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Aus aktuellem Anlass: Währ Rechtschraibfeler findett darf Sie behaltn!

Ich habe Germanistik studiert, ja. Und ich bin – behaupte ich mal – ziemlich firm in Rechtschreibung und Grammatik. Deswegen tut es mir teilweise körperlich weh, wenn ich im Internet Einträge sehe, die vor Fehlern nur so strotzen. Ja, mir ist klar, dass nicht jeder gleich gut in Rechtschreibung und der Beherrschung der deutschen Sprache ist. Das war auch schon immer so und ist früher einfach weniger aufgefallen, weil Otto Normalmensch bis ins 21. Jahrhundert hinein bei weitem nicht so viel schriftlich kommuniziert hat wie heute.

Aber: Nur weil plötzlich jeder schreiben kann (oder darf), muss ich mir dann auch diese Sprüche „wer Fehler findet, darf sie behalten“ oder „da kommen wieder die Grammatiknazis“ wirklich anhören, wenn ich jemanden auf Fehler hinweise? Oft genug behalte ich es schon für mich und tue das nicht mehr, aber ganz im Ernst: Wer beispielsweise noch nicht mal weiß, dass Satzzeichen direkt hinter die zugehörigen Wörter gehören und kein Leerzeichen dazwischen stehen darf… bei dem sehe ich: Da hat die Allgemeinbildung an einem Punkt aufgehört, der noch deutlich vor dem liegt, an dem ich jemanden als Diskussionspartner ernst nehmen kann.

Ja, ich schließe von Rechtschreibung auf Intelligenz. Weil es was mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit zu tun hat. Und weil bei schriftlicher Kommunikation Ausdruck, Grammatik und Rechtschreibung nun mal maßgeblich den Sinn transportieren. Wenn ich in diesem Medium verstanden werden will, dann muss ich entsprechende Sorgfalt walten lassen. Ich kann auch nicht in Italien mit den Händen rumfuchteln und „si“ und „no“ und „subito“ schreien und erwarten, dass sich alle Italiener bemühen, mich zu verstehen und mir weiterhelfen. Es ist MEIN Job, dafür zu sorgen, dass ich verstanden werde. Genau dafür gibt es – auch außerhalb der Sprache – Regeln. Damit Konflikte umgangen werden, wenn sich jeder daran hält. Zu meinen, dass sie auf einen selbst nicht zutreffen, ist unsozial und arrogant.

Und wenn ich noch einmal einen Kommentar a lá „du weißt ja gar nicht, ob der Schreiber vielleicht Legastheniker ist“ lese, muss ich brechen. Doch. Ich weiß das. Legasthenie hat nämlich typische Anzeichen. Und dazu zählt NICHT die Unfähigkeit, Groß- und Kleinschreibung anzuwenden oder das Nichtanwenden jeglicher Kommaregel, so dass mein Leser gezwungen ist, jeden Satz dreimal halblaut zu lesen, eher er versteht, was ich meine. Das sind Unachtsamkeit und Ignoranz.

So, wer bis hierhin mitgelesen hat: Das musste mal raus. Danke fürs „Zuhören“.

 

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Die Macht der Sprache

Am Freitagnachmittag lag ich, gesundheitlich angeschlagen, dösend auf unserer Couch und verfolgte unaufmerksam einen Fernsehbericht zum Thema „Der 2. Weltkrieg in Asien“. Mein Liebster und ich sind sehr große Fans des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, leider häufen sich in den sonst eigentlich gut durchmischten Dokumentationen und Reportagen der Dritten derzeit die Berichte über den 2. Weltkrieg. Irgendwie hat man alles schonmal gehört – in meiner Generation hörte man ab der 8. Klasse im Schnitt alle zwei Jahre in Geschichte, Gemeinschaftskunde oder Deutsch irgendwas zum Thema 2. Weltkrieg – insofern taugen Berichte a la „Luftkrieg über England“ irgendwann nur noch als Einschlafhilfe. So ähnlich wollte ich es auch hier halten, als mir eine Formulierung ins Bewusstsein drang, die mich dann doch dazu animierte, die Augen wieder aufzumachen.

„(…) als Nazi-Deutschland Polen überfiel (…)“

 

„Nazi-Deutschland“. Das Wort wird in letzter Zeit in Dokumentationen gerne genutzt, aber meines Wissens erst seit einiger Zeit (jedenfalls ist es mir früher nie aufgefallen, und in Geschichtsbüchern findet es sich garantiert nicht). Ich finde das sehr interessant, denn das Wort als solches verrät einiges über unseren Umgang mit der Vergangenheit.

