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Allerheiligen, kurz nach Sonnenuntergang

Es ist 17.45h, als Bruno Heller seine Zuflucht verlässt. 15 Minuten, um durch den Münchner Feierabendverkehr zu seinem Ziel zu kommen, sind knapp kalkuliert. Aber früher kann er sich nicht auf die Straße wagen, und auch jetzt beschleicht ihn ein ungutes Gefühl, als er vor dem Mietshaus auf die Straße tritt. Es ist bewölkt, doch weit im Westen ist die Wolkendecke aufgerissen und gibt den Blick auf einen noch sanft hellblau schimmernden Himmel frei. Er erschaudert, und ist doch gleichzeitig gefesselt von dem unvertrauten Anblick. Seit fast sieben Jahren hat er kein Tageslicht mehr gesehen, noch nicht einmal den schwachen Schatten der Helligkeit kurz nach dem Sonnenuntergang. Es hat ihn niemals gereizt, auszuprobieren, wie früh man vor die Tür treten kann. Viele Kinder, so hat er inzwischen gehört, versuchen dies kurz nach dem Kuss, und so manche bezahlen diese Mutprobe mit dem Unleben.

Direkt vor ihm hält ein Taxi – sein Taxi. Erleichtert steigt er ein und grüßt den Fahrer mit einem Nicken. Zum Glück ist der ein fähiger Autofahrer, und so hält das Taxi um 17.58h vor der Falckenbergstr. 1.

Die Bar der Kammerspiele ist unter dem Dach des Gebäudes untergebracht. Eine Handvoll Studenten der Otto-Falckenberg-Schule hat das Experiment gestartet, diesen riesigen Dachbodenraum in eine kleine, heimelige Bar zu verwandeln. Große Gauben sorgen tagsüber für reichlich Licht und einen wundervollen Blick über die Innenstadt. Zur Einrichtung der Bar gehören große Kulissenteile und Requisiten, die seit Jahrzehnten auf dem Dachboden ein einsames Dasein geführt haben: Eine Nachbildung der Venus von Milo aus Pappmaché, mehrere Stehlampen aus den 50ern und halbmetergroße Marionetten stehen zwischen den Tischen, den alten Sofas und hinter der Bar. Einige besonders prachtvolle Kostüme sind auf Kleiderpuppen ausgestellt und wirken wie erstarrte Besucher einer Stehparty. Die Luft riecht nach Holz und Staub.

Als Bruno den Raum betritt, erkennt er ihn auf den ersten Blick. Theodor Andelius sitzt an der Bar. Gekleidet ist er, wie meistens, in Anzughose und Rollkragenpullover. Der unvermeidliche Schal aus feiner, heller Seide liegt um seinen Hals und passt farblich perfekt zu den langen, grauen Haaren, die er zum Pferdeschwanz gebunden hat. Vor sich hat er ein Weinglas stehen; er starrt nachdenklich vor sich hin. Einige jüngere Leute sitzen in einer Couchgruppe einige Meter von ihm entfernt, trinken Bier und werfen ihm ab und an scheue, fast ehrfürchtige Blicke zu. Sonst ist um diese frühe Uhrzeit niemand zu sehen. Offiziell öffnet die Bar erst eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.

Als sich Bruno der Bar nähert, sieht Andelius auf.

„Herr Heller! Wie schön, dass Sie es geschafft haben! Bitte, setzen Sie sich doch.“ Andelius deutet auf den Platz neben sich, „was möchten Sie trinken?“

Da der Barkeeper noch nicht anwesend ist, huscht eine junge Frau aus der Sitzgruppe rasch hinter die Bar, als sie die Frage hört, und beeilt sich, Bruno ein Glas Weißwein einzuschenken. Andelius dankt es ihr mit einem freundlichen Lächeln, sie nickt errötend und zieht sich zurück.

Zuerst hat Bruno das Gefühl, als wolle Andelius doch nur unverbindlichen Small Talk halten. Er fragt ihn nach seinen Erfahrungen in München, wie er sich eingelebt habe und was er für Pläne für die Zukunft hat. Doch nach etwa zwanzig Minuten erheben sich schließlich  die jungen Leute, bringen ihre Flaschen zur Bar und brechen auf.

In der sich nun ausbreitenden Stille bemerkt Bruno den versonnenen Blick, mit dem Andelius nun den Leuten, die er die ganze Zeit nicht beachtet hat, hinterher schaut.

„Wissen Sie, was für mich die Arbeit im Schauspielbetrieb ausmacht?“, fragt er plötzlich. Und ohne eine Antwort abzuwarten, fährt er fort: „Die Arbeit mit den jungen Künstlern. Die so hoffnungsvoll und motiviert hierher kommen und dann, meistens ganz unvermittelt, hier durch eine harte Schule gehen. Viele sind das erste Mal auf sich allein gestellt. Sie müssen lernen, mit Enttäuschungen umzugehen und auch mit dem ersten Erfolg. Sie werden hier erwachsen.“ Er seufzt, und jäh erinnert sich Bruno daran, dass es erst vor wenigen Jahren einen ausgewachsenen Skandal um Andelius und einen seiner treusten Diener gab. Die genauen Details hat er nie erfahren, aber es heißt, es wäre nur dem Eingreifen seines Clansältesten zu verdanken gewesen, dass keine Köpfe rollten. Andelius kam ungeschoren davon, aber eine Schülerin von ihm wurde für den Rest ihres Unlebens aus der Stadt verbannt.

„Die Emotionen der Menschen zu beobachten, vor allem der jungen, ist ein Lebenselixier, vor allem für unseren Clan, mein Freund. Wer, wenn nicht die Menschen, mit denen wir uns umgeben, kann uns zeigen, was es heißt, lebendig zu sein?“

Bruno hört nur zu und nickt. Er hat das Gefühl, dass hier zuhören angebrachter ist als reden.

„Ich umgebe mich mit vielen Menschen“, fährt er fort, „nicht nur Ghulen, auch anderen. Schülern, Zöglingen, vielleicht sogar so etwas wie Freunden, solange man eine Freundschaft nicht auf die Basis von absoluter Offenheit stellt.“ Er lacht kurz. „Aber das bringt mich zu dem Punkt, über den ich mit Ihnen sprechen wollte.“ Er zögert, dreht das Glas zwischen seinen Fingern und betrachtet die Schlieren, die die rote Flüssigkeit zieht.

„Sebastiàn. Einer meiner Zöglinge. Er ist relativ neu in der Stadt und ein sehr vielversprechender Schauspieler. Er ist nicht eingeweiht. Noch nicht. Er hat den ersten Schritt zum Band bereits getan, und in der kommenden Zeit wollte ich ihn in die Reihen meiner Ghule aufnehmen.“ Er verstummt und starrt nachdenklich ins Leere.

„Das hört sich fast an, Herr Andelius, als wären Ihre Pläne durchkreuzt worden?“, durchbricht Bruno die Stille. Andelius nickt langsam, ohne den Blick zu heben.

