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Allerheiligen, kurz nach Sonnenuntergang

Es ist 17.45h, als Bruno Heller seine Zuflucht verlässt. 15 Minuten, um durch den Münchner Feierabendverkehr zu seinem Ziel zu kommen, sind knapp kalkuliert. Aber früher kann er sich nicht auf die Straße wagen, und auch jetzt beschleicht ihn ein ungutes Gefühl, als er vor dem Mietshaus auf die Straße tritt. Es ist bewölkt, doch weit im Westen ist die Wolkendecke aufgerissen und gibt den Blick auf einen noch sanft hellblau schimmernden Himmel frei. Er erschaudert, und ist doch gleichzeitig gefesselt von dem unvertrauten Anblick. Seit fast sieben Jahren hat er kein Tageslicht mehr gesehen, noch nicht einmal den schwachen Schatten der Helligkeit kurz nach dem Sonnenuntergang. Es hat ihn niemals gereizt, auszuprobieren, wie früh man vor die Tür treten kann. Viele Kinder, so hat er inzwischen gehört, versuchen dies kurz nach dem Kuss, und so manche bezahlen diese Mutprobe mit dem Unleben.

Direkt vor ihm hält ein Taxi – sein Taxi. Erleichtert steigt er ein und grüßt den Fahrer mit einem Nicken. Zum Glück ist der ein fähiger Autofahrer, und so hält das Taxi um 17.58h vor der Falckenbergstr. 1.

Die Bar der Kammerspiele ist unter dem Dach des Gebäudes untergebracht. Eine Handvoll Studenten der Otto-Falckenberg-Schule hat das Experiment gestartet, diesen riesigen Dachbodenraum in eine kleine, heimelige Bar zu verwandeln. Große Gauben sorgen tagsüber für reichlich Licht und einen wundervollen Blick über die Innenstadt. Zur Einrichtung der Bar gehören große Kulissenteile und Requisiten, die seit Jahrzehnten auf dem Dachboden ein einsames Dasein geführt haben: Eine Nachbildung der Venus von Milo aus Pappmaché, mehrere Stehlampen aus den 50ern und halbmetergroße Marionetten stehen zwischen den Tischen, den alten Sofas und hinter der Bar. Einige besonders prachtvolle Kostüme sind auf Kleiderpuppen ausgestellt und wirken wie erstarrte Besucher einer Stehparty. Die Luft riecht nach Holz und Staub.

Als Bruno den Raum betritt, erkennt er ihn auf den ersten Blick. Theodor Andelius sitzt an der Bar. Gekleidet ist er, wie meistens, in Anzughose und Rollkragenpullover. Der unvermeidliche Schal aus feiner, heller Seide liegt um seinen Hals und passt farblich perfekt zu den langen, grauen Haaren, die er zum Pferdeschwanz gebunden hat. Vor sich hat er ein Weinglas stehen; er starrt nachdenklich vor sich hin. Einige jüngere Leute sitzen in einer Couchgruppe einige Meter von ihm entfernt, trinken Bier und werfen ihm ab und an scheue, fast ehrfürchtige Blicke zu. Sonst ist um diese frühe Uhrzeit niemand zu sehen. Offiziell öffnet die Bar erst eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.

Als sich Bruno der Bar nähert, sieht Andelius auf.

„Herr Heller! Wie schön, dass Sie es geschafft haben! Bitte, setzen Sie sich doch.“ Andelius deutet auf den Platz neben sich, „was möchten Sie trinken?“

Da der Barkeeper noch nicht anwesend ist, huscht eine junge Frau aus der Sitzgruppe rasch hinter die Bar, als sie die Frage hört, und beeilt sich, Bruno ein Glas Weißwein einzuschenken. Andelius dankt es ihr mit einem freundlichen Lächeln, sie nickt errötend und zieht sich zurück.

Zuerst hat Bruno das Gefühl, als wolle Andelius doch nur unverbindlichen Small Talk halten. Er fragt ihn nach seinen Erfahrungen in München, wie er sich eingelebt habe und was er für Pläne für die Zukunft hat. Doch nach etwa zwanzig Minuten erheben sich schließlich  die jungen Leute, bringen ihre Flaschen zur Bar und brechen auf.

