RSS

Schlagwort-Archive: Vampire – Die Maskerade

Halloween – Alptraum, Teil 5

Schon nachdem er die ersten Meter in den Park gelaufen ist, bemerkt Edward am Himmel über der Hirschau ein blau blinkendes Lichtermeer. Was auch immer der Vogel beobachtet hat, es ist offensichtlich kein Geheimnis mehr. Edward flucht leise. Er fällt in einen unregelmäßigen, humpelnden Trab, denn die Hirschau ist ein paar Kilometer entfernt.
Als er unter der Brücke des Isarrings ankommt, nutzt er die Chance, mit dem Schatten zu verschmelzen. Er pfeift seinen Vogel zu sich.
„Lass mich sehen, was du siehst“, flüstert er leise. Mercutio trippelt erregt hin und her, doch er kennt den Befehl und weiß, was zu tun ist.
Edward wartet geduldig im Schatten der Brücke. Eine Baumgruppe mit dichtem Gebüsch darunter versperrt ihm die Sicht, doch sobald er ein Bild der Lage hat, kann ihm diese noch sehr nützlich sein. Er zählt jedoch im Augenblick drei Streifenfahrzeuge, einen Rettungswagen und ein fünftes Fahrzeug, das halb hinter dem Sanka verborgen und wahrscheinlich ein Notarztfahrzeug ist.
Als der Rabe zurückkehrt, ist dieser immer noch so aufgeregt, dass es schwer ist, aus seinem Gekrächze die relevanten Infos herauszuholen. Doch schließlich weiß Edward, was ihn etwa hinter den Bäumen erwartet. Er schickt Mercutio fort; der Vogel soll die Ausgänge des Englischen Gartens im Auge behalten, vor allem die an der Prinzregentenstraße, da dort um diese Uhrzeit Jogger und Hundebesitzer unterwegs sind.
Behutsam überquert er die Freifläche bis zu den Bäumen, doch seine Vorsicht ist unnötig. Niemand ist auf dieser Seite der Bäume, der ihn sehen könnte – wenn er ihn sehen könnte.
Langsam durchquert er das Gebüsch und sucht sich einen Platz, an dem er gut sehen kann. Der Platz rund um das Geschehen ist großzügig mit rot-weißen Banderolen abgesperrt. Die Polizisten sichern den Tatort und suchen nach Spuren. Edward hat oft genug die Arbeit der Polizei beobachtet, wenn mal wieder ein Mensch seinem Leben mittels einer U- oder S-Bahn ein Ende gesetzt hat. Interessanter ist der Notarzt, der sich gemeinsam mit einem in Zivil gekleideten Mann über etwas ganz in der Nähe des Gebüschs beugt. Als er sich dorthin bewegt, erkennt er, dass das nicht das mysteriöse Tier ist, von dem Mercutio berichtet hat, sondern das Opfer.
Das erste, was er sieht, ist, dass das Gras überall nass und rot ist. Der Radius und auch die Art, wie die beiden Menschen damit umgehen, lassen darauf schließen, dass derjenige nicht mehr am Leben ist. Nach kurzem steht der Notarzt auf. Während er sich die Kleidung richtet, fragt er:
„Was schätzen Sie, Herr Kollege?“ Der richtet sich ebenfalls auf.
„Nun“, antwortet er und nimmt dabei seine Brille ab, „wie schon vorhin gesagt: Ich bin genauso ratlos wie Sie. Wenn ich mir das so ansehe…“ Er zögert, sieht auf die Gestalt herab und hebt dann die Schultern. „Es sieht aus wie der Angriff eines Tieres.“
„Ein Tier?“, erwidert der Notarzt. „Sie denken dabei nicht an einen Fuchs, nehme ich an?“ Der andere, den Edward für einen Gerichtsmediziner hält, schüttelt den Kopf.
„Nein. Ich rede hier noch nicht mal von der Größenordnung eines Wolfes.“ Er zögert. „Ich war direkt nach meinem Studium für Ärzte ohne Grenzen in Sri Lanka. Das hier…“ Ein Polizist in Uniform tritt zu den beiden.
„Die Umgebung wurde abgesucht“, sagt er, „außer der Augenzeugin ist niemand hier. Aber sobald die Kollegen den Park abgeriegelt haben, kommen nochmal drei Hundeführer her. Die sind noch an den Eingängen.“ Edward fällt auf, dass der Mann versucht, den Blick auf den Toten zu meiden. „Und?“
„Die Art der Verletzungen spricht für einen Tierangriff“, widerholt der Gerichtsmediziner, „die Wunden sind lang, meist nebeneinander, aber gerissen, nicht sauber geschnitten. Ein Messer fällt aus. Und ich bezweifle, dass jemand mit einer anderen Waffe so einen Schaden anrichten kann – vor allem in der Kürze der Zeit. Und dann: Schauen Sie sich den Hals an. Das ist ein Bissschema. Außer der Angreifer hat sein Tun dadurch vertuschen wollen, indem er mit zwei abgebrochenen Bierflaschen Stücke aus dem Hals des Opfers gehackt hat.“ Der Polizist tritt unwillkürlich einen Schritt zurück und hebt abwehrend die Hände. „Genug, genug! Laut der Zeugin ging das Ganze auch sehr schnell. Und auch sie spricht von einem Tier… aber sie sagt, es wäre ein sehr großes Tier gewesen.“ Der Notarzt wendet sich wieder an seinen Kollegen:
„Was wollten Sie über Sri Lanka sagen?“ Der Angesprochene zögert unmerklich, ehe er antwortet: „Ich war in einer Gegend im Nationalpark. Wir hatten da einige Angriffe, deren Spuren ähnlich aussahen. Von Tigern.“

