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Schlagwort-Archive: Natur

Die Kraft des eigenen Körpers

1995

Da stehe ich.

Auf einem Granitblock, schwitzend, schnaufend, mit nassen, ins Gesicht hängenden Haaren. Schweißtropfen laufen über mein Gesicht. Vor mir türmt sich der nächste Granitblock auf, davor, daneben, dahinter weitere. Überall um mich herum. Ich bin tapfer, greife nach dem oberen Rand des nächsten Felsens, stemme die Füße gegen einen kleineren links davon, stoße mich ab, stemme, zerre, hieve mich nach oben.

Ich knie auf dem Stein. Meine Beine brennen.

„Hey, kommst du mal langsam?“ Daniel, mein Schulfreund, taucht irgendwo über mir auf. Auch er schwitzt, auch sein Gesicht ist rot, aber in seinen Augen leuchtet Begeisterung. Ich hebe den Blick. Hinter Daniel: weitere Felsen. Eine endlose Moräne aus großen Findlingen, die sich vom Berg ins Tal herabwälzt. Weit oben ist eine Holzbrücke zu sehen, die den steinernen Fluss überspannt. Wanderer gehen darauf hin und her. Und vor uns, neben uns, hinter uns: Überall Kletterer, die die Felsen hoch- und runterkraxeln. Ich stehe mühsam auf.

„Wie weit ist es noch?“, frage ich Daniel. Der schaut nach oben und zuckt die Schultern. 

„Bis zur Brücke, glaub ich. Oben ist jedenfalls ne Hütte, da können wir uns ein Eis holen.“ Ich nicke. Die kurze Pause hat mich zu Atem kommen lassen. Weiter geht es. Die nächsten Felsen sind leicht, über viele kann man fast wie über Treppen steigen. Aber dann: Hier ein großer Schritt, da ein kleiner Sprung. Ich hüpfe, Daniel macht mir vor, wohin ich springen soll. Schmerzen durchfahren mein Sprunggelenk, als ich aufkomme. ich beiße die Zähne zusammen, schüttele den Fuß aus. Weiter geht es. Da ist ein hoher Schritt zu tun. Ich kriege kaum mein Bein auf die Felsecke. Den Rand oben, an dem sich Daniel hochgezogen hat, erreiche ich nicht. Ich weiß, ich muss springen, mich mit dem Bein hochstemmen und den Felsen dann mit den Händen packen. Ich bin nervös, ich weiß, dass viele Leute um uns herum sind, die sehen könnten, wie ich mich anstelle. Doch ich versuche es. 

Abspringen, gut. Hochstemmen mit dem Fuß? Verdammt noch eins, ich reite, das wird ja wohl drin sein. Doch ich komme schon immer kaum in den Sattel eines Pferdes. Und hier? Nicht hoch genug. Ich komme nicht an die Felskante. Ich versuche es nochmal, und nochmal, beim dritten Mal brennt mein Oberschenkel wie Feuer, doch ich kann mich mit den Händen endlich oben festhalten. Und jetzt? Ich bin zu klein.

„Zieh dich hoch!“, ruft Daniel. Wie denn? Ich hänge da wie ein nasser Sack, baumelnd an den eigenen Händen. Gehalten werde ich nur von dem unsicheren Tritt meines rechten Fußes. Ich versuche noch zweimal, mich hochzuziehen. Dann gebe ich auf. In einem Felsbett einfach loszulassen, ist sehr unangenehm, doch ich kann nicht mehr. Ich plumpse auf den Felsen unter mir.

Daniel taucht wieder bei mir auf.

„Was ist los? Willst du nicht weiter?“ Ich schaue nach oben. Ein junger Mann klettert an uns vorbei nach unten.

„Wie weit ist es noch?“, frage ich ihn. Er schaut nachdenklich hoch.

„Die Brücke ist etwa die Mitte“, erwidert er. Dann klettert er weiter. Ich denke daran, dass Daniel da unbedingt hoch möchte. Dass wir da oben Eis essen wollen. Und ich denke an unsere Mütter, die unten warten, weil sie beide nicht mit raufklettern wollten. Naja, Daniels Mutter wäre mitgekommen, aber sie wollte vor allem mal mit ihrer Freundin in Ruhe ratschen, ohne die Kinder. Aber bis wir da oben wären … bis ICH da oben wäre…

Ich stehe auf. Langsam. Arme, Beine und Po schmerzen fürchterlich.

