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Späte Quittung

Hallo, da draußen, noch jemand da? So lange war es wieder still bei mir. Eigentlich wollte ich hier schon einige Bilder mehr vom Urlaub posten, die Wanderung geistig wiederholen und hier aufleben lassen… allein: Weder Zeit noch meine Stimmung sind dazu im Augenblick passend.

Nachdem ich seit über einem Monat wieder zuhause bin, war ich gestern endlich zur Diagnose bei der Orthopädin – wie das ist, nach Ersttermin, Überweisung zum MRT und Folgetermin, da ziehen schnell Wochen ins Land, die man hinkend verbringt. Ein Fahrradsturz zwischendurch machte zeitweilig das Knie zur Nebensache, weil ich mir eine derartig fiese Zerrung im Oberschenkel geholt habe, das ich dann auch nur noch langsam gehen konnte. Mein Fahrrad, nebenbei, war Schrott.

Naja, jedenfalls ist mein Knie nicht richtig kaputt, nur überall ein bisschen. Vor allem ist eine Sehne und der Schleimbeutel unter der Kniescheibe entzündet. Heilungsunterstützend soll ich Stoßwellentherapie bekommen.

Dann, ein etwas zögerlicher Blick der Ärztin, die etwa mein Alter sein dürfte: Sie haben eine beginnende Arthrose.

Mit 33.

Uff.

Abnutzung durch Überbelastung vom Sport? Von einem einzigen Wanderurlaub? Unwahrscheinlich.

Nein, wahrscheinlicher: Jahrelanges Übergewicht.

Die Ärztin schaut mich überrascht an, als ich das sage. Da ich das erste Mal in ihrer Praxis bin, kennt sie meine Vorgeschichte nicht. Seit rund 16 Jahren übergewichtig, davon sicherlich 10 Jahre irgendwo im BMI-Bereich zwischen 30 und 35.

Tja.

Sie meint „die Ursachen dafür sind nicht ganz eindeutig geklärt, das kann unterschiedliche Gründe haben“, und ich denke mir: „Wenn ich es schon selbst sage, warum versuchst du es noch zu relativieren? Welche andere Erklärung wäre denn naheliegender, wenn man wenig Sport macht, keine familiäre Vorgeschichte hat?“

Eine späte Quittung. Immerhin, ich stehe kurz vorm Normalgewicht, und inzwischen macht mir Bewegung Freude. Sie sagt mir, dass man in diesem frühen Stadium sehr gut mit Sport gegensteuern kann, mit wandern, joggen, Fahrrad fahren. Das motiviert mich. Und ich bin froh, denn ich kenne mich und meinen nicht vorhandenen Ehrgeiz: Hätte ich diese Diagnose bekommen, als ich noch 100kg gewogen habe, hätte ich versucht, die Gründe woanders zu suchen. Und es hätte mich nicht dazu gebracht, mehr Sport zu machen, im Gegenteil, es hätte eine Abwehrreaktion ausgelöst. Eher hätte ich die Diagnose und die Therapieansätze in Frage gestellt – und überhaupt, das ist doch wieder dieser Fokus auf dem Gewicht, das ist doch Mist und reine Dicken-Diskriminierung! – als dass ich angefangen hätte, Sport zu machen. Nur um nicht wahrhaben zu wollen, dass ich es verbockt habe. Natürlich wusste ich, dass Übergewicht schlecht ist und ich nicht so fit bin, wie ich es gerne wäre. Natürlich hingen immer gewisse Krankheiten damoklesschwertgleich drohend über mir: Diabetes. Bluthochdruck. Aber solange ich sie nicht hatte, konnte ich sie ignorieren.

Ich bin viel auf dem Fettlogik-Blog von Nadja unterwegs, und da geht es oft um die Fatacceptance-Bewegung und die fassungslose Frage, warum Menschen ignorieren, dass sie ihrem Körper schaden. Auch ich verstehe es nicht. Aber gestern, da ist mein altes (dickes) Ich plötzlich hervorgesprungen und hat geschrien: „Lass mich in Ruhe mit unbequemen Wahrheiten! Dicksein ist nicht schädlich, das ist alles gesellschaftlicher Normierungsdruck!“

Ich hab ihm kurz zugehört. Dann habe ich meine erste Sitzung Stoßwellentherapie überstanden und bin mit der Bahn heimgefahren.

Heute Abend kaufe ich mir ein neues Fahrrad.

 
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Verfasst von - 9. Oktober 2015 in Abnehmen & Fitness, persönliches

 

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