 
 

Schlagwörter: , , , ,

Halloween – Alptraum, Teil 3

Teil 1 und 2 hier


 

Halloween 2006, ca. 5.00h morgens

Edward Clay stapft langsam durch die samtene Dunkelheit. Er genießt die Stille des Parks. Natürlich ist es hier nicht wirklich still, das Wasser des Eisbaches rauscht, das welke Laub der Bäume raschelt im Wind, und die Äste knarren, als wären die braunen Blätter eine übermäßige Last.

Es ist kalt, und der Wind schneidend. Zwar stört ihn die Kälte nicht, aber der Wind lässt seinen Trenchcoat flattern und droht dauernd, ihm den Hut vom Kopf zu reißen. So ist er froh, dass der nächste Eingang in das Königreich nur noch wenige Dutzend Meter entfernt ist.

Plötzlich spürt er einen unerwarteten Druck auf der Schulter, der so plötzlich kommt, dass er einige Schritte nach vorne macht. Ein Rascheln und Flattern umgibt ihn, und etwas Spitzes bohrt sich in sein Schulterblatt.

„Tier!“, kreischt es in seinem linken Ohr, „Tier! Tier!“

Unwillkürlich greift er nach dem Angreifer. Er spürt die vertrauten Federn, die sich leicht klebrig unter seinen Fingern anfühlen.

„Ruhig, Freund, ruhig“, spricht er leise auf den Vogel ein. Unter Mühen gelingt es ihm, ihn auf seinen Arm zu bugsieren. „Mercutio, alles ist gut“, flüstert er. Doch der Vogel scheint außer sich. Nur sehr langsam wird er ruhiger. Und jetzt fällt Edward erst auf, dass der Rabe deutlich schlimmer aussieht als üblich: Auf der rechten Seite ist ein Teil seiner Federn in die falsche Richtung gebürstet, und an seinem Flügel fehlen drei Schwungfedern.

„Was ist passiert?“, fragt er. Der Vogel trippelt auf seinem Unterarm hin und her.

„Tier, Tod!“, krächzt er. Edward streichelt ihn behutsam. „Wo ist ein totes Tier?“

„Tier tötet… Tötet und jagt…“ Ihn beschleicht eine Unruhe.

„Ja und? Das tun Tiere… Du auch?!“ Mercutio schüttelt den befiederten Kopf, und einige kleine Federn sinken zu Boden.

„Tötet Mensch… Tötet jetzt..!“ Er schaut den Vogel alarmiert an.

„Wo?!“

„Hinten… Fluss…“ Der zierliche Kopf wendet sich nach Norden, über das offene Gelände des Kleinhesseloher Sees hinweg, Richtung Hirschau. Edward schaut auf die Uhr. 5.20h. Noch eine Dreiviertelstunde Nacht verbleibt.

„Zeig mir, wo!“

Laut kreischend flattert Mercutio auf und verschwindet in der Dunkelheit.

 

Schlagwörter: , , , , ,

Halloween – Alptraum, Teil 2

Teil 1 hier


Eisbach. P1.

Mehr Informationen hat sie nicht. Der große Wagen rollt durch den frühmorgendlichen Verkehr, der maßgeblich aus Lieferwagen und Handwerkerautos besteht. Es kostet sie ihre ganze Kraft, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Viel lieber wäre sie gelaufen, gerannt, einmal quer durch die Stadt, so schnell sie kann. Aber das war unsinnig. Es war früh am Morgen, und schlimmstenfalls würden sie und Christoph den Schutz der getönten Scheiben brauchen. Oder zumindest ich, schießt es ihr durch den Kopf, doch dann verbannt sie den Gedanken entschlossen in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins. Sie wird ihn rechtzeitig finden. Sie muss einfach. Sie muss!