„Er ist verschwunden. Seit etwa einer Woche.“ Dann schaut er auf und Bruno direkt an. „Deswegen brauche ich Ihre Hilfe.“

„Meine Hilfe?“ erwidert er verwirrt, „bei allem nötigen Respekt: Wie sollte denn ausgerechnet ich Ihnen da helfen können?“

„Nun“, antwortet Andelius, „Sie sind doch mit diesen… diesen beiden anderen Jungen„, er betont das Wort, „gut bekannt? Diese beiden, mit denen Sie gemeinsam den bedauernswerten Herrn Hauser zur Strecke gebracht haben?“

„Ja…“, antwortet er zögernd, „aber was sollten die beiden damit zu tun haben?“

„Nun, zum einen scheinen Sie drei mir ganz scharfsinnig zu agieren“, erwidert er, „und zum anderen: Sebastián war zuletzt viel im P1 zu Gast. Sehr viel. Und die kleine Schönheit scheint recht eng mit Frau von Gutenhof befreundet zu sein, Sie wissen, der Geschäftsführerin. Und die weiß sehr genau, dass Sebastiáns Spuren sich nach einem Besuch im P1 vor einer Woche verlieren.“ Er trinkt mit einer entschlossenen Bewegung sein Weinglas leer.

„Ich bin sicher, Herr Heller, dass Sie mit Ihren externen Kontakten absolut prädestiniert sind, hier etwas Licht ins Dunkel zu bringen.“ Er wendet sich Bruno zu. Seine Augen sind sehr blau, sehr klar und sehr eisig. „Ich verliere sehr ungern Menschen, die mir etwas bedeuten. Der Clan des Prinzen und ich… haben einige Schwierigkeiten miteinander. Insofern bitte ich Sie, dem ganzen diskret nachzugehen. Und glauben Sie mir: Es lohnt sich, einen Gefallen bei Theodor Andelius gut zu haben.“

 
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Verfasst von - 11. November 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

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Halloween – Alptraum

Halloween 2006, gegen 5.00 Uhr früh.


Anoush ist nach dem Treffen mit den beiden anderen auf dem Heimweg.

Halloweennächte waren auch schon mal spannender, denkt sie. Aber es wird langsam schwer, den Kunstpark oder auch das P1 als immer wieder neues und aufregendes Jagdgebiet zu betrachten. Am Ende des Jahres vollendet sie das siebte Jahr als Kainskind. Und schon jetzt, seufzt sie innerlich, fängt mich die Stadt an zu langweilen. Wie soll das zukünftig werden?

Immerhin, seit der Blutjagd verbringt sie recht viel Zeit mit den beiden anderen jungen Neugeborenen. „Killerklüngel“ hat Christoph die Gruppe scherzhaft genannt, und sie hatte geschnaubt und irgendwas nach ihm geworfen. Natürlich ist er ausgewichen, und natürlich hat er nicht daran gedacht, die Bezeichnung aufzugeben. Aber egal, wie es genannt wird: Sie mag das Trio, das sie bilden. Irgendwie. Es sind keine Clansgeschwister, aber trotzdem gibt es eine Art von Austausch zwischen ihnen, seit der Jagd vielleicht sogar eine Art von Verbundenheit. Zumindest, denkt sie nüchtern, solange sie mir nicht im Weg stehen.

Anoush parkt ihren Wagen in der Tiefgarage und geht zum Aufzug. Zischend öffnen sich die Türen, und ihr kommen zwei Hausbewohner entgegen, verschlafen, müde, auf dem Weg zur Arbeit. Sie nickt ihnen zu; es sind immer die gleichen Gesichter um die gleiche Uhrzeit. Die Hausbewohner glauben, dass sie irgendwo arbeitet, wo es Nachtschichten gibt. Irgendwann mal hat sie einem gegenüber auf neugierige Nachfragen mit „Security“ geantwortet und dabei undurchschaubar gelächelt. Seitdem kamen von niemandem mehr Fragen.

Es passiert ganz plötzlich, als sie vor ihrer Haustür steht und den Schlüssel ins Schloss steckt: Etwas springt schwer auf ihren Rücken und wirft sie gegen die Tür. Sie stolpert vorwärts und schlägt der Länge nach auf dem Boden ihres Flurs auf. Sie windet sich, versucht, an den Angreifer heranzukommen. Seine Hand krallt sich um ihr Herz, doch ihre Finger bekommen nichts zu packen.

Da ist nichts.

Sie ist allein.

Sie rappelt sich auf, wirft die Tür ins Schloss, während die fremde Hand weiterhin ihr Herz umfasst und unbarmherzig zusammendrückt. Sie ringt nach Luft, als brauche sie sie zum Atmen, sie reißt an ihrer Kleidung, als verberge sich darin ein Angreifer. Doch niemand ist da.

Panik ergreift sie.

Christoph!

Ganz plötzlich ist er da, der Gedanke an ihren Erschaffer, ohne Vorwarnung, ohne zu wissen, warum. Der Schmerz in ihrem Herzen wird übermächtig, und ihre Welt schrumpft zusammen auf den einen Gedanken. Christoph! Wo bist du? Was ist geschehen?

Anoush kauert im Dunklen, auf dem Boden ihres Flurs. Hilflos, überwältigt von Angst, wiegt sie sich vor und zurück. Sie will rennen, laufen. Aber wohin?

Plötzlich flammt ein kleines Licht im Dunkeln auf. Gleichzeitig spürt sie ein kurzes, intensives Brummen auf dem Holz des Bodens.

Ihr Handy.

Brauche dich hol mich. Jetzt! C.

 


 

Hier gibt es mehr von Anoush:

Ein Zimmer-in-dunkler Nacht

Woanders, am anderen Tag

Millenium

Herzblut

Requiem

 
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Verfasst von - 9. November 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

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Stubaier Höhenweg – Teil 3

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Tag 4 – Tagestour 3: Von der Neuen Regensburger Hütte zur Dresdner Hütte

Unsere Nacht im Matratzenlager ist erstaunlich erholsam, und wir erwachen am nächsten Morgen frisch gestärkt. Um kurz nach sechs werden wir alle langsam munter, und durch das winzige Dachfenster über unseren Köpfen beobachten wir, die die aufgehende Sonne den Himmel und die Berge um uns erhellt. Der Anblick ist unfassbar fantastisch und prägt sich uns allen tief in der Seele ein.

Beim Heruntergehen in den Frühstücksraum wird für mich schmerzlich klar: Die 18km-Tagestour heute werde ich nicht mitgehen. Selbst, wenn ich die Schmerzen aushalten würde, wäre ich doch langsamer als der Rest und würde die mit acht Stunden angesetzte Tour deutlich verlängern. Was wiederum weniger Regenerationszeit auf der nächsten Hütte nach sich zieht. Nein; der Liebste und ich werden heute ins Tal absteigen, auch wenn das zwei bis drei Stunden kontinuierlichen Abstieg bedeutet. Unsere beiden Begleiter werden dem Höhenweg folgen, und sie nehmen einen jungen Mann aus einer Dreiergruppe mit, die wir bereits am ersten Abend getroffen haben. Das Paar, mit dem er reist, hat festgestellt, dass ihm die Landschaft des Hochgebirges nicht zusagt. Sie werden den Rest des Urlaubes im Tal verbringen, wo es mehr Grün und vor allem Wald gibt.

Der Morgen ist in der Hütte von Chaos dominiert, denn über Nacht ist das Stromaggregat ausgefallen – irgendetwas verstopft die Turbine des kleinen Wasserkraftwerks. Während die Angestellten die Frühstückszeit dann eben ohne Strom managen, verschwindet der Hüttenwirt Richtung Tal – auch die Versorgungsseilbahn funktioniert ohne Strom nicht, und er muss im Tal irgendetwas manuell einstellen. Genaue Details erfahren wir nicht, da die Angestellten dieser Hütte mehrheitlich nur wenig Deutsch sprechen. Nach einem reichlichen Frühstück in der proppevollen Stube (tatsächlich haben wir auf dem Höhenweg keine andere Hütte mehr besucht, die bei so geringer Größe so voll war) brechen wir auf. Ein bisschen Wehmut kann ich nicht unterdrücken, als unsere Begleiter in Richtung des Hohen Mooses aufbrechen.

Blick von der Regensburger Hütte über das Hohe Moos - hinten rechts der Hochmossferner

Blick von der Regensburger Hütte über das Hohe Moos – hinten rechts der Hochmoosferner

Sie werden diese Hochebene bis zum Ende durchqueren und dort über den Grawagrubennieder steigen, der höchsten Stelle des Stubaier Höhenwegs. Es gibt Kletterstellen, die bis spät in den Sommer noch vergletschert sein können. Darüber müssen sich unsere Freunde keine Gedanken machen – der Hochmossferner hat sich so weit zurückgezogen, dass er nicht beeindruckender wirkt als ein Schneebrett.

Bald nachdem die drei losgezogen sind, brechen auch wir auf – zusammen mit den beiden Waldfreunden und den Belgiern, die heute absteigen.

Direkt unterhalb der neuen Regensburger Hütte befindet sich eine beeindruckende Steilstufe, die wir zunächst in engen Serpentinen überwinden müssen. Auf halbem Weg kommt uns der Hüttenwirt mit Grinch entgegen. Innerhalb von etwa 2,5 Stunden ist er mit seinem Hund ins Tal und wieder rauf gelaufen – nein, locker gejoggt, denn so kommt er uns entgegen. Und Grinch hat ebenfalls noch genug Energie, einen großen Stock mit sich herumzutragen.

Der Abstieg eröffnet wunderschöne Ausblicke in das Seitental, in dem die Falbesonder Ochsenalm liegt – schon direkt hinter der Steilstufe treffen wir auf weidende Rinder. Kurz vor der Alm kommen wir durch eine Niederung mit Krüppelkiefern, die in der Morgensonne wundervoll harzig duften – und mir wird wieder bewusst, dass die Alpen weiter unten deutlich grüner und fruchtbarer sind, als in der Höhe jenseits der 2000m. Nur drei Tage in der Höhe lassen einen fast vergessen, dass es hier mehr gibt als Geröll und Hochgebirgsflora.

Blick aus dem Tal herauf zur Neuen Regensburger Hütte

Blick aus dem Tal herauf zur Neuen Regensburger Hütte

Blick ins Stubaital und auf den Wasserfall des Sulzenaubaches

Blick ins Stubaital und auf den Wasserfall des Sulzenaubaches

Nach etwa zwei Stunden Abstieg kommen wir endlich auf ebeneres Gelände. Ich habe mich sehr bemüht, mit den Wanderstöcken und dem fitten rechten Knie das linke so weit als möglich zu entlasten. Trotzdem schmerzt es inzwischen, und auch das rechte meldet sich. Entsprechend erleichtert bin ich, als wir endlich dem Pfad zur Alm folgen können, der sich ab hier fast ohne Gefälle herunter zur Alm windet. Ich muss lächeln, als wir auf der Alm ankommen – zu einer Alm zu wandern, war in den Familienurlauben früher das höchste der Gefühle, und zwar wortwörtlich. Höher ist nur mein Vater geklettert, und ich glaubte damals immer, er würde einfach durch pfadlosen, blanken Fels zum Gipfel klettern, denn oberhalb der Almen gäbe es nichts mehr als Steine und Gipfel …

Die Falbesonder Ochsenalm

Die Falbesonder Ochsenalm

Wir hatten eigentlich geplant, auf der Alm zu frühstücken. Doch es regt sich hier noch nichts, und außerdem haben wir etwas länger gebraucht als geplant. Also gibt es nur eine kurze Fotopause, und dann machen wir uns die Straße hinunter auf den Weg ins Tal.

Die Falbesonder Ochsen

Der Restweg führt uns steil abwärts durch die hier hoch aufstrebenden Bäume. Es wird zusehends wärmer, und mir fällt ein, dass es im Tal derzeit fast 30 Grad hat. 1500m weiter oben ist es deutlich kühler, und ich bin sehr froh darum. Hier unten ist es fast stickig.

Wir fahren im Tal mit dem Bus zuerst in die Stadt Neustift zurück, um unsere Bargeldbestände aufzustocken, ehe es in den hintersten Winkel des Stubaitals geht: Zur Talstation der Seilbahn des Skigebiets „Stubaier Gletscher“. Hier bekommen wir aufgrund der gigantischen Dimensionen des Skizentrums einen lebhaften Eindruck davon, wie es hier im Winter zugeht. Wir sind beide keine Skifans, und die dröhnende Leere des Gebäudes, das für die Abfertigung zigtausender Skifahrer gedacht ist, beklemmt uns.

Die Fahrt zur Dresdner Hütte ist kurz, und gegen ein Uhr sind wir auf der Hütte angekommen. Der Ausstieg aus der Gondel ernüchtert uns. Denn auf den Anblick, der sich uns hier bietet, war ich nicht vorbereitet. Doch dazu mehr in Teil 4.

Die Dresdner Hütte

Die Dresdner Hütte

Den restlichen Tag nutzen wir, um uns in der Hütte einzurichten. Die Zimemr sind groß, mit Waschbecken im Zimmer, warmen Wasser und Strom. Auch hier merkt man, dass diese Hütte auf die Belegung mit sehr großen Menschenmengen ausgelegt ist. Im Winter muss es hier eng und laut zugehen. Jetzt, im Sommer, können wir genießen, dass es hier viel Platz und genug Betrieb – auch an Tagesbesuchern, die ab hier Tagestouren wandern – gibt, um eine große Auswahl auf der Speisekarte auch im Sommer anbieten zu können. Wir sind, um es simpel auszudrücken, mitten auf der Hüttentour unverhofft in einem Hotel gelandet.

Mit Kakao und Kaiserschmarrn sitzen wir auf der Terrasse und warten auf unsere Begleiter, die etwa drei Stunden nach uns über den Berg herunterkommen. Sie sind erschöpft, aber es ist alles gutgegangen. Morgen steht eine kurze Tour von nur 3-4 Stunden an. Wir beschließen, den Vormittag zu nutzen, um auf den Gletscher hinauf zu fahren. Dort gibt es eine Lehrhöhle, die in das ewige Eis gebaut wurde, die wir uns anschauen möchten.

 
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Verfasst von - 7. November 2015 in Urlaub, Wandern

 

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Neues von der Nähmaschine: Wiegenausstattung

Nachdem es nach einem nähintensiven Frühjahr und Vorsommer erst mal recht ruhig an Nähmaschine und Nähtisch geworden war, hatte ich im Sommer, direkt nach dem Alpenurlaub, noch ein neues Projekt für eine Kollegin auf dem Tisch. Es ging um die Ausstattung einer Babywiege. Es war mein erstes Projekt, das sich außerhalb von mittelalterlichen Schnitten bewegte, weswegen ich zusagte. Die Ausstattung umfasste folgendes:

  • Wiegenhimmel
  • Wiegen-Nestchen
  • Stillkissenbezug

Für Himmel und Stillkissenbezug bekam ich eine Vorlage, für das Nestchen die zurechtgeschnittene Schaumstofffüllung. Für mich hatte das Projekt einige ganz neue Herausforderungen zu bieten, nämlich das Einnähen eines Reißverschlusses, den Einsatz von Klettband (damit man den Schaumstoff zum Waschen aus dem Nestchen entfernen kann) und das Einlegen von Falten (unten in den Volant am Wiegenhimmel). Zusätzlich sind am Nestchen und am Himmel etliche Stoffbänder zum Binden angebracht, die natürlich im Vorfeld auch zurecht genäht werden müssen (am Himmel ist es sehr gut zu sehen, an den einzelnen Nestchenseiten nicht ganz so gut).

Alles in allem habe ich natürlich wie üblich den „Frickel-Faktor“ etwas unterschätzt, aber das ist nichts neues. Und ich kann im Nachhinein sagen, das sich einige Dinge in Zukunft anders angehen werde – zum Beispiel Reißverschlüsse direkt am Anfang statt am Ende einzunähen. 😉 Insgesamt bin ich aber sehr zufrieden mit dem Ergebnis, und ich glaube, der Babysektor ist für jemanden, der gelegentlich Auftragarbeiten macht, ein guter Boden.

Hier gibt’s natürlich noch ein paar Bilder von der Wiegenausstattung (das Kissen ist derzeit in fleißiger Benutzung und deswegen ohne Bild):

Wiege mit Himmel und Nestchen

Wiege mit Himmel und Nestchen

Himmel mit Besatz und Volant

Himmel mit Besatz und Volant

Nestchen mit Klettverschluss an der Unterseite und Bändern zum Verbinden der einzelnen Teile

Nestchen mit Klettverschluss an der Unterseite und Bändern zum Verbinden der einzelnen Teile

Tunnelzug am Himmel, verdeckt durch Besatz, vorne mit genähten Bändern zum Fixieren

Tunnelzug am Himmel, verdeckt durch Besatz, vorne mit genähten Bändern zum Fixieren

 
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Verfasst von - 3. November 2015 in Nähen

 

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Stubaier Höhenweg – Teil 2

Teil 1: hier

Tag 3 – Tagestour 2: Von der Franz-Senn-Hütte zur Neuen Regensburger Hütte.

Nach dem nasskalten Vortag gilt mein erster Blick, als der Wecker kurz nach sechs klingelt, dem Fenster, doch außer langsam zunehmer Helligkeit ist wenig zu erkennen. Der rauschende Bach neben dem Haus macht es unmöglich, Regengeräusche zu erkennen. Also mache ich mich barfuß und im Nachthemd auf den Weg zur Notausgangstreppe im Flur, um einen Blick ins Oberbergtal zu wagen.

Tag 3 (1) Und wie man sieht: Der Wettergott hatte ein Einsehen mit uns. 🙂

Da auf der Franz-Senn-Hütte die Preise fürs Frühstück recht gesalzen sind, brechen wir nach einem Kaffee bzw. Kakao auf. Meinem Knie geht es deutlich besser, und so wandern wir im schönsten Sonnenschein Richtung Kuhgschwetz.

Es soll hinauf gehen zum Basslerjoch, und von dort aus wieder abwärts ins Seitental des „Hohen Moos“, das vom Stubaital aus nicht einsehbar ist. Laut Wanderführer sind vier Stunden für diese Tour veranschlagt, auch wenn auf den allgegenwärtigen Wanderschildern nur drei stehen. Wir wandern also frohgemut los und erfreuen uns an der traumhaften Aussicht und der Sonne, die uns wärmt.

Tag 3 (6)

Der Weg durchs Kuhgschwätz führt uns über große Kalkbrocken und durch niedriges Gesträuch; vom Oberbergtal dringt das Läuten der Kuhglocken zu uns hinauf. Nach etwa einer Stunde steigt der Weg steil an, und wir erklimmen eine Geröllhalde, unter der ein Bach zu Tal rauscht, den wir immer wieder auf dem Weg nach oben queren. Dies ist die erste richtige Kletterpartie, die wir absolvieren. Oben angekommen verschnaufen wir an dem Bach, den wir bisher mehr gehört als wirklich gesehen haben.

Tag 3 (8)

Als wir weitergehen, eröffnet sich der Blick auf das Geröllfeld des Schrimmennieder, und ich frage mich, wo zur Hölle da der Weg hindurchführen soll. Ein Gedanke, an den ich mich in den kommenden Tagen gewöhne: Diese Wege sieht man stets nur von oben.

Tag 3 (10)  Zu behaupten, der Aufstieg zum Baslerjoch wäre leicht gewesen, ist gelogen. Ich habe in den kommenden Tagen war noch andere Strecken erlebt, gegen die sich diese in der Tat als entspannt präsentierte, aber für den zweiten Tag war das schon mehr als knackig, zumal man sich auf dem Geröllfeld bewusst ist, dass jeder falsche Schritt dazu führt, dass man in einer großen Gerölllawine talabwärts rauscht. Der Weg ist schmal, nur ein kleiner Trampelpfad, und ich war, da mein Knie bereits wieder zickte, verdammt froh um die Wanderstöcke, einfach aufgrund des Haltes, den sie mir vermittelten.

Doch angekommen auf dem Joch, ist es wiederum die Aussicht, die für alle Strapazen entschädigt. Die anderen drei machen noch einen Abstecher auf die Baslerin, doch ich will meinem Knie ein wenig Erholung gönnen und warte am Joch mit den großen Rucksäcken auf die Rückkehr der drei Gipfelstürmer. Eine Gruppe Belgier, die wir bereits seit dem ersten Tag immer wieder gesehen haben, kommen ebenfalls auf dem Joch an und machen eine kurze Pause. Einer von ihnen reicht mir sogar seine Salbe für mein Knie. Auch er ist am Vortrag umgeknickt, doch da für seine Gruppe die Tour morgen ohnehin vorbei ist, hat er für den letzten Tag die Zähne zusammengebissen. Morgen geht es zurück ins Tal.

