gewissen sozialen Umfeldern überleben wird, in denen die Diskriminierung von Frauen aber nur eines unter vielen Problemen ist.

In meiner persönlichen Umgebung kenne ich eigentlich nur Männer, für die die Gleichberechtigung einer Frau vollkommen selbstverständlich ist. Was nicht heißt, dass es gewisse Schemata oberflächlich nicht gäbe: Den schweren Schrank gestern beim Umzug meiner Mutter hat mein Liebster mit einem Kumpel geschleppt. Nicht, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich die Kraft dafür nicht habe. Beide sind Handwerker. Wäre Xenia dabei gewesen, die auch im Gartenbau schafft, die hätten sie eingespannt. Brüste stören beim Möbelschleppen nicht.

Ich verfolge immer sehr aufmerksam die Diskussionen um das Thema sexuelle Belästigung und fand auch Mollys und Medizynicus‘ Aktion dazu sehr interessant. Die Ergebnisse haben mich erschreckt. Aber ich kann sie für meinen Freundinnenkreis nicht bestätigen. Vielleicht lebe ich in einer Blase. Vielleicht kommt aber bei uns einfach niemand auf die Idee, verbales Blödgequatsche unter die Kategorie von Belästigung zu packen. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Ich habe vor einiger Zeit ein sehr gutes Buch zum Thema Feminismus gelesen: Tussikratie von Teresa Bäuerlein und Friederike Knüpling (gibt es hier). Eine ausführliche Rezension davon steht schon länger auf meiner Blog-Agenda, vielleicht komme ich mal irgendwann demnächst dazu. Auch wenn die beiden Autorinnen in manchen Punkten Themen nur anreißen, bietet es ungeheuer viele Denkanstöße. Kernthese ist: Radikaler Feminismus lässt jedes Problem, das eigentlich gesellschaftlicher, sozialer oder politischer Natur ist, als ein Genderproblem erscheinen, wodurch man sich den eigentlich sinnvollen Lösungsweg, nämlich schlechte Bedingungen für alle zu ändern, aus den Augen verliert, weil man über die Männer herfällt, statt den Schulterschluss zu suchen und gemeinsam Lösungen zu finden.

Aber ich schweife ab. Ich wollte nur deutlich machen, dass ich im Normalfall in Bezug auf feministische und Genderthemen relativ unaufgeregt durch meinen Alltag gehe.

In der kleinen Großstadt, in der ich lebe, wird seit geraumer Zeit die Innenstadt erneuert. Was dringend notwendig war, denn auf der Liste der hässlichsten Innenstädte stand diese recht weit oben. Aber die Stadt ist sehr bemüht, sich trotz der Nähe zur großen Großstadt ein eigenes Profil zu erhalten, mit Kulturprogrammen, Sportevents und eben auch einer attraktiven Innenstadt.

Im Rahmen der Erneuerung wurde die Tiefgarage unter dem zentralen Platz komplett saniert. War auch dringend notwendig. Jetzt ist sie schick und hell und viel besser aufgeteilt.

Es gibt dort auch Frauenparkplätze.

Grundsätzlich stört mich das nicht, ich finde es gut, wenn diese Plätze nah am Eingang sind, gut ausgeleuchtet, in der Nähe einer Notrufeinrichtung usw. Ich rege mich auch nicht über rosa gestrichene oder mit Blumen verzierte Muster auf Boden und Wänden drumherum auf, die mal in einer größeren Stadt bis zu Demonstrationen von Feministinnen gegen dieses Klischee geführt haben. Meinetwegen sollen die Dinger Blumen tragen. Das tun sie in der bewussten Tiefgarage aber noch nicht mal.

Aber: Die Parkplätze sind alle rechtwinklig zu den Fahrstreifen angeordnet. So passen immer drei zwischen zwei Säulen. Das ist völlig okay. Die Frauenparkplätze, die in der zentralen Reihe vorne sind, sind aber schräg angeordnet, so dass man bequem reinfahren kann, ohne in eine 90°-Lücke zu rangieren. Dafür passen nur zwei zwischen zwei Säulen.

Und das fuchst mich unfassbar. Denn das, was da gemacht wurde, ist in meinen Augen echter Sexismus. Hier wurde Frauen nämlich keine gesellschaftlich induzierte Vorliebe unterstellt (wie bei rosafarbenen, blumenverzierten Plätzen), sondern hier wurde den Frauen eine physische Fähigkeit abgesprochen: „Frauen können ja nicht so gut einparken“, wird sich da ein gutmütiger Planer gedacht haben, „also machen wir die Plätze mal größer und bequemer.“ Das war ganz sicher nett und rücksichtsvoll gemeint. Aber das ist tatsächlich die gefährliche Variante von Sexismus, denn sie ist unbewusst und spricht den Frauen eine objektive, physische Begabung ab. Und das ist in der Tat brandgefährlich. Ich bin sehr locker eingestellt, was manche sozialen Prägungen und Einstellungen in Bezug auf Geschlechtsunterschiede angeht, weil man die erkennen und im Zweifelsfall aushebeln kann. Aber eine biologische Komponente bedeutet, die Unterschiede auf objektive Umstände zurückführen zu wollen, und das ist – im Wortsinn – sexistisch.

Klar, vielleicht stand da der Gedanke dahinter, dass Frauen öfter mit Kinderwagen hantieren. Aber dann, bitteschön, macht Eltern-Kind-Parkplätze draus! Ich sehe jeden Morgen beim Pendeln mehr Männer als Frauen mit Kinderwagen, die ihre Kinder vor der Arbeit noch in die Kita bringen. Das sollte auch in den Köpfen mancher Stadtplaner allmählich ankommen.

Advertisements
 
2 Kommentare

Verfasst von - 30. Oktober 2014 in Gesellschaftliches, persönliches

 

Schlagwörter: , , ,

2 Antworten zu “Feminismus und Frauenparkplätze

  1. nandalya

    30. Oktober 2014 at 15:22

    Der Feminismus wird in der Gesellschaft noch immer falsch wahrgenommen und mit streitbaren Amazonen gleichgestellt. Ja, es gibt die Radikalen, die alle Worte auf die berühmte Goldwaage legen und gegen jeden und alles sind, was Frau auch nur ansatzweise diskreditiert. Aber Feminismus war, ist und bleibt wichtig. Sonst tragen wir irgendwann alle wieder unfreiwillig züchtige Häubchen, unser Mieder ist eng geschnürt und das Füßchen verschwindet im hohen Schuh.

    Sexismus hat viele Gesichter. Von offener gelebter Feindseligkeit bis zur jo­vi­al agierenden „Vaterfigur“, die alles als „halb so wild“ betrachtet. Letzterer ist der Typ, der vermutlich jenen Parkplatz plante. Vielleicht sollten solche Planer, die Früchte ihrer Arbeit selbst genießen … müssen / dürfen. Such dir das passende Wort dafür aus.

    Gefällt 1 Person

     
  2. susepedia

    30. Oktober 2014 at 16:57

    Liebe nadalya, ja tatsächlich ist diese „Vaterfigur“ wahrscheinlich das hartnäckigste Gewand, das Sexismus tragen kann. Zumal man(n) sich auch noch angegriffen fühlen wird, weil er das zugrundelegende Problem nicht versteht. Er wollte ja nur „helfen“.

    Aber, mal was anderes, ein reines Gedankenexperiment: Wenn heute alle feministischen Bemühungen aufhörten, ales auf dem Stand von heute bliebe: Kämen die Häubchen und Mieder zurück? Meinst du, die Frauen würden alles Erkämpfte wieder hergeben?

    Gefällt mir

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: