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Urlaubserinnerung

Als der Wecker klingelt, ist es noch dunkel um mich. Ich taste nach dem Handy und schalte die Harfenklänge aus. Dabei spüre ich, wie meine Hand von Kühle umfangen wird. Ich blinzele und werde langsam wach.

Es ist still, von draußen dringen nur wenige Geräusche in unser mollig warmes Nest. Vereinzelte Stimmen von weiter weg, irgendwo hackt jemand Holz. Langsam werden die Umrisse vor meinen Augen klarer. Der Ofen spendet ein wenig gelb glimmendes Licht, und von draußen dringt das erste Tageslicht herein. Ich wühle mich unter meinen Decken hinüber zur Hand des Liebsten und drücke sie. Ankuscheln ist nicht auf den Feldliegen, außerdem stecken wir beide auch noch in Schlafsäcken. Aber Händchenhalten geht.

Als die Harfe ein zweites Mal erklingt, schäle ich mich aus dem warmen Nest. Eigentlich mag ich keinerlei elektronische Geräte im Urlaub um mich haben, aber hier drinnen wird es so spät hell, dass ich die ruhigen Morgenstunden verschlafen würde, und das kann ich nicht leiden.

So schnell es geht, schlüpfe ich in Rock und Tunika und werfe eine Wollcuculle über mich. Dann schlüpfe ich in Filzpantoffeln und Holzschuhe und knüpfe den Zelteingang auf.

Draußen ist es klar und kalt. Der Himmel ist blau und strahlend schön. Die Sonne ist schon aufgegangen, aber ihre Strahlen berühren noch nicht den Bergfried hoch über mir, und unsere Lagerwiese liegt ebenfalls noch in schattiger Kühle.

Ich lasse den Eingang vorsichtig zufallen und gehe über das Gras Richtung Toilette. Bei jedem Schritt netzt Tau meine Schuhe und den Rocksaum. Ich gehe langsam und vorsichtig, denn ich muss einen steilen Hang hinauf, dessen Gras plattgetreten ist von den vielen Füßen, die in den letzten Tagen hier entlang gelaufen sind.

Als ich wieder aus dem Häuschen trete, lugen die ersten Sonnenstrahlen hinter dem Wald hervor und tauchen die Burgmauern in warmes Licht. Ich bleibe einen Moment stehen und sehe mich um.

Vor mir liegt das Lager, die meisten Gruppen noch in tiefer Stille. Einige Feuer brennen schon, und der Rauch schwebt über den Zelten und Baldachinen. Er mischt sich mit den letzten Nebelschwaden, die über der Wiese schweben. Unterhalb der Wiese liegt das Tal im Nebel verborgen, und auch hinter der Burg verschwindet die umliegende Welt im weißen Nichts. Wir sind hier oben alleine. Ganz alleine. Ich atme tief ein und genieße die Stille, das Licht und die Ruhe um mich.

Als ich wieder ins Lager komme, ist schon der Liebste wach und hackt Holz. Ich setzt mich zu ihm auf unsere Bank und schaue ihm zu, wie er nach dem Hacken die kleinen Scheite in der Feuerstelle aufschichtet und dann mit Hilfe von Papier und Wachs entzündet. Bald prasselt ein kleines Feuerchen, und ich fülle den Wasserkessel, um ihn auf einem kleinen Dreibein in die Flammen zu stellen. Jetzt heißt es warten. Und weil es noch immer kalt ist, wuseln wir beide ein bisschen herum. Während er unsere Kaffeekanne mit Kaffee befüllt und die Becher auswäscht, trage ich die Flaschen und Krüge vom gestrigen Abend zusammen, um das Chaos ein bisschen zu beseitigen.

Es dauert, bis das Wasser kocht. Wir reden nicht viel, eigentlich gar nichts. Aber es tut gut, dieses stumme Warten, diese eigenartige Mischung aus Abwarten und Herumräumen. Das liebe ich am mittelalterlichen Lagerleben. Man lernt wieder, was Zeit eigentlich ist. Dass es Dinge gibt, die einfach Zeit brauchen, und dass man nicht immer alles sofort haben kann. Wer hier oben Kaffee oder ein warmes Essen will, muss sich Zeit dafür nehmen. Fürs Holzhacken, für das Feuer, für die Hitze, die letztlich das Wasser zum Kochen bringt. Wir sind alle nur Staub in diesem Universum, und egal, wie sehr wir uns diese Welt und ihre Zeit untertan zu machen versuchen, sind wir nur eine Hand voll Moleküle in einer uns im Grunde unbegreiflichen Welt.

Wenn ich am Feuer sitze und es ansehe, wenn ich spüre, wie mir die tanzenden Flammen Wärme spenden, die über mein Gesicht flutet, dann merke ich, dass ich ein Mensch bin. Ein Mensch, der hier oben, in diesem Zeltlager, auf die lebensspendende Kraft des Feuers genauso angewiesen ist wie seine Vorfahren von 10.000 Jahren.

Das Wasser kocht, und der Liebste gießt den ersten Kaffee auf. Der Duft steigt mir in die Nase, und ich freue mich auf den ersten Becher. Noch muss ich ein paar Momente warten, bis er gezogen ist.

Endlich ist es soweit. Ich genieße jeden Schluck.

Wann habe ich im Alltag dazu schon die Zeit?