Der Abstieg vom Joch ist langwiedrig und aufgrund der zunehmenden Schmerzen im Knie wirklich unangenehm. Auch der Liebste leidet zunehmend unter Knieschmerzen, so dass wir unsere beiden Begleiter vorschicken und den Weg alleine fortsetzen, ohne das Gefühl zu haben, die anderen beiden aufzuhalten. Die Aussicht beim Abstieg ins Hohe Moos ist großartig, und über unseren Köpfen kreisen zwei Raben, die dort offensichtlich irgendwo ihr Nest haben. Laut krächzend fliegen sie mehrfach so dicht über uns hinweg, dass ich fürchte, sie wollten ihr Revier verteidigen. Doch es bleibt bei einigen wirklich spektakulären Überflügen.

Aussicht ins Hohe Moss - links der Abstieg ins Stubaital

Aussicht ins Hohe Moos – links der Abstieg ins Stubaital

Endspurt zur Hütte

Endspurt zur Hütte

Wir sind an diesem Abend wirklich froh, endlich auf der Hütte angekommen zu sein. Unsere beiden Begleiter haben sich mit einem weiteren Gipfelstürmer noch auf den Weg gemacht, die nahe liegende Kreuzspitze zu erklimmen. Wir entspannen ein wenig am kleinen See, der hinter der Hütte liegt, und genießen die Sonne und einen leckeren Germknödel auf der Terrasse. Die Neue Regensburger Hütte ist übrigens aufgrund ihres Hundes sehr berühmt. Grinch ist als junger Hund in einem Schneefeld fast blind geworden und darf deswegen nur noch mit Sonnebrille aus der Hütte. Und egal, wie viel im Vorraum los ist: Brav wartet er stets, bis Herrchen ihm die Brille aufsetzt, ehe er nach draußen geht.

Grinch: Der Hund mit der Sonnenbrille hat sogar eine eigene Facebookseite

Grinch: Der Hund mit der Sonnenbrille hat sogar eine eigene Facebookseite

An diesem Abend sind wir sehr erschöpft – unsere beiden Begleiter kommen erst in der sprichwörtlichen allerletzten Minute zum Abendessen von ihrem Gipfelausflug zurück – und sind froh, dass das Matratzenlager, das wir hier nur noch buchen konnten, nicht komplett belegt ist, so dass wir zu viert in einem Raum für sechs Personen schlafen. Der Liebste und ich haben uns im Vorfeld darauf geeinigt, dass wir, sollten unsere Knie so lädiert bleiben, nicht die folgende Tagestour mitgehen. Dies ist die längste Tour der gesamten Strecke, die auch noch die größe Höhenmeterdistanz umfasst. Wir werden ins Tal absteigen und unten im Stubaital per Bus zur Talstation des Stubauer Geltschers fahren. Von dort können wir per Seilbahn zur Dresdner Hütte rauffahren, die mitten im Skigebiet liegt. Dass wir diese Alternative haben, beruhigt uns, denn ans vorzeitige Abbrechen möchten wir nicht denken.

  • Fortsetzung folgt

Alle Bilder in diesem und den weiteren Beiträgen über den Stubaier Höhenweg sind entweder von mir oder meinen Begleitern geschossen. Die Bildrechte liegen bei den Fotografen und jegliche Verwendung durch Dritte ohne Absprache ist untersagt.

 
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Verfasst von - 25. Oktober 2015 in Abnehmen & Fitness, Urlaub, Wandern

 

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Späte Quittung

Hallo, da draußen, noch jemand da? So lange war es wieder still bei mir. Eigentlich wollte ich hier schon einige Bilder mehr vom Urlaub posten, die Wanderung geistig wiederholen und hier aufleben lassen… allein: Weder Zeit noch meine Stimmung sind dazu im Augenblick passend.

Nachdem ich seit über einem Monat wieder zuhause bin, war ich gestern endlich zur Diagnose bei der Orthopädin – wie das ist, nach Ersttermin, Überweisung zum MRT und Folgetermin, da ziehen schnell Wochen ins Land, die man hinkend verbringt. Ein Fahrradsturz zwischendurch machte zeitweilig das Knie zur Nebensache, weil ich mir eine derartig fiese Zerrung im Oberschenkel geholt habe, das ich dann auch nur noch langsam gehen konnte. Mein Fahrrad, nebenbei, war Schrott.

Naja, jedenfalls ist mein Knie nicht richtig kaputt, nur überall ein bisschen. Vor allem ist eine Sehne und der Schleimbeutel unter der Kniescheibe entzündet. Heilungsunterstützend soll ich Stoßwellentherapie bekommen.

Dann, ein etwas zögerlicher Blick der Ärztin, die etwa mein Alter sein dürfte: Sie haben eine beginnende Arthrose.

Mit 33.

Uff.

Abnutzung durch Überbelastung vom Sport? Von einem einzigen Wanderurlaub? Unwahrscheinlich.

Nein, wahrscheinlicher: Jahrelanges Übergewicht.

Die Ärztin schaut mich überrascht an, als ich das sage. Da ich das erste Mal in ihrer Praxis bin, kennt sie meine Vorgeschichte nicht. Seit rund 16 Jahren übergewichtig, davon sicherlich 10 Jahre irgendwo im BMI-Bereich zwischen 30 und 35.

Tja.

Sie meint „die Ursachen dafür sind nicht ganz eindeutig geklärt, das kann unterschiedliche Gründe haben“, und ich denke mir: „Wenn ich es schon selbst sage, warum versuchst du es noch zu relativieren? Welche andere Erklärung wäre denn naheliegender, wenn man wenig Sport macht, keine familiäre Vorgeschichte hat?“

Eine späte Quittung. Immerhin, ich stehe kurz vorm Normalgewicht, und inzwischen macht mir Bewegung Freude. Sie sagt mir, dass man in diesem frühen Stadium sehr gut mit Sport gegensteuern kann, mit wandern, joggen, Fahrrad fahren. Das motiviert mich. Und ich bin froh, denn ich kenne mich und meinen nicht vorhandenen Ehrgeiz: Hätte ich diese Diagnose bekommen, als ich noch 100kg gewogen habe, hätte ich versucht, die Gründe woanders zu suchen. Und es hätte mich nicht dazu gebracht, mehr Sport zu machen, im Gegenteil, es hätte eine Abwehrreaktion ausgelöst. Eher hätte ich die Diagnose und die Therapieansätze in Frage gestellt – und überhaupt, das ist doch wieder dieser Fokus auf dem Gewicht, das ist doch Mist und reine Dicken-Diskriminierung! – als dass ich angefangen hätte, Sport zu machen. Nur um nicht wahrhaben zu wollen, dass ich es verbockt habe. Natürlich wusste ich, dass Übergewicht schlecht ist und ich nicht so fit bin, wie ich es gerne wäre. Natürlich hingen immer gewisse Krankheiten damoklesschwertgleich drohend über mir: Diabetes. Bluthochdruck. Aber solange ich sie nicht hatte, konnte ich sie ignorieren.