In der sich nun ausbreitenden Stille bemerkt Bruno den versonnenen Blick, mit dem Andelius nun den Leuten, die er die ganze Zeit nicht beachtet hat, hinterher schaut.

„Wissen Sie, was für mich die Arbeit im Schauspielbetrieb ausmacht?“, fragt er plötzlich. Und ohne eine Antwort abzuwarten, fährt er fort: „Die Arbeit mit den jungen Künstlern. Die so hoffnungsvoll und motiviert hierher kommen und dann, meistens ganz unvermittelt, hier durch eine harte Schule gehen. Viele sind das erste Mal auf sich allein gestellt. Sie müssen lernen, mit Enttäuschungen umzugehen und auch mit dem ersten Erfolg. Sie werden hier erwachsen.“ Er seufzt, und jäh erinnert sich Bruno daran, dass es erst vor wenigen Jahren einen ausgewachsenen Skandal um Andelius und einen seiner treusten Diener gab. Die genauen Details hat er nie erfahren, aber es heißt, es wäre nur dem Eingreifen seines Clansältesten zu verdanken gewesen, dass keine Köpfe rollten. Andelius kam ungeschoren davon, aber eine Schülerin von ihm wurde für den Rest ihres Unlebens aus der Stadt verbannt.

„Die Emotionen der Menschen zu beobachten, vor allem der jungen, ist ein Lebenselixier, vor allem für unseren Clan, mein Freund. Wer, wenn nicht die Menschen, mit denen wir uns umgeben, kann uns zeigen, was es heißt, lebendig zu sein?“

Bruno hört nur zu und nickt. Er hat das Gefühl, dass hier zuhören angebrachter ist als reden.

„Ich umgebe mich mit vielen Menschen“, fährt er fort, „nicht nur Ghulen, auch anderen. Schülern, Zöglingen, vielleicht sogar so etwas wie Freunden, solange man eine Freundschaft nicht auf die Basis von absoluter Offenheit stellt.“ Er lacht kurz. „Aber das bringt mich zu dem Punkt, über den ich mit Ihnen sprechen wollte.“ Er zögert, dreht das Glas zwischen seinen Fingern und betrachtet die Schlieren, die die rote Flüssigkeit zieht.

„Sebastiàn. Einer meiner Zöglinge. Er ist relativ neu in der Stadt und ein sehr vielversprechender Schauspieler. Er ist nicht eingeweiht. Noch nicht. Er hat den ersten Schritt zum Band bereits getan, und in der kommenden Zeit wollte ich ihn in die Reihen meiner Ghule aufnehmen.“ Er verstummt und starrt nachdenklich ins Leere.

„Das hört sich fast an, Herr Andelius, als wären Ihre Pläne durchkreuzt worden?“, durchbricht Bruno die Stille. Andelius nickt langsam, ohne den Blick zu heben.

„Er ist verschwunden. Seit etwa einer Woche.“ Dann schaut er auf und Bruno direkt an. „Deswegen brauche ich Ihre Hilfe.“

„Meine Hilfe?“ erwidert er verwirrt, „bei allem nötigen Respekt: Wie sollte denn ausgerechnet ich Ihnen da helfen können?“

„Nun“, antwortet Andelius, „Sie sind doch mit diesen… diesen beiden anderen Jungen„, er betont das Wort, „gut bekannt? Diese beiden, mit denen Sie gemeinsam den bedauernswerten Herrn Hauser zur Strecke gebracht haben?“

„Ja…“, antwortet er zögernd, „aber was sollten die beiden damit zu tun haben?“

„Nun, zum einen scheinen Sie drei mir ganz scharfsinnig zu agieren“, erwidert er, „und zum anderen: Sebastián war zuletzt viel im P1 zu Gast. Sehr viel. Und die kleine Schönheit scheint recht eng mit Frau von Gutenhof befreundet zu sein, Sie wissen, der Geschäftsführerin. Und die weiß sehr genau, dass Sebastiáns Spuren sich nach einem Besuch im P1 vor einer Woche verlieren.“ Er trinkt mit einer entschlossenen Bewegung sein Weinglas leer.

