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Lesen als Lust

Ich gebe es zu, ich bin altmodisch. Ich lese gerne! Und zwar nicht nur gerne, sondern mit Lust. Dabei bin ich auch innerhalb der Leserschaft ganz besonders altmodisch, denn ich hasse die Vorstellung, zum Lesen etwas anderes als ein schönes, gebundenes Buch in den Händen zu halten. Wenn ich mir einen Laptop oder iPad auf die Knie lege, kann ich auch fernsehen. Taschenbücher gehen noch, aber gerade so. Ich mag es nicht, dass man die Seiten festhalten muss, damit sie nicht sofort wieder zusammenflitschen, wenn man das Buch nur einmal kurz ablegt. Alternativ kann man natürlich den Pappeinband des Buchrückens knicken, dann bleiben die Seiten offen. Aber im Ernst: Wie sieht so ein Buchrücken dann im Bücherregal aus? Außerdem kommen Taschenbücher nie ganz an den Geruch eines gebundenen Buchs heran. Ganz zu schweigen davon, wie sie sich in der Hand anfühlen. Lesen beschäftigt eben mehr Sinnesorgane als nur die Augen.

Was Lesen angeht, bin ich durch und durch Hedonistin, und das gebe ich gerne zu. Mehr noch: Ich bin ein bisschen stolz darauf. Lesen, aber auch die Bücher an sich, sind für mich etwas ganz besonderes. Sie gehören zu meiner Lebenseinstellung, zu meiner eigenen Vorstellung von mir.

Natürlich sind Vorstellungen etwas Zentrales beim Lesen. Nicht nur, dass man sich ganze Welten innerhalb der Bücher, die man liest, imaginiert, nein, auch das Lesen an sich ist bei mir mit Vorstellungen verknüpft. Einem Ohrensessel, beispielsweise. Einem knisternden Kamin, einem Wein, einem Stück herber Schokolade. Gut, mangels der beiden ersteren muss ich eben mit der Couch und ein paar Kerzen vorlieb nehmen, aber der Rest ist umsetzbar. Und er klingt ganz furchtbar nach Ruhe und Gemütlichkeit.

Das Komische an der Sache ist, dass ich eigentlich nie mit den Kerzen, dem Wein und der Schokolade auf der Couch sitze. Viel häufiger sitze ich in der S-Bahn, wenn ich ein Buch in der Hand habe, und trinke statt Wein höchstens aus meiner kleinen Wasserflasche. Aber trotzdem: Wenn ich ein gutes Buch lese, dann wird die S-Bahn zum Kaminzimmer. Zumindest ein bisschen. Und das ist das Tolle daran. Das ist ungefähr wie im Kino: Licht aus, die Leinwand wird hell, alles um einen herum ist weg. Zumindest, bis der Film vorbei und das Licht wieder an ist. Dann erst stellt man fest, wo überall das runtergefallene Popcorn gelandet ist, was einem vorher noch furchtbar egal war.

Wenn man den Film dann später daheim auf DVD schaut, hat man immer das Gefühl, nicht mehr den gleichen Film wie im Kino gesehen zu haben. Und das liegt nicht nur an der (meistens) deutlich kleineren Fläche, auf der man den Film sieht, sondern auch an der Umgebung. Im eigenen Wohnzimmer, vielleicht noch mit Flugzeuggeräuschen über und dem erkälteten Partner neben sich, kann man einfach nicht so abschalten.

Beim Lesen ist das anders – zumindest bei mir. Wenn ich in einem Buch verschwunden bin, dann bin ich das auch. Fast verpasste Haltestellen gehören da genauso zu meinem Erfahrungsschatz wie der Partner, der mich dreimal anreden muss, ehe ich überhaupt was mitbekomme.

Ich habe mich oft gefragt, warum ich so gerne lese, während es so viele Menschen gibt, die das gar nicht gerne tun. Wahrscheinlich hat es irgendwas mit Vorlesen in der Kindheit oder weiß der Teufel was zu tun. Aber das eigentlich Erstaunliche ist, dass mir mein Studium nicht die Freude am Lesen verdorben hat. Als Germanistikstudentin habe ich oft gehört: „Aha, Germanistik? Naja, du liest ja gerne.“ Ja, aber wer das sagt, hat keine Ahnung, wie sehr die Leselust unter dem Zwang, Bücher lesen zu müssen, leiden kann. Und gerade Sprachwissenschaft kann so knochentrocken zu lesen sein wie ein Jahresabschluss in der Buchhaltung.

Trotzdem lese ich heute wieder gerne (nach einem halben Jahr totaler Abstinenz nach den Abschlussprüfungen). Erst heute saß ich vor meinem Rechner und habe mir ein Buch über die deutsche Sprache bestellt. Natürlich nicht so hochwissenschaftlich wie Aufsätze in der Germanistik, aber doch immerhin wissenschaftlich genug, um mein Interesse an der Sprachwissenschaft sofort anspringen und mich das Buch kaufen zu lassen. Und jetzt freue ich mich wie ein kleines Kind auf die Lieferung. Ich bin zwar glücklich, mein Studium hinter mir zu haben, aber nur, weil ich jetzt arbeite, vergesse ich ja nicht sofort, was mich im Studium fasziniert und beschäftigt hat.

Lesen bindet einen. Nicht nur an Interessensgebiete, die es abdecken kann, sondern auch an einen selbst. Seit vielen, vielen Jahren habe ich mal wieder Sofies Welt von Jostein Gaarder in die Hand genommen. Und festgestellt, wie sehr sich der Blick auf so ein Werk und auch auf einen selbst verändert kann. Und auch das Verständnis von der Welt um einen herum. Ich habe gesehen, wo ich mich veränderte, seit ich das Buch zum letzten Mal aufgeschlagen habe. Ob diese Veränderungen gut oder schlecht sind, ist eine andere Frage, aber immerhin sind sie nun mal aufgefallen.

Lesen bildet. Diese Aussage ist zum geflügelten Wort geworden. Ob sie stimmt, hängt allerdings ziemlich davon ab, was man liest. Wer nur und ausschließlich die Bildzeitung liest, dem stelle ich nicht nur eine Bildung durch diese Zeitung, sondern generell ein Bildungsinteresse in Abrede.

Auch, wer nur historische Liebesromane konsumiert oder sich einen Ratgeber nach dem anderen reinzieht, liest meiner Meinung nach nicht wirklich. Lesen als Bildung, als Vergnügen, inhäriert den Anspruch, mit diesem Lesen etwas mehr von der Welt zu erfahren. Natürlich kann das auch Unterhaltungsliteratur, keine Frage, vor allem, wenn man nicht ausschließlich immer die gleichen Themen liest. Lesen hat etwas mit Vorstellungskraft zu tun, und diese zu schulen, heißt auch, sich selbst neugierig auf mehr zu machen.