Natürlich ist es ein ungeheuer vereinfachender Begriff, denn jeder, der sich auch nur ein kleines bisschen mit Geschichte oder Gesellschaft befasst, ist sich bewusst, dass ein Land niemals als Land handeln kann – es sind immer Menschen, und deren Unterschiedlichkeit, deren Heterogenität und Widersprüchlichkeit wird durch ein solches Wort vollkommen nivelliert. Doch Reportagen leben von Zuspitzung und Vereinfachung, deswegen war es nicht das, was mich an dem Wort aufschreckte. Nein, der Begriff „Nazi-Deutschland“ suggeriert eine Differenz. Eine Differenz zu uns, zu „Deutschland“ heute.

Man könnte jetzt hier das Fass aufmachen und anfangen, von der Übertragung der Schuld von einer Generation auf die nächste zu sprechen, von der Müdigkeit der jüngeren leute, sich die Verbrechen der Eltern – inzwischen oft sogar Großeltern – immer wieder vorhalten lassen zu müssen, doch soweit will ich nicht gehen. Aber der Sprachgebrauch von „Nazi-Deutschland“ verweist genau in diese Richtung: Das, damals, 1933-1945, das war „Nazi-Deutschland“, das waren nicht wir, nicht das, was Deutschland heute ist, es waren böse Menschen, Nazis, die andere Länder überfielen und himmelschreiende Verbrechen begingen.

Das stimmt aber so nicht. „Nazi-Deutschland“ ist ein Euphemismus, in der besten Nachfolge des Regimes, von dem er sich abzugrenzen versucht. Vor „Nazi-Deutschland“ gab es das „Deutsche Reich“, davor unzählige Fürstentümer und irgendwann davor das „Heilige römische Reich deutscher Nation“. Dennoch definieren wir alles dies als „Deutschland“. Historisch korrekt wäre eine politsche Bezeichnung wie „Das 3. Reich“, das dann in einer Reihe mit den vorgenannten deutschen Reichen genannt werden könnte. Aber das ist nicht der Sinn, den der Ausdruck „Nazi-Deutschland“ transportiert. Hier geht es nicht um hisorische Korrektheit. Hier geht es um eine Differenzierung zwischen „uns“ und „denen damals“.

Diese Differenzierung ist aber nichts als eine sprachliche Täuschung. Das Land damals war genauso heterogen wie das unsrige, es gab viele, die folgten, wenige, die führten und mehr als eine Gruppierung, die sich verweigerte. Viele der Menschen, die folgten, waren vielleicht nicht wirklich erfasst von der nationalsozialistischen Gesinnung, doch sie hielten es für klüger, sich in Zeiten, in denen es nach langer Depression endlich wieder aufwärts ging, nicht zu beschweren. Natürlich gab es auch viele, die der Ideologie begeistert folgten, doch leider, leider ist diese menschliche Eigenschaft nicht nur der deutschen Bevölkerung zwischen 1933 und 45 innewohnend gewesen. Aber genau das will der Begriff „Nazi-Deutschland“ sagen.

Das waren nicht wir.

Die damals waren böse.

Sowas würde heute niemals mehr passieren können.

Wirklich nicht?

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen damals und heute. Doch die Menschen, die damals einem Führer zujubelten und ihn unterstützen, sind nicht vom Himmel gefallen. Vor 1933 waren sie in der Gesellschaft des Deutschen Reiches verankert, nach 1945 blieben viele unterhalb der von den Besatzern verurteilten Führungsschicht in einflussreichen Positionen und beteiligten sich am Wiederaufbau des Landes. Ihre Ideologie verbargen sie, manche davon wurden enttarnt, doch viele wurden es nicht.

Wir, das Deutschland von heute, trägt noch immer das Erbe von damals. Wir sind kein anderes Land. „Nazi-Deutschland“ versucht eine begriffliche Grenze zu ziehen, die nicht existiert. Es will uns von unserer Schuld freisprechen. Das kann aber nicht funktionieren. Und es sprachlich zu verankern, ist gefährlich. Sprache prägt unser Bewusstsein, formt unser Bild von der Wirklichkeit. Und die ist nicht durch Euphemismen zu beschönigen.

 

 

 

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