„Ich geh‘ wieder runter. Mir ist das zu weit und … viel zu gefährlich!“


2015

Da stehe ich.

Auf einem Granitblock, mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken. Schweiß steht mir auf der Stirn. Vor mir türmt sich der nächste Granitblock auf, davor, daneben, dahinter weitere. Überall um mich herum. Ich bin tapfer, greife nach dem oberen Rand des nächsten Felsens, stemme die Füße gegen einen kleineren links davon und stoße mich ab.

Ich stehe auf dem Stein. Einfach so. Ohne Mühe.

„Hey, kommst du mal langsam?“ Der Liebste taucht irgendwo über mir auf. Auch er schwitzt ein wenig, in seinen Augen leuchtet Begeisterung. Ich hebe den Blick. Hinter ihm: weitere Felsen. Eine endlose Moräne aus großen Findlingen, die sich vom Berg ins Tal herabwälzt. Weit oben ist eine Holzbrücke zu sehen, die den steinernen Fluss überspannt. Es ist noch früh am Morgen, und alles ist ruhig.

Ich stehe auf. Mühelos. Auch in meinen Augen ist Begeisterung. 

„Aber klar doch!“ Weiter geht es. Die nächsten Felsen sind leicht, über viele kann man fast wie über Treppen steigen. Aber dann: Hier ein großer Schritt, da ein kleiner Sprung. Ich zögere. Schaffe ich das? Seit Jahren habe ich mich nicht mehr im Klettern geübt, ich hab keine Ahnung, was ich kann und was nicht. Der Liebste macht mir vor, wohin ich springen soll. Ich hole tief Luft, springe ab und – stehe oben. Leich schwankend, aber sicher. Weiter geht es. Da ist ein hoher Schritt zu tun. Ich zögere. Meinen Fuß auf die Felsecke? Die ist über kniehoch. Ich hebe den rechten Fuß und setze ihn auf die Kante. Den Rand oben, an dem sich der Liebste hochgezogen hat, erreiche ich nicht. Ich weiß, ich muss springen, mich mit dem Bein hochstemmen und den Felsen dann mit den Händen packen. Ich denke nicht darüber nach, was passieren könnte. Ich tue es einfach. 

Abspringen, hochstemmen, die Felskante greifen, ein kräftiger Ruck, mein linker Fuß sucht hinter mir Halt, ich drücke ein wenig, komme über die Kante, stemme mich hoch und hocke oben auf dem Felsen. Ich schaue nach unten, ungläubig, fassungslos. Zwei Wochen Krafttraining und dann DAS?

Ich stehe auf. Die verdammte Brücke ist die Mitte, daran erinnere ich mich noch. Na warte, die Hütte kriege ich heute zu sehen! 


Am Ende sind wir das gesamte „Felsenmeer“ in einer Stunde raufgestiegen. Es war anstrengend, aber ein unfassbar tolles Gefühl. Die Hütte oben ist übrigens eher unspektakulär.

Eine Woche später waren wir wieder da – aber mit unserem vollen Alpenmarschgepäck, Mit 10 kg auf dem Rücken ist es doch noch mal ein ganz anderes Körpergefühl. Und natürlich noch anstrengender. Aber: 1.15h haben wir gebraucht. Und das für 300 Höhenmeter steil bergan.

Es ist für mich schwer zu begreifen, was gerade passiert. Mein Körpergefühl ist neu, ganz anders, viel bewusster. Das merke ich schon beim morgendlichen Muskelrecken und -strecken im Bett. Plötzlich gibt es da was zu strecken. Und es stimmt, was erzählmirnix in ihrem Buch beschreibt: Ein fitter Körper fühlt sich ganz, ganz anders an als ein schlaffer – und dabei habe ich kaum angefangen, „richtig“ Sport zu machen. Allein das Krafttraining hat in den popeligen zwei Wochen, die ich es mache, eine unfassbare Veränderung ausgelöst. Ich bin wahnsinnig motiviert, zu sehen, was als nächstes passiert.