Vielleicht ist es diese Kraft der Imagination, die das Lesen so einzigartig und auch so wichtig macht. Wer fernsieht, muss sich nichts vorstellen, wer Comics liest, auch nicht. Lesen ist da anders. Die Fähigkeit, in Buchstaben, die man mit den Augen aufnimmt, Sinn und Leben zu erwecken, in seinem Inneren eigene Welten zu erschaffen, ist etwas Besonderes. Vor allem in einer Zeit, in der der Phantasie des Einzelnen die Masse der medialen Überfrachtung entgegensteht. Lesen bedeutet das Gegenteil vom medialen Multi-tasking. Vielleicht läuft noch Musik leise im Hintergrund, aber alles andere wird ausgeblendet. Es ist nicht wichtig. Wichtig ist das, was in dem Buch passiert, oder, wenn es kein Roman ist, was mir das Buch vermitteln will. Eine traute Zweisamkeit entsteht, zwischen mir und meinem Buch. Für den Moment, in dem ich lese, brauche ich nichts und niemand anderen. Vielleicht redet man hinterher mit anderen über das Buch, vielleicht tauscht man sich über Vorstellungen aus, die man mit dem Inhalt verbindet, diskutiert sogar darüber. Das Schöne dabei ist, dass niemand am Ende Recht haben kann. Denn wie ich mir Sofies Garten mit der geheimen Höhle, in der sie die Briefe ihres seltsamen Philosophielehrers liest, vorstelle, ist ganz allein meine Sache. Jemand anderes mag sich den Garten, den er aus exakt der gleichen Beschreibung wie ich imaginiert hat, völlig anders vorstellen, aber das ist in Ordnung. Keiner hat Recht und keiner Unrecht. Und so zeigt Lesen auf diese Weise, dass es für die gleiche Sache verschiedene Lösungswege geben kann. Und das bildet. Nicht im Sinne von abrufbarem Wissen, aber es bildet und prägt die eigene Sicht auf die Welt.

Eines der größten Lese-Phänomene unserer Zeit ist sicherlich J.K. Rowlings Harry Potter. Mit ihrer klaren, einfachen Sprache hat sie unzählige Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene zum Lesen animiert. Die Bilder, die ihre Sprache zeichnet, sind unglaublich facettenreich und detailliert, gleichzeitig aber ungeheuer lebendig. Und nicht zuletzt steckt hinter dem Gesamtwerk eine Handlung, deren Tragik und Komplexität sich keinesfalls hinter großer Literatur verstecken muss. Diese Durchdachtheit des Gesamtwerkes ist es auch, die deutlich macht, dass diese Bücher keine Fortsetzungsreihe sind, sondern als Einheit angelegt wurden, was sie etwa von der ermüdenden, endlosen Twilight-Reihe abgrenzt.

Schade ist nur, dass auch hier die mediale Überfrachtung der Phantasie des Einzelnen den Raum streitig macht. Kaum war der Erfolg der Buchreihe um den Zauberlehrling groß genug geworden, um auch Hollywood zu erreichen, gierte man dort um die Filmrechte. Der zauberhaften Atmosphäre der Welt von Harry Potter wurde der Prometheus‘sche Funke, den normalerweise der Leser hinzufügt, mit Gewalt eingepflanzt und nach den Vorstellungen weniger Einzelner gestaltet. Herausgekommen ist eine zwar probate, nichtsdestotrotz aber irgendwie seelenlose, konsumierbare Variante der Harry-Potter-Welt. Schade.

(Dass das natürlich nicht immer so ist, zeigt die meisterhafte Verfilmung Peter Jacksons von Herr der Ringe. Aber man sollte bedenken, wie viele Jahre vergehen mussten, ehe jemand seine ganze Liebe und Kraft in das Projekt steckte, Mittelerde ein Antlitz zu geben. Und das ist der Unterschied zwischen Filmen, die aus kommerziellen Gründen produziert werden und solchen, in denen wirklich Herzblut steckt.)

Bücher sind immer nur eine Hälfte des Lesevergnügens. Die andere Hälfte kommt von den Lesern, ihrer Freude, ihrem wachen Geist und ihrer Vorstellungskraft. Der Bereitschaft, sich einzulassen und alles Äußere auszublenden. In diesem Sinne: Schaltet mal wieder ab!


Ich räume gerade meine Festplatte auf und bin auf einen Text von mir aus dem Jahr 2010 gestoßen, der mir sehr gut gefällt und den ich euch nicht vorenthalten wollte. Leider hat meine Leselust seit damals abgenommen – bzw. wurde aus Zeitmangel stark eingeschränkt.

 
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Verfasst von - 5. April 2016 in Allgemein, Linguistik, persönliches, Sprache

 

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Halloween – Alptraum, Teil 6

Zum vorigen Teil geht es hier


 

Hoch über ihnen fliegt in einem der Bäume kreischend ein Rabe auf. Anoush blickt nach oben und sieht, dass der Himmel merklich heller geworden ist.

„Wir müssen weg hier!“, flüstert sie Christoph zu. Der nickt; gleichzeitig sieht sie an seinem Blick, dass auch er darum kämpft, mit seinem Bewusstsein wieder in die Gegenwart zu gelangen.

Mit ihrer Hilfe gelingt es ihm dieses Mal, die Böschung zu überwinden. Oben angekommen tritt Anoush hinaus auf den Weg und schaut sich suchend um; um diese frühe Uhrzeit ist eigentlich immer mit Fußgängern im Park zu rechnen, den ersten Joggern oder Hundebesitzern. Grade letztere wären im Augenblick eine Katastrophe, denn trotz des Wassers riecht Christoph noch immer fürchterlich nach Blut.

Doch im Augenblick ist alles ruhig. Sie stößt einen leisen Pfiff aus, und Christoph kommt zu ihr auf den Weg. Nach einem weiteren Blick nach hinten – noch immer blitzen die Blaulichter – gehen die beiden raschen, doch äußerlich ruhigen Schrittes zum P1 zurück.

Als der dunkle Wagen in ihr Blickfeld kommt, will Anoush vor Erleichterung am liebsten aufschluchzen. Gleich ist es geschafft.

„Einen schönen guten Morgen, die Herrschaften“, tönt es in diesem Augenblick an ihr Ohr, und fast genau vor ihr erscheinen gleichsam aus dem Nichts zwei uniformierte Gestalten, von denen eine einen Hund an der Leine führt. „Wir haben einen Zwischenfall in der Hirschau, ich muss Sie um Ihre Personalien bitten… Hey! Bruno, aus jetzt!“

In diesem Augenblick sieht Anoush, dass der Schäferhund sich fast stranguliert, während er wie ein Wahnsinniger Christoph verbellt. Knurrend und zähnefletschend versucht er, sich auf den Mann zu stürzen, der sich wie ein dunkler Schatten hinter ihr ausmacht. Und dann geht plötzlich alles blitzschnell.