Ich bin viel auf dem Fettlogik-Blog von Nadja unterwegs, und da geht es oft um die Fatacceptance-Bewegung und die fassungslose Frage, warum Menschen ignorieren, dass sie ihrem Körper schaden. Auch ich verstehe es nicht. Aber gestern, da ist mein altes (dickes) Ich plötzlich hervorgesprungen und hat geschrien: „Lass mich in Ruhe mit unbequemen Wahrheiten! Dicksein ist nicht schädlich, das ist alles gesellschaftlicher Normierungsdruck!“

Ich hab ihm kurz zugehört. Dann habe ich meine erste Sitzung Stoßwellentherapie überstanden und bin mit der Bahn heimgefahren.

Heute Abend kaufe ich mir ein neues Fahrrad.

 
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Verfasst von - 9. Oktober 2015 in Abnehmen & Fitness, persönliches

 

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Stubaier Höhenweg – Teil 1

So, nachdem mich der Alltag wieder hat, komme ich doch endlich mal dazu, etwas ausführlicher über unseren Urlaub zu reflektieren. Die Bilderflut ist sortiert, die Bilder, die ich hier hochladen möchte, sind ausgewählt – und ich hoffe, ich überfordere mein Medienarchiv nicht. 😉

Wir sind den Stubaier Höhenweg von der Nordseite des Stubaitals zur Südseite gewandert, das ist auch die Richtung, die als die übliche angesehen wird. Zwingend notwendig ist die Richtung natürlich nicht, und die Routenlängen sind auch von beiden Seiten her in etwa identisch.

Eine Sache, die wir als „Wanderneulinge“ auch erst mal realisieren mussten, war, dass der Höhenweg nicht einfach um das Stubaital herum führt, sondern durch die Stubaier Alpen, also auch durch Höhenzüge und an Tälern vorbei, die nicht direkt an das Stubaital angrenzen. Blickt man vom Tal die Berghänge hinauf, erkennt man von dem Weg, den wir gegangen sind, eigentlich gar nichts. Er ist zu weit oben, zu weit in den Bergen drinnen, er führt über Hochebenen und über Bergkämme, durch Landschaften, die man vom Talgrund aus überhaupt nicht erahnen kann. Wir wussten im Vorfeld, dass der Höhenweg verdammt weit oben verläuft, denn ein Aufstieg vom Boden zu einer Alm (was man ja bei normalem Familienurlaub in den Alpen als „großen Aufstieg“ bewertet) ist gerade mal der halbe Weg bis zu einer der Alpenvereinshütten, die auf dem Weg liegen. Aber was das wirklich heißt, wenn man da ist… das muss man erleben. Das muss man einmal selbst gesehen haben, ehe man es begreift.

Tag 1 – Anreise

Wir kommen am ersten Tag gegen Mittag im Stubaital an. In Fulpmes, nah am Eingang ins Tal, stellen wir das Auto an der Kreuzjochbahn ab, die im Winter Skifahrer von 900m auf 2135m transportiert. Wir könnten natürlich auch zu Fuß aufsteigen. Aber angesichts von sieben langen Tagestouren, die vor uns liegen, wollen wir unsere Kräfte sparen und nicht gleich voll einsteigen. Von der Bergstation aus haben wir einen wunderbaren Blick auf den Kalkkögel, einen benachbarten Gebirgszug. Auch unsere Route führt uns hier noch über Kalkstein.

Blick auf den Kalkkögel

Blick auf den Kalkkögel

Das Wetter ist schön, aber sehr windig. Trotzdem sind wir vier voll motivert und machen als erstes mal einen kleinen Abstecher auf das Sennjoch, den ersten Gipfel in der Gegend. Der Aufstieg ist nicht wirklich lang, aber es macht Spaß, unterm Gipfelkreuz zu stehen, auch wenn es nur auf 2190m ist. Für mich wird es der einzige Gipfel bleiben, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch davon träume, den „Habicht“ oder den „Wilden Freiger“ zu meistern. Der Blick von hier oben zeigt uns das Pinnistal; von dort wollen wir am neunten Tag wieder absteigen.

Blick vom Sennjoch ins Stubaital (im Hintergrund das Pinnistal)

Blick vom Sennjoch ins Stubaital (im Hintergrund das Pinnistal)

Der erste Abschnitt der Wanderung ist kurz und nicht schwer, was sich als sehr gut entpuppt, denn der Wind ist schneidend kalt und treibt uns Kalksand in die Gesichter. Außerdem stellen zumindest der Liebste und ich sehr schnell fest, dass dünnere Luft tatsächlich direkten Einfluss auf die Leistungsfähigkeit hat. Wir sind nicht wirklich angestrengt, schnaufen jedoch wie bei der allerersten Übungstour.

Die ersten

Die ersten „Bergbewohner“, die wir treffen

Ausblick ins Oberbergtal (rechts) und Stubaital (links)

erster Blick Richtung Stubaier Gletscher

Die Gegend hier ist sehr trocken. So weit von den wasserspendenden Gletschern entfernt mangelt es am Ende eines sehr trockenen Sommers an Wasser. Die Wiesen sind mager.

Übergang zur Starkenburger Hütte

Übergang zur Starkenburger Hütte

Nach etwa 2,5 Stunden kommen wir endlich um die letzte Biegung und sehen die Starkenburger Hütte vor uns. Und bereits heute machen wir die wohl typischste Erfahrung aller Bergwanderer: Die Hütte scheint zum Greifen nahe, doch bis man dort ist, vergeht noch einiges an Zeit, manchmal eine halbe Stunde, doch mitunter auch eine oder zwei.

Wir sind nach einer halben Stunde am Ziel und beziehen unser erstes Nachtlager auf einer Hütte. Und erfahren gleich, was Wassermangel in den Bergen bedeutet: Die Duschen sind gesperrt, die WCs im Haus auch. Statt dessen stehen Dixies vor der Nebenhütte. Doch wir haben mit solchen Eventualitäten gerechnet, und als Liverollenspieler weiß man, dass man einen Abend ohne Dusche auch überleben kann. Der Betrieb auf einer DAV-Hütte ist für den Liebsten und mich ungewohnt, und wir sind froh über unsere beiden Begleiter, die das alles kennen und uns einiges zum Ablauf erklären. Essen gibt es um 18h, was mir anfangs sehr früh erschien, doch nach einer leckeren Mahlzeit merke ich die Bettschwere. Wir genießen noch den Ausblick, ehe wir um kurz nach 20h todmüde ins Bett fallen. Der nächste Tag wird lang: Sieben Stunden sind angegeben, für eine Strecke von 15km und knapp 450 Höhenmetern.