 
 

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Große Pläne

2015 wird ein spannendes Jahr bei uns. Der Liebste wird nochmal die Schulbank drücken – Meisterschule – und ich bin immer noch nicht mit dem Gedanken durch, den Job zu wechseln. Oder hier zu bleiben und zu schauen, was weiter passiert, wenn Ende April nochmal einiges an Personal die Firma verlassen wird. Ob ich in der Hierarchie nachrutsche oder hier auf ewig als Assistentin versauern soll.

Außerdem steht auf unserem Programm: Mehr Sport. Typischer Vorsatz, aber wichtig. Der Liebste hat Sorge, während der Meisterschule schnell zuzulegen, weil er dann nicht mehr jeden Tag acht Stunden körperlich arbeitet. Und ich habe den letzten sechs Kilo, die ich für mein Empfinden noch zu viel auf den Rippen habe, und die ich seit einem Jahr nicht loswerde, den Kampf angesagt.

Unser Problem jedoch ist: Sport ohne Ziel ist doof. Wir sind beide so, dass wir nicht dreimal die Woche zum Laufen und Schwimmen gehen können, ohne zu wissen, wofür. Als der Liebste letztes Jahr noch hoffte, zur Berufsfeuerwehr gehen zu können, trainierte er für den Sporttest, und von seiner Motivation habe auch ich profitiert, denn ich bin dann einfach zu seinem Training mitgegangen. Sowas fehlt uns aber nun. Und nein – Marathontraining fällt definitiv aus. Ich finde es schon langweilig genug, ne habe Stunde übers Feld zu rennen. 🙂

Nun musste also eine Lösung her. Eine Motivationshilfe. Und da kam uns unsere Urlaubsplanung zu Hilfe. Nach einem wunderbaren Sommerurlaub im letzten Jahr – eine Woche Segeln in Dänemark – kam nun die Frage auf, was wir im kommenden Sommer machen werden. Segeln fällt in diesem Jahr aus, weil der Liebste wegen der Meisterschule nur drei Wochen Ende August frei hat, und wir mindestens zwei Wochen nach Dänemark müssten, damit sich das lohnt. Aus finanziellen, aber auch wettertechnischen Gründen am Sommerende ist das nicht die beste Option.

Aber zum Glück sind wir, was Urlaubsziele angeht, sehr flexibel – nur möglichst tief in der Natur sollte es sein. Deswegen haben wir uns für den August ein hehres Ziel ausgesucht: Wir werden den Stubaier Höhenwanderweg gehen. Acht Tage wandern, mit dem Rucksack von Hütte zu Hütte, auf über 2000 Metern. Rund 100 km und 1000 Höhenmeter in einer Woche sind der Plan.

Wir sind beide aufgrund unseres Hobbys ziemlich abgehärtet, was die eventuellen Widrigkeiten der Natur angeht. Aber körperlich wird diese Woche eine echte Herausforderung und wird uns das ganze erste Halbjahr beschäftigen.

Training ist angesagt. Zum Glück haben wir hier einige Mittelgebirge in erreichbarer Nähe. Ein- und Zweitagestouren werden wir gehen, mit voller Ausrüstung natürlich, um zu testen, was man an Gewicht mitnehmen kann und auf was man verzichten sollte. Und unter der Woche wird gelaufen, um die allgemeine Ausdauer zu erhöhen.

Die erste Tour sind wir schon am Samstag gegangen. Drei Stunden, 7,5 km, 300 Höhenmeter. Mit 8 Kilo Gewicht im Rucksack. Schon während der ersten Stunde habe ich geistig 50% des Rucksackinhaltes wieder rausgeworfen. 😉

Ich bin wahnsinnig gespannt, wie wir vorankommen werden. Und falls jemand von Euch versiert im Wandern ist, bin ich Tipps rund um Ausrüstung und Vorbereitung sehr aufgeschlossen.

Das gilt übrigens auch für Tipps zur Muskelkater-Vermeidung. *aua*

 
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Verfasst von - 19. Januar 2015 in persönliches, Urlaub, Wandern

 

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