In dem Augenblick, in dem die Aufmerksamkeit der beiden Polizisten auf ihren Hund gerichtet ist, spürt sie die Bewegung, die ihr Erzeuger hinter ihr macht, spürt sein Knurren mehr, als dass sie es hört, und von einer Sekunden auf die andere weicht der Hund jaulend und wimmernd zurück, springt hoch und ergreift die Flucht. Sein Herrchen ist zu überrascht, um auf den plötzlichen Rückzug des Tieres zu reagieren, und so pest der Hund mit eingezogenem Schwanz in den Englischen Garten davon. Fluchend rennt der Hundeführer hinterher.

Der zweite Polizist wendet sich ebenso überrumpelt wieder den beiden zu, und Anoush ergreift blitzschnell ihre Chance. Sie berührt den Mann an der Schulter, und als er daraufhin aufschaut, bohrt sie ihren Blick in seinen.

„Keine Ursache, wir sind doch gern behilflich“, sagt sie leise und eindringlich, mit einem fast hypnotischen Singsang in der Stimme, „aber jetzt sollten Sie mal lieber Ihrem Kollegen helfen gehen. Der Hund sah nicht gut aus.“

Der Polizist schluckt, nickt und verschwindet nach einem Gruß in die Nacht. Hinter sich hört Anoush ein leises Geräusch. Es könnte ein Lachen sein, aber auch ein Stöhnen.

„Gut gemacht, Kind“, bringt Christoph mühsam hervor.

Plötzlich fällt die gesamte Anspannung von ihr ab, und sie wird wahnsinnig müde.

„Jaja … komm jetzt. ich will endlich nach Hause.“

 

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Neues von der Nähmaschine: Wiegenausstattung

Nachdem es nach einem nähintensiven Frühjahr und Vorsommer erst mal recht ruhig an Nähmaschine und Nähtisch geworden war, hatte ich im Sommer, direkt nach dem Alpenurlaub, noch ein neues Projekt für eine Kollegin auf dem Tisch. Es ging um die Ausstattung einer Babywiege. Es war mein erstes Projekt, das sich außerhalb von mittelalterlichen Schnitten bewegte, weswegen ich zusagte. Die Ausstattung umfasste folgendes:

  • Wiegenhimmel
  • Wiegen-Nestchen
  • Stillkissenbezug

Für Himmel und Stillkissenbezug bekam ich eine Vorlage, für das Nestchen die zurechtgeschnittene Schaumstofffüllung. Für mich hatte das Projekt einige ganz neue Herausforderungen zu bieten, nämlich das Einnähen eines Reißverschlusses, den Einsatz von Klettband (damit man den Schaumstoff zum Waschen aus dem Nestchen entfernen kann) und das Einlegen von Falten (unten in den Volant am Wiegenhimmel). Zusätzlich sind am Nestchen und am Himmel etliche Stoffbänder zum Binden angebracht, die natürlich im Vorfeld auch zurecht genäht werden müssen (am Himmel ist es sehr gut zu sehen, an den einzelnen Nestchenseiten nicht ganz so gut).

Alles in allem habe ich natürlich wie üblich den „Frickel-Faktor“ etwas unterschätzt, aber das ist nichts neues. Und ich kann im Nachhinein sagen, das sich einige Dinge in Zukunft anders angehen werde – zum Beispiel Reißverschlüsse direkt am Anfang statt am Ende einzunähen. 😉 Insgesamt bin ich aber sehr zufrieden mit dem Ergebnis, und ich glaube, der Babysektor ist für jemanden, der gelegentlich Auftragarbeiten macht, ein guter Boden.

Hier gibt’s natürlich noch ein paar Bilder von der Wiegenausstattung (das Kissen ist derzeit in fleißiger Benutzung und deswegen ohne Bild):

Wiege mit Himmel und Nestchen

Wiege mit Himmel und Nestchen

Himmel mit Besatz und Volant

Himmel mit Besatz und Volant

Nestchen mit Klettverschluss an der Unterseite und Bändern zum Verbinden der einzelnen Teile

Nestchen mit Klettverschluss an der Unterseite und Bändern zum Verbinden der einzelnen Teile

Tunnelzug am Himmel, verdeckt durch Besatz, vorne mit genähten Bändern zum Fixieren

Tunnelzug am Himmel, verdeckt durch Besatz, vorne mit genähten Bändern zum Fixieren

 
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Verfasst von - 3. November 2015 in Nähen

 

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Stubaier Höhenweg – Teil 2

Teil 1: hier

Tag 3 – Tagestour 2: Von der Franz-Senn-Hütte zur Neuen Regensburger Hütte.

Nach dem nasskalten Vortag gilt mein erster Blick, als der Wecker kurz nach sechs klingelt, dem Fenster, doch außer langsam zunehmer Helligkeit ist wenig zu erkennen. Der rauschende Bach neben dem Haus macht es unmöglich, Regengeräusche zu erkennen. Also mache ich mich barfuß und im Nachthemd auf den Weg zur Notausgangstreppe im Flur, um einen Blick ins Oberbergtal zu wagen.

Tag 3 (1) Und wie man sieht: Der Wettergott hatte ein Einsehen mit uns. 🙂

Da auf der Franz-Senn-Hütte die Preise fürs Frühstück recht gesalzen sind, brechen wir nach einem Kaffee bzw. Kakao auf. Meinem Knie geht es deutlich besser, und so wandern wir im schönsten Sonnenschein Richtung Kuhgschwetz.

Es soll hinauf gehen zum Basslerjoch, und von dort aus wieder abwärts ins Seitental des „Hohen Moos“, das vom Stubaital aus nicht einsehbar ist. Laut Wanderführer sind vier Stunden für diese Tour veranschlagt, auch wenn auf den allgegenwärtigen Wanderschildern nur drei stehen. Wir wandern also frohgemut los und erfreuen uns an der traumhaften Aussicht und der Sonne, die uns wärmt.

Tag 3 (6)

Der Weg durchs Kuhgschwätz führt uns über große Kalkbrocken und durch niedriges Gesträuch; vom Oberbergtal dringt das Läuten der Kuhglocken zu uns hinauf. Nach etwa einer Stunde steigt der Weg steil an, und wir erklimmen eine Geröllhalde, unter der ein Bach zu Tal rauscht, den wir immer wieder auf dem Weg nach oben queren. Dies ist die erste richtige Kletterpartie, die wir absolvieren. Oben angekommen verschnaufen wir an dem Bach, den wir bisher mehr gehört als wirklich gesehen haben.