Willkommener Anblick: Die Starkenburger Hütte.

Willkommener Anblick: Die Starkenburger Hütte.

Die Stubaier Gletscher liegen noch in weiter Ferne. In drei Tagen wollen wir dort sein.

Die Stubaier Gletscher liegen noch in weiter Ferne. In drei Tagen wollen wir dort sein.

Die Route für den nächsten Tag: An der rechten Flanke des Oberbergtals entlang zur Franz-Senn-Hütte.

Die Route für den nächsten Tag: An der rechten Flanke des Oberbergtals entlang zur Franz-Senn-Hütte.

Tag 2 – Tagestour1: Von der Starkenburger Hütte zur Franz-Senn Hütte

Als morgens um sechs der Wecker klingelt, höre ich ein eigenartiges Geräusch. Ein Blick in den heller werdenden Morgen offenbart mir: Es regnet. Ein Segen für Natur und Hüttenwirt. Für uns eher lästig.

Beim Frühstück erzählt uns unser Begleiter, dass er bereits mit dem Hüttenwirt gesprochen hat. Der Regen soll bis mittags nachlassen. Da die Strecke, die wir vor uns haben, zwar lang ist, aber nicht mit schwierigen Auf- oder Abstiegen verknüpft ist, machen wir uns, mit Regenkleidung geschützt, gegen acht auf den Weg. Der Feuchtigkeit ist auch die geringe Menge an Fotos geschuldet.

Regen und Wolken an Tag 2

Regen und Wolken an Tag 2

Der Weg führt durch zahlreiche Geröllflächen; in einer davon entdecken wir ein wachehaltendes Murmeltier. Leider hat keiner von uns die Kamera schnell genug griffbereit, und so verschwindet das Tier, ohne dass wir es bannen konnten.

Der Regen setzt meiner Laune massiv zu, zumal ich gegen elf Uhr feststellen muss, dass meine Schuhe wirklich nicht mehr wasserdicht sind. Mit nassen Socken macht Wandern keinen großen Spaß. Zum Glück kommen wir gegen eins auf der Seducker Hochalm an, einer kleinen bewirtschafteten Hütte. In dieser drängeln sich alle Wanderer, die am Morgen ebenfalls auf unserer Route aufgebrochen sind. Es ist eng, warm und sehr feucht in der Hütte, doch der Almwirt behält die Gelassenheit und versorgt alle mit Getränken und Essen. Alleine dies, die Wärme und das Gefühl, dem Regen entkommen zu sein, hebt meine Stimmung wieder erheblich.

Als wir uns dann gestärkt und etwas getrocknet wieder auf den Weg machen, hat auch der Regen aufgehört. Die dichten Wolken, die uns jede Aussicht verwehren, begleiten uns aber bis zu dem Zeitpunkt, an dem uns der Weg ein paar hundert Meter talabwärts führt. Dort lassen wir sie plötzlich hinter uns und können das Oberbergtal und auch die Franz-Senn-Hütte vor uns sehen.

aufreißende Wolken

aufreißende Wolken

letzter Abschnitt

letzter Abschnitt

Gletscher verkünden ihre Nähe durch größeren Wasserreichtum

Gletscher verkünden ihre Nähe durch größeren Wasserreichtum

Der Tagesabschnitt ist der kilometermäßig längste, aber auch einer der leichtesten der Tour. Trotzdem müssen wir auch hier bereits an so mancher Stelle steile Auf- und Abstiege meistern, und manches Mal bin ich als Berganfänger froh, dass die Wolken uns den Blick ins Tal verwehren, denn einige Wege sind verdammt schmal und sehr nah am Hang. Ein falscher Schritt, und man rutscht 200m Richtung Tal, ohne sich irgendwo festhalten zu können. Zum Glück kann ich das an diesem Tag nur ahnen; wirklich sehen werde ich sowas erst, wenn mein Selbstvertrauen sich meiner Trittsicherheit angepasst hat.

Zwischen vier und fünf Uhr erreichen wir endlich die Hütte. Sie ist deutlich größer als die letzte, aber auch weniger persönlich. Immerhin gibt es hier kostenfreie warme Duschen, und die Zimmer sind groß genug, um unsere Kleidung zum Trocknen aufzuhängen.

Bereits an diesem zweiten Abend bin ich froh, dass wir uns bei der Reservierung für Zimmer und nicht für das (günstigere) Matratzenlager entschieden haben. Auf der Neuen Regensburger Hütte morgen haben wir nur einen Platz im Matratzenlager bekommen, und ich bin vorsichtig skeptisch. Doch heute haben wir nochmal unsere Ruhe. Ich brauche die auch. Seit mittags schmerzt mein linkes Knie, und unser Begleiter hat mir bereits nachmittags eine Stützmanschette gegeben. Also kommt heute kräftig Diclofenac auf das Knie, damit es morgen weitergehen kann.

Zimmer der Franz-Senn-Hütte

Zimmer der Franz-Senn-Hütte

Fortsetzung folgt.

Alle Bilder in diesem und den weiteren Beiträgen über den Stubaier Höhenweg sind entweder von mir oder meinen Begleitern geschossen. Die Bildrechte liegen bei den Fotografen und jegliche Verwendung durch Dritte ohne Absprache ist untersagt.

 
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Verfasst von - 18. September 2015 in Abnehmen & Fitness, Urlaub, Wandern

 

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Wieder zurück

Tag 1 (1)

Kalkkögel

Tag 1 (6)

Blick ins Seitental

Tag 1 (7)

Starkenburger Hütte – erste Übernachtung

So, ich melde mich zurück. Wir sind vom Abenteuer Stubaier Höhenweg zurück. Eigentlich schon seit Montag, aber ich habe es einfach nicht geschafft, mich eher an den Rechner zu setzen und mit der Bilderflut auseinander zu setzen… *seufz* Also haben der Liebste und ich die letzten Tage ausgiebig mit Rumgammeln und True Blood-Gucken verbracht.

Als erstes Fazit schicke ich hier schon mal voraus: Es war wunder-, wunderschön. Von ersten Wandertag abgesehen hatten wir absolut unverschämt gutes Wetter und sind entsprechend braungebrannt und knackig zurückgekommen.

Wie war usere erste alpine Wandertour?

In einem Wort: Großartig.

In mehreren: Unfassbar schön, gigantisch, anstrengend, beeindruckend, schmerzhaft.

Warum schmerzhaft? Nun ja: Der Liebste und ich haben uns seit Anfang des Jahres auf den Urlaub vorbereitet, sind kleine und mittlere Berge rauf und runter, durchs Felsenmeer geklettert (mehrfach), in Hochseilgärten gewesen, sind den Spessartbogen gewandert. Wir waren fit. Ausdauer: check, Muskeln: check. Was wir nicht bedacht haben:

Die Knie.