 
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Verfasst von - 6. Oktober 2014 in Mittelalter, persönliches, Stories

 

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Die Macht der Sprache

Am Freitagnachmittag lag ich, gesundheitlich angeschlagen, dösend auf unserer Couch und verfolgte unaufmerksam einen Fernsehbericht zum Thema „Der 2. Weltkrieg in Asien“. Mein Liebster und ich sind sehr große Fans des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, leider häufen sich in den sonst eigentlich gut durchmischten Dokumentationen und Reportagen der Dritten derzeit die Berichte über den 2. Weltkrieg. Irgendwie hat man alles schonmal gehört – in meiner Generation hörte man ab der 8. Klasse im Schnitt alle zwei Jahre in Geschichte, Gemeinschaftskunde oder Deutsch irgendwas zum Thema 2. Weltkrieg – insofern taugen Berichte a la „Luftkrieg über England“ irgendwann nur noch als Einschlafhilfe. So ähnlich wollte ich es auch hier halten, als mir eine Formulierung ins Bewusstsein drang, die mich dann doch dazu animierte, die Augen wieder aufzumachen.

„(…) als Nazi-Deutschland Polen überfiel (…)“

 

„Nazi-Deutschland“. Das Wort wird in letzter Zeit in Dokumentationen gerne genutzt, aber meines Wissens erst seit einiger Zeit (jedenfalls ist es mir früher nie aufgefallen, und in Geschichtsbüchern findet es sich garantiert nicht). Ich finde das sehr interessant, denn das Wort als solches verrät einiges über unseren Umgang mit der Vergangenheit.

Natürlich ist es ein ungeheuer vereinfachender Begriff, denn jeder, der sich auch nur ein kleines bisschen mit Geschichte oder Gesellschaft befasst, ist sich bewusst, dass ein Land niemals als Land handeln kann – es sind immer Menschen, und deren Unterschiedlichkeit, deren Heterogenität und Widersprüchlichkeit wird durch ein solches Wort vollkommen nivelliert. Doch Reportagen leben von Zuspitzung und Vereinfachung, deswegen war es nicht das, was mich an dem Wort aufschreckte. Nein, der Begriff „Nazi-Deutschland“ suggeriert eine Differenz. Eine Differenz zu uns, zu „Deutschland“ heute.

Man könnte jetzt hier das Fass aufmachen und anfangen, von der Übertragung der Schuld von einer Generation auf die nächste zu sprechen, von der Müdigkeit der jüngeren leute, sich die Verbrechen der Eltern – inzwischen oft sogar Großeltern – immer wieder vorhalten lassen zu müssen, doch soweit will ich nicht gehen. Aber der Sprachgebrauch von „Nazi-Deutschland“ verweist genau in diese Richtung: Das, damals, 1933-1945, das war „Nazi-Deutschland“, das waren nicht wir, nicht das, was Deutschland heute ist, es waren böse Menschen, Nazis, die andere Länder überfielen und himmelschreiende Verbrechen begingen.

Das stimmt aber so nicht. „Nazi-Deutschland“ ist ein Euphemismus, in der besten Nachfolge des Regimes, von dem er sich abzugrenzen versucht. Vor „Nazi-Deutschland“ gab es das „Deutsche Reich“, davor unzählige Fürstentümer und irgendwann davor das „Heilige römische Reich deutscher Nation“. Dennoch definieren wir alles dies als „Deutschland“. Historisch korrekt wäre eine politsche Bezeichnung wie „Das 3. Reich“, das dann in einer Reihe mit den vorgenannten deutschen Reichen genannt werden könnte. Aber das ist nicht der Sinn, den der Ausdruck „Nazi-Deutschland“ transportiert. Hier geht es nicht um hisorische Korrektheit. Hier geht es um eine Differenzierung zwischen „uns“ und „denen damals“.

Diese Differenzierung ist aber nichts als eine sprachliche Täuschung. Das Land damals war genauso heterogen wie das unsrige, es gab viele, die folgten, wenige, die führten und mehr als eine Gruppierung, die sich verweigerte. Viele der Menschen, die folgten, waren vielleicht nicht wirklich erfasst von der nationalsozialistischen Gesinnung, doch sie hielten es für klüger, sich in Zeiten, in denen es nach langer Depression endlich wieder aufwärts ging, nicht zu beschweren. Natürlich gab es auch viele, die der Ideologie begeistert folgten, doch leider, leider ist diese menschliche Eigenschaft nicht nur der deutschen Bevölkerung zwischen 1933 und 45 innewohnend gewesen. Aber genau das will der Begriff „Nazi-Deutschland“ sagen.

Das waren nicht wir.

Die damals waren böse.

Sowas würde heute niemals mehr passieren können.

Wirklich nicht?

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen damals und heute. Doch die Menschen, die damals einem Führer zujubelten und ihn unterstützen, sind nicht vom Himmel gefallen. Vor 1933 waren sie in der Gesellschaft des Deutschen Reiches verankert, nach 1945 blieben viele unterhalb der von den Besatzern verurteilten Führungsschicht in einflussreichen Positionen und beteiligten sich am Wiederaufbau des Landes. Ihre Ideologie verbargen sie, manche davon wurden enttarnt, doch viele wurden es nicht.

Wir, das Deutschland von heute, trägt noch immer das Erbe von damals. Wir sind kein anderes Land. „Nazi-Deutschland“ versucht eine begriffliche Grenze zu ziehen, die nicht existiert. Es will uns von unserer Schuld freisprechen. Das kann aber nicht funktionieren. Und es sprachlich zu verankern, ist gefährlich. Sprache prägt unser Bewusstsein, formt unser Bild von der Wirklichkeit. Und die ist nicht durch Euphemismen zu beschönigen.

 

 

 

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