Tag 3 (8)

Als wir weitergehen, eröffnet sich der Blick auf das Geröllfeld des Schrimmennieder, und ich frage mich, wo zur Hölle da der Weg hindurchführen soll. Ein Gedanke, an den ich mich in den kommenden Tagen gewöhne: Diese Wege sieht man stets nur von oben.

Tag 3 (10)  Zu behaupten, der Aufstieg zum Baslerjoch wäre leicht gewesen, ist gelogen. Ich habe in den kommenden Tagen war noch andere Strecken erlebt, gegen die sich diese in der Tat als entspannt präsentierte, aber für den zweiten Tag war das schon mehr als knackig, zumal man sich auf dem Geröllfeld bewusst ist, dass jeder falsche Schritt dazu führt, dass man in einer großen Gerölllawine talabwärts rauscht. Der Weg ist schmal, nur ein kleiner Trampelpfad, und ich war, da mein Knie bereits wieder zickte, verdammt froh um die Wanderstöcke, einfach aufgrund des Haltes, den sie mir vermittelten.

Doch angekommen auf dem Joch, ist es wiederum die Aussicht, die für alle Strapazen entschädigt. Die anderen drei machen noch einen Abstecher auf die Baslerin, doch ich will meinem Knie ein wenig Erholung gönnen und warte am Joch mit den großen Rucksäcken auf die Rückkehr der drei Gipfelstürmer. Eine Gruppe Belgier, die wir bereits seit dem ersten Tag immer wieder gesehen haben, kommen ebenfalls auf dem Joch an und machen eine kurze Pause. Einer von ihnen reicht mir sogar seine Salbe für mein Knie. Auch er ist am Vortrag umgeknickt, doch da für seine Gruppe die Tour morgen ohnehin vorbei ist, hat er für den letzten Tag die Zähne zusammengebissen. Morgen geht es zurück ins Tal.

Der Abstieg vom Joch ist langwiedrig und aufgrund der zunehmenden Schmerzen im Knie wirklich unangenehm. Auch der Liebste leidet zunehmend unter Knieschmerzen, so dass wir unsere beiden Begleiter vorschicken und den Weg alleine fortsetzen, ohne das Gefühl zu haben, die anderen beiden aufzuhalten. Die Aussicht beim Abstieg ins Hohe Moos ist großartig, und über unseren Köpfen kreisen zwei Raben, die dort offensichtlich irgendwo ihr Nest haben. Laut krächzend fliegen sie mehrfach so dicht über uns hinweg, dass ich fürchte, sie wollten ihr Revier verteidigen. Doch es bleibt bei einigen wirklich spektakulären Überflügen.

Aussicht ins Hohe Moss - links der Abstieg ins Stubaital

Aussicht ins Hohe Moos – links der Abstieg ins Stubaital

Endspurt zur Hütte

Endspurt zur Hütte

Wir sind an diesem Abend wirklich froh, endlich auf der Hütte angekommen zu sein. Unsere beiden Begleiter haben sich mit einem weiteren Gipfelstürmer noch auf den Weg gemacht, die nahe liegende Kreuzspitze zu erklimmen. Wir entspannen ein wenig am kleinen See, der hinter der Hütte liegt, und genießen die Sonne und einen leckeren Germknödel auf der Terrasse. Die Neue Regensburger Hütte ist übrigens aufgrund ihres Hundes sehr berühmt. Grinch ist als junger Hund in einem Schneefeld fast blind geworden und darf deswegen nur noch mit Sonnebrille aus der Hütte. Und egal, wie viel im Vorraum los ist: Brav wartet er stets, bis Herrchen ihm die Brille aufsetzt, ehe er nach draußen geht.

Grinch: Der Hund mit der Sonnenbrille hat sogar eine eigene Facebookseite

Grinch: Der Hund mit der Sonnenbrille hat sogar eine eigene Facebookseite

An diesem Abend sind wir sehr erschöpft – unsere beiden Begleiter kommen erst in der sprichwörtlichen allerletzten Minute zum Abendessen von ihrem Gipfelausflug zurück – und sind froh, dass das Matratzenlager, das wir hier nur noch buchen konnten, nicht komplett belegt ist, so dass wir zu viert in einem Raum für sechs Personen schlafen. Der Liebste und ich haben uns im Vorfeld darauf geeinigt, dass wir, sollten unsere Knie so lädiert bleiben, nicht die folgende Tagestour mitgehen. Dies ist die längste Tour der gesamten Strecke, die auch noch die größe Höhenmeterdistanz umfasst. Wir werden ins Tal absteigen und unten im Stubaital per Bus zur Talstation des Stubauer Geltschers fahren. Von dort können wir per Seilbahn zur Dresdner Hütte rauffahren, die mitten im Skigebiet liegt. Dass wir diese Alternative haben, beruhigt uns, denn ans vorzeitige Abbrechen möchten wir nicht denken.

  • Fortsetzung folgt

Alle Bilder in diesem und den weiteren Beiträgen über den Stubaier Höhenweg sind entweder von mir oder meinen Begleitern geschossen. Die Bildrechte liegen bei den Fotografen und jegliche Verwendung durch Dritte ohne Absprache ist untersagt.

 
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Verfasst von - 25. Oktober 2015 in Abnehmen & Fitness, Urlaub, Wandern

 

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Stubaier Höhenweg – Teil 1

So, nachdem mich der Alltag wieder hat, komme ich doch endlich mal dazu, etwas ausführlicher über unseren Urlaub zu reflektieren. Die Bilderflut ist sortiert, die Bilder, die ich hier hochladen möchte, sind ausgewählt – und ich hoffe, ich überfordere mein Medienarchiv nicht. 😉

Wir sind den Stubaier Höhenweg von der Nordseite des Stubaitals zur Südseite gewandert, das ist auch die Richtung, die als die übliche angesehen wird. Zwingend notwendig ist die Richtung natürlich nicht, und die Routenlängen sind auch von beiden Seiten her in etwa identisch.

Eine Sache, die wir als „Wanderneulinge“ auch erst mal realisieren mussten, war, dass der Höhenweg nicht einfach um das Stubaital herum führt, sondern durch die Stubaier Alpen, also auch durch Höhenzüge und an Tälern vorbei, die nicht direkt an das Stubaital angrenzen. Blickt man vom Tal die Berghänge hinauf, erkennt man von dem Weg, den wir gegangen sind, eigentlich gar nichts. Er ist zu weit oben, zu weit in den Bergen drinnen, er führt über Hochebenen und über Bergkämme, durch Landschaften, die man vom Talgrund aus überhaupt nicht erahnen kann. Wir wussten im Vorfeld, dass der Höhenweg verdammt weit oben verläuft, denn ein Aufstieg vom Boden zu einer Alm (was man ja bei normalem Familienurlaub in den Alpen als „großen Aufstieg“ bewertet) ist gerade mal der halbe Weg bis zu einer der Alpenvereinshütten, die auf dem Weg liegen. Aber was das wirklich heißt, wenn man da ist… das muss man erleben. Das muss man einmal selbst gesehen haben, ehe man es begreift.