„Ich bin sicher, Herr Heller, dass Sie mit Ihren externen Kontakten absolut prädestiniert sind, hier etwas Licht ins Dunkel zu bringen.“ Er wendet sich Bruno zu. Seine Augen sind sehr blau, sehr klar und sehr eisig. „Ich verliere sehr ungern Menschen, die mir etwas bedeuten. Der Clan des Prinzen und ich… haben einige Schwierigkeiten miteinander. Insofern bitte ich Sie, dem ganzen diskret nachzugehen. Und glauben Sie mir: Es lohnt sich, einen Gefallen bei Theodor Andelius gut zu haben.“

 
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Verfasst von - 11. November 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

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Halloween – Alptraum

Halloween 2006, gegen 5.00 Uhr früh.


Anoush ist nach dem Treffen mit den beiden anderen auf dem Heimweg.

Halloweennächte waren auch schon mal spannender, denkt sie. Aber es wird langsam schwer, den Kunstpark oder auch das P1 als immer wieder neues und aufregendes Jagdgebiet zu betrachten. Am Ende des Jahres vollendet sie das siebte Jahr als Kainskind. Und schon jetzt, seufzt sie innerlich, fängt mich die Stadt an zu langweilen. Wie soll das zukünftig werden?

Immerhin, seit der Blutjagd verbringt sie recht viel Zeit mit den beiden anderen jungen Neugeborenen. „Killerklüngel“ hat Christoph die Gruppe scherzhaft genannt, und sie hatte geschnaubt und irgendwas nach ihm geworfen. Natürlich ist er ausgewichen, und natürlich hat er nicht daran gedacht, die Bezeichnung aufzugeben. Aber egal, wie es genannt wird: Sie mag das Trio, das sie bilden. Irgendwie. Es sind keine Clansgeschwister, aber trotzdem gibt es eine Art von Austausch zwischen ihnen, seit der Jagd vielleicht sogar eine Art von Verbundenheit. Zumindest, denkt sie nüchtern, solange sie mir nicht im Weg stehen.

Anoush parkt ihren Wagen in der Tiefgarage und geht zum Aufzug. Zischend öffnen sich die Türen, und ihr kommen zwei Hausbewohner entgegen, verschlafen, müde, auf dem Weg zur Arbeit. Sie nickt ihnen zu; es sind immer die gleichen Gesichter um die gleiche Uhrzeit. Die Hausbewohner glauben, dass sie irgendwo arbeitet, wo es Nachtschichten gibt. Irgendwann mal hat sie einem gegenüber auf neugierige Nachfragen mit „Security“ geantwortet und dabei undurchschaubar gelächelt. Seitdem kamen von niemandem mehr Fragen.

Es passiert ganz plötzlich, als sie vor ihrer Haustür steht und den Schlüssel ins Schloss steckt: Etwas springt schwer auf ihren Rücken und wirft sie gegen die Tür. Sie stolpert vorwärts und schlägt der Länge nach auf dem Boden ihres Flurs auf. Sie windet sich, versucht, an den Angreifer heranzukommen. Seine Hand krallt sich um ihr Herz, doch ihre Finger bekommen nichts zu packen.

Da ist nichts.

Sie ist allein.

Sie rappelt sich auf, wirft die Tür ins Schloss, während die fremde Hand weiterhin ihr Herz umfasst und unbarmherzig zusammendrückt. Sie ringt nach Luft, als brauche sie sie zum Atmen, sie reißt an ihrer Kleidung, als verberge sich darin ein Angreifer. Doch niemand ist da.

Panik ergreift sie.

Christoph!

Ganz plötzlich ist er da, der Gedanke an ihren Erschaffer, ohne Vorwarnung, ohne zu wissen, warum. Der Schmerz in ihrem Herzen wird übermächtig, und ihre Welt schrumpft zusammen auf den einen Gedanken. Christoph! Wo bist du? Was ist geschehen?

Anoush kauert im Dunklen, auf dem Boden ihres Flurs. Hilflos, überwältigt von Angst, wiegt sie sich vor und zurück. Sie will rennen, laufen. Aber wohin?

Plötzlich flammt ein kleines Licht im Dunkeln auf. Gleichzeitig spürt sie ein kurzes, intensives Brummen auf dem Holz des Bodens.

Ihr Handy.

Brauche dich hol mich. Jetzt! C.

 


 

Hier gibt es mehr von Anoush:

Ein Zimmer-in-dunkler Nacht

Woanders, am anderen Tag

Millenium

Herzblut

Requiem

 
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Verfasst von - 9. November 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

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