Noch immer scheint die fremde Hand ihr Herz zu umklammern, das sich jedes Mal noch weiter zusammenzieht, wenn sie an ihren Erzeuger denkt. Doch zumindest der Alp ist von ihrem Rücken gewichen. Er fiel ab, als sie aufsprang, sobald Christoph auf ihre Frage: „WO???“ die zwei Worte geschrieben hatte, die jetzt durch ihr Hirn rasen.

Eisbach. P1.

Der große Wagen rollt auf den Parkplatz für die Mitarbeiter neben dem P1. An den anderen Autos kann sie erkennen, dass Coleen und der Barmanager noch da sind. Doch sie wird sich niemanden zu Hilfe holen. Noch nicht mal ihre eigene Ghulin.

Sie parkt so, dass der Kofferraum des Wagens zum Weg steht, der am Parkplatz vorbei in den Englischen Garten führt. Einen Augenblick lang verharrt sie reglos, erwartet halb, dass Christoph die Heckklappe öffnet. Doch nichts geschieht.

Die Unruhe zerrt an ihr. Sie steigt aus und geht die paar Schritte zu der Stelle, an der der Eisbach aus seinem unterirdischen Bett hervorschießt. Suchend schaut sie sich um, doch es ist vollkommen ruhig. Kein ungewöhnliches Geräusch dringt an ihre geschärften Ohren, keine ungewöhnliche Bewegung ist zu sehen. Langsam dreht sie sich im Kreis.

Hier ist nichts. Niemand.

Und jetzt?

Noch während sich in ihrem Kopf die Frage formiert, ertappt sie sich dabei, wie sie dem Bachlauf folgt, in den Englischen Garten hinein. Ihre Schritte scheinen nicht ihr zu gehorchen. Wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen, folgt sie dem Bach.

Sie ist erst wenige Meter in den Park hineingegangen, als die Stille sie verschluckt. Die Geräusche der Straße ersterben fast abrupt, und sie hört nur das Knirschen der Erde unter ihren Stiefeln, das Rauschen des Baches und einen einzelnen Vogel, der das Nahen des Tages verkündet. Sie wird schneller und hebt den Kopf zum Himmel. Sie muss wissen, wie viel Zeit ihr noch bleibt. Sie spürt ein eigenartiges Prickeln auf der Haut und weiß, viel ist es nicht.

Der Himmel ist dunkel, doch etwas im Nordosten zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich: Blaues Licht bricht sich an den nächtlichen Wolken, erscheint, erlischt, erscheint, erlischt… es ist Blaulicht. Und davon eine ganze Menge. Doch es ist weit weg, wahrscheinlich irgendwo im Nordteil des Parks. Sie ist nervös. Doch andererseits: Hätte es mit Christoph zu tun, hätte er sie nicht an das Südende des Parks gerufen.

Oder?

Plötzlich spürt sie Nässe an ihren Beinen. Erschrocken richtet sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Umgebung und stellt fest, dass sie im Wasser steht! Während ihre Gedanken sich auf das Blaulicht richteten, war sie das Ufer des Baches hinuntergeklettert und steht nun bis zu den Knien im eiskalten, reißenden Wasser. Sie erkennt, dass sie an der Stelle ist, an der ein anderer Bach in den Eisbach mündet. Diese Stelle nutzen Surfer gerne, um aus dem Wasser zu steigen, wenn die Eisbachwelle sie mitgerissen hat. Es gibt hier einen kleinen Seitenarm, um genau dorthin watet Anoush jetzt, ohne zu wissen, was sie dort will.

Das Wasser des Seitenbachs ist ruhiger; viele Bäume stehen dicht am Ufer. Ihre Wurzeln ragen weit in das Bachbett hinein, und ihre Zweige hängen fast bis ins Wasser herab. Behutsam bahnt sich Anoush den Weg.

Und dann lässt ganz unvermittelt der Druck um ihr Herz nach. Er endet so plötzlich, dass sie fast strauchelt. Verwirrt bleibt sie stehen. Und dann …

„Christoph?“ haucht sie.


Hier gibt es mehr von Anoush:

Ein Zimmer-in-dunkler Nacht

Woanders, am anderen Tag

Millenium

Herzblut

Requiem


 
3 Kommentare

Verfasst von - 16. November 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

Schlagwörter: ,