Tag 1 – Anreise

Wir kommen am ersten Tag gegen Mittag im Stubaital an. In Fulpmes, nah am Eingang ins Tal, stellen wir das Auto an der Kreuzjochbahn ab, die im Winter Skifahrer von 900m auf 2135m transportiert. Wir könnten natürlich auch zu Fuß aufsteigen. Aber angesichts von sieben langen Tagestouren, die vor uns liegen, wollen wir unsere Kräfte sparen und nicht gleich voll einsteigen. Von der Bergstation aus haben wir einen wunderbaren Blick auf den Kalkkögel, einen benachbarten Gebirgszug. Auch unsere Route führt uns hier noch über Kalkstein.

Blick auf den Kalkkögel

Blick auf den Kalkkögel

Das Wetter ist schön, aber sehr windig. Trotzdem sind wir vier voll motivert und machen als erstes mal einen kleinen Abstecher auf das Sennjoch, den ersten Gipfel in der Gegend. Der Aufstieg ist nicht wirklich lang, aber es macht Spaß, unterm Gipfelkreuz zu stehen, auch wenn es nur auf 2190m ist. Für mich wird es der einzige Gipfel bleiben, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch davon träume, den „Habicht“ oder den „Wilden Freiger“ zu meistern. Der Blick von hier oben zeigt uns das Pinnistal; von dort wollen wir am neunten Tag wieder absteigen.

Blick vom Sennjoch ins Stubaital (im Hintergrund das Pinnistal)

Blick vom Sennjoch ins Stubaital (im Hintergrund das Pinnistal)

Der erste Abschnitt der Wanderung ist kurz und nicht schwer, was sich als sehr gut entpuppt, denn der Wind ist schneidend kalt und treibt uns Kalksand in die Gesichter. Außerdem stellen zumindest der Liebste und ich sehr schnell fest, dass dünnere Luft tatsächlich direkten Einfluss auf die Leistungsfähigkeit hat. Wir sind nicht wirklich angestrengt, schnaufen jedoch wie bei der allerersten Übungstour.

Die ersten

Die ersten „Bergbewohner“, die wir treffen

Ausblick ins Oberbergtal (rechts) und Stubaital (links)

erster Blick Richtung Stubaier Gletscher

Die Gegend hier ist sehr trocken. So weit von den wasserspendenden Gletschern entfernt mangelt es am Ende eines sehr trockenen Sommers an Wasser. Die Wiesen sind mager.

Übergang zur Starkenburger Hütte

Übergang zur Starkenburger Hütte

Nach etwa 2,5 Stunden kommen wir endlich um die letzte Biegung und sehen die Starkenburger Hütte vor uns. Und bereits heute machen wir die wohl typischste Erfahrung aller Bergwanderer: Die Hütte scheint zum Greifen nahe, doch bis man dort ist, vergeht noch einiges an Zeit, manchmal eine halbe Stunde, doch mitunter auch eine oder zwei.

Wir sind nach einer halben Stunde am Ziel und beziehen unser erstes Nachtlager auf einer Hütte. Und erfahren gleich, was Wassermangel in den Bergen bedeutet: Die Duschen sind gesperrt, die WCs im Haus auch. Statt dessen stehen Dixies vor der Nebenhütte. Doch wir haben mit solchen Eventualitäten gerechnet, und als Liverollenspieler weiß man, dass man einen Abend ohne Dusche auch überleben kann. Der Betrieb auf einer DAV-Hütte ist für den Liebsten und mich ungewohnt, und wir sind froh über unsere beiden Begleiter, die das alles kennen und uns einiges zum Ablauf erklären. Essen gibt es um 18h, was mir anfangs sehr früh erschien, doch nach einer leckeren Mahlzeit merke ich die Bettschwere. Wir genießen noch den Ausblick, ehe wir um kurz nach 20h todmüde ins Bett fallen. Der nächste Tag wird lang: Sieben Stunden sind angegeben, für eine Strecke von 15km und knapp 450 Höhenmetern.

Willkommener Anblick: Die Starkenburger Hütte.

Willkommener Anblick: Die Starkenburger Hütte.

Die Stubaier Gletscher liegen noch in weiter Ferne. In drei Tagen wollen wir dort sein.

Die Stubaier Gletscher liegen noch in weiter Ferne. In drei Tagen wollen wir dort sein.

Die Route für den nächsten Tag: An der rechten Flanke des Oberbergtals entlang zur Franz-Senn-Hütte.

Die Route für den nächsten Tag: An der rechten Flanke des Oberbergtals entlang zur Franz-Senn-Hütte.

Tag 2 – Tagestour1: Von der Starkenburger Hütte zur Franz-Senn Hütte

Als morgens um sechs der Wecker klingelt, höre ich ein eigenartiges Geräusch. Ein Blick in den heller werdenden Morgen offenbart mir: Es regnet. Ein Segen für Natur und Hüttenwirt. Für uns eher lästig.

Beim Frühstück erzählt uns unser Begleiter, dass er bereits mit dem Hüttenwirt gesprochen hat. Der Regen soll bis mittags nachlassen. Da die Strecke, die wir vor uns haben, zwar lang ist, aber nicht mit schwierigen Auf- oder Abstiegen verknüpft ist, machen wir uns, mit Regenkleidung geschützt, gegen acht auf den Weg. Der Feuchtigkeit ist auch die geringe Menge an Fotos geschuldet.

Regen und Wolken an Tag 2

Regen und Wolken an Tag 2

Der Weg führt durch zahlreiche Geröllflächen; in einer davon entdecken wir ein wachehaltendes Murmeltier. Leider hat keiner von uns die Kamera schnell genug griffbereit, und so verschwindet das Tier, ohne dass wir es bannen konnten.

Der Regen setzt meiner Laune massiv zu, zumal ich gegen elf Uhr feststellen muss, dass meine Schuhe wirklich nicht mehr wasserdicht sind. Mit nassen Socken macht Wandern keinen großen Spaß. Zum Glück kommen wir gegen eins auf der Seducker Hochalm an, einer kleinen bewirtschafteten Hütte. In dieser drängeln sich alle Wanderer, die am Morgen ebenfalls auf unserer Route aufgebrochen sind. Es ist eng, warm und sehr feucht in der Hütte, doch der Almwirt behält die Gelassenheit und versorgt alle mit Getränken und Essen. Alleine dies, die Wärme und das Gefühl, dem Regen entkommen zu sein, hebt meine Stimmung wieder erheblich.

Als wir uns dann gestärkt und etwas getrocknet wieder auf den Weg machen, hat auch der Regen aufgehört. Die dichten Wolken, die uns jede Aussicht verwehren, begleiten uns aber bis zu dem Zeitpunkt, an dem uns der Weg ein paar hundert Meter talabwärts führt. Dort lassen wir sie plötzlich hinter uns und können das Oberbergtal und auch die Franz-Senn-Hütte vor uns sehen.

aufreißende Wolken

aufreißende Wolken

letzter Abschnitt

letzter Abschnitt

Gletscher verkünden ihre Nähe durch größeren Wasserreichtum

Gletscher verkünden ihre Nähe durch größeren Wasserreichtum

Der Tagesabschnitt ist der kilometermäßig längste, aber auch einer der leichtesten der Tour. Trotzdem müssen wir auch hier bereits an so mancher Stelle steile Auf- und Abstiege meistern, und manches Mal bin ich als Berganfänger froh, dass die Wolken uns den Blick ins Tal verwehren, denn einige Wege sind verdammt schmal und sehr nah am Hang. Ein falscher Schritt, und man rutscht 200m Richtung Tal, ohne sich irgendwo festhalten zu können. Zum Glück kann ich das an diesem Tag nur ahnen; wirklich sehen werde ich sowas erst, wenn mein Selbstvertrauen sich meiner Trittsicherheit angepasst hat.

Zwischen vier und fünf Uhr erreichen wir endlich die Hütte. Sie ist deutlich größer als die letzte, aber auch weniger persönlich. Immerhin gibt es hier kostenfreie warme Duschen, und die Zimmer sind groß genug, um unsere Kleidung zum Trocknen aufzuhängen.

Bereits an diesem zweiten Abend bin ich froh, dass wir uns bei der Reservierung für Zimmer und nicht für das (günstigere) Matratzenlager entschieden haben. Auf der Neuen Regensburger Hütte morgen haben wir nur einen Platz im Matratzenlager bekommen, und ich bin vorsichtig skeptisch. Doch heute haben wir nochmal unsere Ruhe. Ich brauche die auch. Seit mittags schmerzt mein linkes Knie, und unser Begleiter hat mir bereits nachmittags eine Stützmanschette gegeben. Also kommt heute kräftig Diclofenac auf das Knie, damit es morgen weitergehen kann.

Zimmer der Franz-Senn-Hütte

Zimmer der Franz-Senn-Hütte

Fortsetzung folgt.

Alle Bilder in diesem und den weiteren Beiträgen über den Stubaier Höhenweg sind entweder von mir oder meinen Begleitern geschossen. Die Bildrechte liegen bei den Fotografen und jegliche Verwendung durch Dritte ohne Absprache ist untersagt.

 
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Verfasst von - 18. September 2015 in Abnehmen & Fitness, Urlaub, Wandern

 

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Wieder zurück

Tag 1 (1)

Kalkkögel

Tag 1 (6)

Blick ins Seitental

Tag 1 (7)

Starkenburger Hütte – erste Übernachtung

So, ich melde mich zurück. Wir sind vom Abenteuer Stubaier Höhenweg zurück. Eigentlich schon seit Montag, aber ich habe es einfach nicht geschafft, mich eher an den Rechner zu setzen und mit der Bilderflut auseinander zu setzen… *seufz* Also haben der Liebste und ich die letzten Tage ausgiebig mit Rumgammeln und True Blood-Gucken verbracht.

Als erstes Fazit schicke ich hier schon mal voraus: Es war wunder-, wunderschön. Von ersten Wandertag abgesehen hatten wir absolut unverschämt gutes Wetter und sind entsprechend braungebrannt und knackig zurückgekommen.

Wie war usere erste alpine Wandertour?

In einem Wort: Großartig.

In mehreren: Unfassbar schön, gigantisch, anstrengend, beeindruckend, schmerzhaft.

Warum schmerzhaft? Nun ja: Der Liebste und ich haben uns seit Anfang des Jahres auf den Urlaub vorbereitet, sind kleine und mittlere Berge rauf und runter, durchs Felsenmeer geklettert (mehrfach), in Hochseilgärten gewesen, sind den Spessartbogen gewandert. Wir waren fit. Ausdauer: check, Muskeln: check. Was wir nicht bedacht haben:

Die Knie.

Die Bänder und Sehnen in den Knien haben uns ziemlich den Garaus gemacht. Ich konnte ab dem zweiten Tag überhaupt nicht mehr schmerzfrei gehen, vor allem nicht bergab. Das führte dazu, dass der Liebste und ich die längste und anstrengendste Etappe der Tour ausgelassen haben. Danach haben wir noch zwei weitere, kurze gemacht, waren einen Tag auf einem Tagesausflug und sind letztlich einen Tag früher abgestiegen. Leider. Aber es ging einfach nicht mehr.

Nichtsdestotrotz: Vier von sieben Tagesetappen haben wir geschafft, zwei Hütten haben wir nicht mehr besucht. Auf einem 3000er-Gipfel waren wir leider auch nicht, dafür aber unsere beiden Begleiter.

Ich werde hier nach und nach die Tagesetappen zusammentragen und auch mehr Bilder posten. Nur derzeit arbeitet WordPress sich beim Raufladen echt einen ab. 😉

Programm für den Winter: Mehr Klettern, vor allem runtersteigen üben, und im kommenden Jahr werden wir nochmal ein langes Wochenende investieren, die fehlenden Tagesetappen nachwandern und vor allem den Wilden Freiger als 3400m-Gipfel bestürmen. Was wäre man ohne neue Ziele? 🙂

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Verfasst von - 5. September 2015 in Abnehmen & Fitness, Urlaub, Wandern

 

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In den Fängen der Nacht

Es war irritierend. Überaus irritierend.

Er konnte sich rühmen, so einiges erlebt zu haben, das anderen Leuten nicht nur schräg oder spleenig vorgekommen wäre, sondern ihnen gehörige Angst gemacht hätte. Aber wer waren schon „andere Leute“? Niemand, mit dem er Umgang pflegen würde. Seine Welt war anders als die anderer Leute, dunkler, mystischer, geheimnisvoller.

Schräger.

Aber das hier?

Er stand in einem dunklen, nassen Raum, mit dem Gesicht zur Wand. Seine Hände steckten in Handschellen, die an einem eisernen Ring etwas oberhalb seines Kopfes befestigt waren. Im Augenblick war er alleine, denn die drei Personen, die ihn von der U-Bahn-Station mitgenommen hatten, waren hinausgegangen, nachdem sie ihn angekettet hatten. Er wusste nicht, was ihn erwartete. Aber das war ihm nicht neu. Es war anders als die vorigen Male, aber er spürte die prickelnde Ungewissheit. Eine der drei Personen war eine schlanke, große Frau gewesen. Er hatte sie nur flüchtig gesehen, aber etwas an ihr hatte ihm einen wohligen Schauer über den Rücken gejagt. Die Situation mochte befremdlich sein. Doch sie war auch erregend.

Mit einem metallenen Schnarren öffnete sich die Tür, und seine drei Entführer traten wieder ein.  An der Decke über der Tür hing eine einzelne Neonröhre, und in ihrem Licht konnte er die Gestalten deutlich erkennen.

Es waren zwei Männer, einer davon war ein recht gut aussehender Mann, dessen Kleidung gleichzeitig so nichtssagend war, dass er sich sicher war, ihn auf der Straße niemals wieder zu erkennen, sollte er ihm nochmal begegnen.  Der zweite war eine eigenartige Gestalt mit tief ins Gesicht gezogenem Hut und Trenchcoat. Er stand eigenartig neben der Tür, irgendwie linkisch, mit verdrehten Beinen und hängenden Schultern. Er sah aus wie die Karikatur eines englischen Detektives aus einer der Schwarz-Weiß-Serien aus den 60er Jahren. Die dritte Person war die Frau, die ihm schon in der U-Bahn aufgefallen war. Sie war eine bemerkenswerte Erscheinung, groß und schlank, in sportlicher Kleidung, das lange schwarze Haar in einem dicken Pferdeschwanz am Hinterkopf zurückgebunden. Ihr dunkler Teint und die markante Linie ihres Kinns ließen vor seinem inneren Auge sofort Bilder aufsteigen, Phantasien von Schleiertänzen und geheimnisvollen Haremsdamen. Er grinste innerlich. Solche Frauen waren stolz, sie wollten erobert werden, doch danach ergaben sie sich voller Sinnlichkeit und Hingabe. Und er war gut im Erobern.

Die drei standen vor ihm und musterten ihn. Keiner von ihnen machte Anstalten, das Schweigen zu brechen, und das machte ihn nervös. Er war es gewohnt, dass in solchen Situationen die Formalitäten in knappen, codierten Sätzen abgeklärt wurden. Und obwohl er eigentlich nicht in der Position dafür war, entschied er sich, das Schweigen zu brechen. Er lächelte zu der Frau herüber und sprach sie direkt an:

„Eine überraschende Einlage war das. Normalerweise bin ich ja nicht so der Freund von Entführungen, aber bei solchen kristallschwarzen Schönheiten mache ich da gerne eine Ausnahme.“ Das Adjektiv betonte er leicht. Sie antwortete nicht, zeigte nicht einmal den Hauch einer Reaktion.

„Du bist Felix Raunstein“, sagte nun der unauffällige Mann. Er drehte den Kopf und sah ihn an.

„Kann schon sein. Was wäre, wenn?“ Der Mann machte eine ungeduldige Bewegung, und ihm fiel wieder ein, dass er derjenige war, der vorhin die fingierte Fahrkartenkontrolle  durchgeführt hatte. Natürlich wusste er, wer  er war. Der Mann drehte sich zu den beiden anderen um.

„Wir sollten seine Wohnung durchsuchen“, sagte er, „und zwar jetzt, ehe uns jemand zuvor kommt.“

Das war unerwartet. Felix blinzelte überrascht.

„Ihr wollt was?“ Er erhielt keine Antwort. Die beiden anderen hatten dem dritten Mann nur durch Nicken ihre Zustimmung mitgeteilt. Der schickte sich nun an, auf ihn zuzugehen. Ganz offensichtlich hatte er die Absicht, ihm seine Schlüssel abzunehmen. Felix packte den eisernen Ring oberhalb seines Kopfes und zog sich mit einem Ruck an der Mauer hoch; dabei trat er nach dem Mann.

„Hey Leute, was läuft hier?“, rief er, während der Mann seinen Tritten auswich. Was auch immer diese drei vorhatten, langsam wurde ihm mulmig. „Wenn das ein Scherz sein soll, wäre langsam ein guter Moment, damit aufzuhören.“ Schweigen. Der unauffällige Mann war wieder einige Schritte zurückgetreten und sprach mit den anderen, war jedoch so leise, dass er nicht hören konnte, was sie sagten.

„Hey! Hallo? Was soll das denn?“

Vielleicht war das ganze doch regelkonform. Sie hatten ihn nicht angerührt. Vielleicht ließ er sich nur verrückt machen.

Die dunkle Schönheit blickte zu ihm herüber. Vielleicht täuschte er sich, doch er meinte, einen leisen Spott aus ihrem Blick zu lesen. War er zu passiv? Ließ er zu viel mit sich machen?

Die drei lösten sich aus ihrem Gespräch. Die Frau blieb stehen, während die beiden Männer auf ihn zukamen. Der unauffällige nickte dem anderen zu. „Halt ihn fest, während ich ihn durchsuche.“

Das reichte. Felix richtete sich kerzengrade auf und sah dem verwachsenen Mann, der auf ihn zu schlurfte, direkt in die Augen. Er wusste, welche Ausstrahlung er auf gewöhnliche Leute hatte, wenn er es darauf anlegte.

„Es reicht. Mach mich los!“, sagte er nachdrücklich. Der Mann zögerte. Sein Schritt wurde langsamer, der Blick eigenartig starr. Seine Hand fuhr in die Tasche, in der er den Schlüssel für die Handschellen verwahrte.

„Pass auf!“ Die Frau war neben den Mann gesprungen und versetzte ihm einen Stoß, der den Blickkontakt unterbrach. Der blinzelte verwirrt. Felix seufzte auf. Er wusste, der Bann war gebrochen. Verärgert sah er hinüber zu der Frau, die jetzt dicht vor ihm stand. Sie stand so nahe, dass ihm ihr Parfum in die Nase stieg, ein dichter, schwerer Duft nach Amber und Jasmin. Sie blickte nicht ihn an, sondern auf ihren Kumpan, der sich schüttelte wie ein nasser Hund. Ohne sich umzudrehen, packte sie ihn und den anderen Mann bei den Schultern und schob sie aus der Tür. Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss.

Er war wieder allein. Allein in einem neonlichterleuchteten Kellergewölbe, das feucht und muffig roch, mit den Händen an die Wand gekettet. Trotzdem war es in erster Linie Irritation, die er fühlte, keine Angst. Eine leichte Besorgnis, die konnte er sich eingestehen. Er musste zugeben, dass das Verhalten der drei eigenartig war. Es war nicht das erste Mal, dass er an einer Entführung beteiligt war, auch wenn er sonst der aktive Part war. Im Grunde genommen war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand den Spieß umdrehte. Aber was ihn auch verwirrte, war das Fehlen sämtlichen Zubehörs. Es gab nur diesen Eisenring an der Wand, sonst nichts. Keinen Tisch, keinen Stuhl, keine weiteren Haltevorrichtungen. Keine Accessoires. Keine Deko. Keine Kamera.

Die Tür ging wieder auf, und die drei kamen zurück. Sie schienen sich draußen abgesprochen zu haben, denn ohne Zögern kam der verwachsene Mann auf ihn zu. Er hielt den Blick zu Boden gesenkt. Er kam so schnell auf Felix zu, dass er kaum Zeit hatte, in seine Abwehrhaltung zu flüchten. Doch der Mann fing seine Beine ab, drückte sie beiseite, streckte seine Hände nach ihm aus, und ehe er wusste, wie ihm geschah, legte sich eine Hand auf seine Augen und zog seinen Kopf nach hinten. Er fühlte, wie seine Handgelenkte gepackt und so fest zusammengedrückt wurden, dass er glauben konnte, sie seien in einen Schraubstock eingespannt.

„Spinnst du?! Hey!“ Er versuchte, sich der Hand über seinen Augen zu entwinden, da spürte er plötzlich weitere Hände, die sich über seine Hose in Richtung seiner Taschen tasteten. Er versuchte, sich zu entwinden, doch der Schraubstock an seinen Händen ließ nicht nach. Gleichzeitig drang ihm ein fürchterlicher Geruch in die Nase. Er war süßlich-modrig, und es war fast wie eine stehende Wolke, in die sein Kopf hineingezogen wurde. Ihm wurde klar, dass der verwachsene Mann diesen Geruch ausdünstete. Ihm wurde übel. Das war nicht mehr aufregend. Es war auch nicht mehr schräg. Das war ekelhaft.

„Lass mich los, du ekelhafter Bastard!“ rief er. Er wand sich, er trat um sich, er schrie laut auf die nun unsichtbaren Hände ein, die ihn anfassten.

„Halt ihn doch ruhig, Mann!“, hörte er eine verärgerte Stimme. Sofort rutschte die Hand, die seine Augen verdeckte, tiefer, drückte ihm nun auch noch auf Nase und Mund. Es musste eine riesige Hand sein, und sie war behandschuht.  Sie bedeckte sein Gesicht so vollständig, dass er es mit der Angst zu tun bekam, er würde ersticken. Er schüttelte heftig den Kopf, versuchte gleichzeitig, seine Hände aus der Umklammerung zu reißen, in der sie gehalten wurden, er zappelte und wand sich. Er spürte, wie der Druck der Hände immer stärker wurde, und wehrte sich noch mehr.

Und dann geschah es.

Es war ein Druck von den ledergeschützten Fingern, der von der Seite kam, der wahrscheinlich gar nicht so heftig gedacht war, und der einer seiner Bewegungen zuwiderlief. Wie ein Brecheisen bohrten sich die Finger zwischen seine Zähne, und mit einem plötzlichen, widerlichen Knirschen hebelten sie sein Kiefergelenk aus.

Ein stechender Schmerz fuhr durch seinen Schädel. Es war, als habe ihm der Mann den Unterkiefer abgerissen. Er heulte auf. Tränen schossen in seine Augen, und gleichzeitig spüre er den alles überschattenden Drang, seinen Mund zu schließen, dieses schmerzende, plötzlich klaffende Loch in seinem Kopf, das ihn hilflos entblößte, wieder zu verdecken. Doch es ging nicht. Seine Muskeln konnten ihm nicht mehr gehorchen, so sehr sie auch an den Gelenken zerrten, an denen sie hingen.

„Verdammte Scheiße, was hast du gemacht?“ Er hörte die Stimmen, die verärgerte Frage, die genuschelte Antwort. Der Wortwechsel ging unter im alles überschattenden Schmerz. Dann plötzlich verschwand die Hand vor seinem Gesicht, und auch seine Handgelenke wurden losgelassen. Dafür spürte er, wie er an den Schultern genommen und gedreht wurde. Da war plötzlich wieder der Geruch von Amber und Jasmin. Er öffnete die Augen.

Die Frau stand dicht vor ihm und betrachtete seinen aufgesperrten Mund. Sie hob die Hände und berührte seine Wangen, prüfte den Druck und achtete aufmerksam darauf, wann er vor Schmerz zusammenzuckte. Die leichte Berührung ihrer Finger durchjagte ihn trotz seiner Schmerzen. Ihm fiel auf, dass ihre Augen fast schwarz waren.

„Sauber ausgerenkt, Ed“, sagte sie, ohne ihre Begutachtung zu unterbrechen. Irgendwo hinter ihm erklang ein Grunzen. Er wartete. Gleich würde sie sich direkt an ihn wenden und etwas sagen wie „du bist sehr tapfer“, oder „das bekommen wir wieder hin“ oder „wir bringen dich zu einem  Arzt“, und dann würde sich das Ganze auflösen, die Umstände würden sich klären und alles wäre gut.  Dieser verfluchte Schmerz würde aufhören und er würde sie anlächeln und mit ihr reden können, statt sie mit aufgerissenem Mund und Tränen in den Augen anzuglotzen.

Stattdessen verzog sie den Mund zu einem spöttischen Lächeln und wandte sich ab.

„Ich möchte mit ihm ja nicht tauschen“, sagte sie, an den zweiten Mann gewandt. Der lachte kurz auf.

„Musst du ja auch glücklicherweise nicht.“ Er sah zu ihm hinüber. „Kriegst du das hin? Reden können sollte er noch.“ Statt einer Antwort dreht sie sich wieder um, nahm sein Gesicht fest in ihre Hände und zog. Ihr unvorhersehbar starker Griff zerrte ihm die verkrampften Muskeln auseinander, und eine Woge von Schmerz brandete über ihn hinweg. Eine Sekunde lang war er sich vollkommen sicher, sie habe ihm den Kiefer jetzt endgültig gebrochen. Dann jedoch schlugen seine Zähne mit einem lauten Krachen aufeinander. Der Schmerz ließ nach, doch gleichzeitig tanzten vor seinen Augen unzählige kleine weiße Punkte, und er merkte, wie er gegen die Wand sackte.  Er wäre gefallen, hätten seine Hände nicht immer noch in den Handschellen gesteckt. Ihm war übel.

„Ich hab ihn“, hörte er eine männliche Stimme neben sich. Metallenes Klirren untermalte die Worte. Sein Schlüssel! Ehe er irgendwie reagieren konnte, hörte er Schritte, die sich rasch entfernten. Die Tür fiel ins Schloss.

 
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Verfasst von - 17. August 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

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