Die Bänder und Sehnen in den Knien haben uns ziemlich den Garaus gemacht. Ich konnte ab dem zweiten Tag überhaupt nicht mehr schmerzfrei gehen, vor allem nicht bergab. Das führte dazu, dass der Liebste und ich die längste und anstrengendste Etappe der Tour ausgelassen haben. Danach haben wir noch zwei weitere, kurze gemacht, waren einen Tag auf einem Tagesausflug und sind letztlich einen Tag früher abgestiegen. Leider. Aber es ging einfach nicht mehr.

Nichtsdestotrotz: Vier von sieben Tagesetappen haben wir geschafft, zwei Hütten haben wir nicht mehr besucht. Auf einem 3000er-Gipfel waren wir leider auch nicht, dafür aber unsere beiden Begleiter.

Ich werde hier nach und nach die Tagesetappen zusammentragen und auch mehr Bilder posten. Nur derzeit arbeitet WordPress sich beim Raufladen echt einen ab. 😉

Programm für den Winter: Mehr Klettern, vor allem runtersteigen üben, und im kommenden Jahr werden wir nochmal ein langes Wochenende investieren, die fehlenden Tagesetappen nachwandern und vor allem den Wilden Freiger als 3400m-Gipfel bestürmen. Was wäre man ohne neue Ziele? 🙂

Alle Bilder in diesem und den folgenden Beiträgen über den Stubaier Höhenweg sind entweder von mir oder meinen Begleitern geschossen. Die Bildrechte liegen bei den Fotografen und jegliche Verwendung durch Dritte ohne Absprache ist untersagt.

 
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Verfasst von - 5. September 2015 in Abnehmen & Fitness, Urlaub, Wandern

 

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Morgen geht es los

Morgen geht es los

Die Rucksäcke sind gepackt, alles ist vorbereitet.

Morgen geht es auf ins Stubaital. Sechs Stunden Fahrt, dann Auffahrt mit der Kreuzjochbahn auf 2100m, dann die ersten zwei Stunden los zur ersten Hütte.

Der Liebste und ich sind furchtbar aufgeregt. Haben wir an alles gedacht? Sind wir wirklich fit genug? Schaffen wir die Tour in unserem Zetplan oder haben wir uns übernommen?

Seit Februar haben wir uns auf die Tour vorbereitet. Diese neun Tage sind der Schlusspunkt, auf den wir hin gerbeitet haben. Danach müssen wir uns neue Ziele suchen. 😉

Das Wetter soll wunderbar werden. Wir haben uns aus Gewichtsgründen gegen eine Kamera entschieden, sondern werden die Handys nutzen. Wie gut das klappen wird, hängt auch davon ab, ob wir zwischendrin die Geräte nachladen können. Nicht jede DAV-Hütte hat Strom, und nicht jede hat genug Steckdosen für alle Wanderer. Dennoch werde ich versuchen, ein paar Eindrücke festzuhalten und hinterher zu posten.

Ich wünsche Euch ein paar schöne Tage.

 
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Verfasst von - 23. August 2015 in Abnehmen & Fitness, Urlaub, Wandern

 

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In den Fängen der Nacht

Es war irritierend. Überaus irritierend.

Er konnte sich rühmen, so einiges erlebt zu haben, das anderen Leuten nicht nur schräg oder spleenig vorgekommen wäre, sondern ihnen gehörige Angst gemacht hätte. Aber wer waren schon „andere Leute“? Niemand, mit dem er Umgang pflegen würde. Seine Welt war anders als die anderer Leute, dunkler, mystischer, geheimnisvoller.

Schräger.

Aber das hier?

Er stand in einem dunklen, nassen Raum, mit dem Gesicht zur Wand. Seine Hände steckten in Handschellen, die an einem eisernen Ring etwas oberhalb seines Kopfes befestigt waren. Im Augenblick war er alleine, denn die drei Personen, die ihn von der U-Bahn-Station mitgenommen hatten, waren hinausgegangen, nachdem sie ihn angekettet hatten. Er wusste nicht, was ihn erwartete. Aber das war ihm nicht neu. Es war anders als die vorigen Male, aber er spürte die prickelnde Ungewissheit. Eine der drei Personen war eine schlanke, große Frau gewesen. Er hatte sie nur flüchtig gesehen, aber etwas an ihr hatte ihm einen wohligen Schauer über den Rücken gejagt. Die Situation mochte befremdlich sein. Doch sie war auch erregend.

Mit einem metallenen Schnarren öffnete sich die Tür, und seine drei Entführer traten wieder ein.  An der Decke über der Tür hing eine einzelne Neonröhre, und in ihrem Licht konnte er die Gestalten deutlich erkennen.

Es waren zwei Männer, einer davon war ein recht gut aussehender Mann, dessen Kleidung gleichzeitig so nichtssagend war, dass er sich sicher war, ihn auf der Straße niemals wieder zu erkennen, sollte er ihm nochmal begegnen.  Der zweite war eine eigenartige Gestalt mit tief ins Gesicht gezogenem Hut und Trenchcoat. Er stand eigenartig neben der Tür, irgendwie linkisch, mit verdrehten Beinen und hängenden Schultern. Er sah aus wie die Karikatur eines englischen Detektives aus einer der Schwarz-Weiß-Serien aus den 60er Jahren. Die dritte Person war die Frau, die ihm schon in der U-Bahn aufgefallen war. Sie war eine bemerkenswerte Erscheinung, groß und schlank, in sportlicher Kleidung, das lange schwarze Haar in einem dicken Pferdeschwanz am Hinterkopf zurückgebunden. Ihr dunkler Teint und die markante Linie ihres Kinns ließen vor seinem inneren Auge sofort Bilder aufsteigen, Phantasien von Schleiertänzen und geheimnisvollen Haremsdamen. Er grinste innerlich. Solche Frauen waren stolz, sie wollten erobert werden, doch danach ergaben sie sich voller Sinnlichkeit und Hingabe. Und er war gut im Erobern.

Die drei standen vor ihm und musterten ihn. Keiner von ihnen machte Anstalten, das Schweigen zu brechen, und das machte ihn nervös. Er war es gewohnt, dass in solchen Situationen die Formalitäten in knappen, codierten Sätzen abgeklärt wurden. Und obwohl er eigentlich nicht in der Position dafür war, entschied er sich, das Schweigen zu brechen. Er lächelte zu der Frau herüber und sprach sie direkt an:

„Eine überraschende Einlage war das. Normalerweise bin ich ja nicht so der Freund von Entführungen, aber bei solchen kristallschwarzen Schönheiten mache ich da gerne eine Ausnahme.“ Das Adjektiv betonte er leicht. Sie antwortete nicht, zeigte nicht einmal den Hauch einer Reaktion.

„Du bist Felix Raunstein“, sagte nun der unauffällige Mann. Er drehte den Kopf und sah ihn an.

„Kann schon sein. Was wäre, wenn?“ Der Mann machte eine ungeduldige Bewegung, und ihm fiel wieder ein, dass er derjenige war, der vorhin die fingierte Fahrkartenkontrolle  durchgeführt hatte. Natürlich wusste er, wer  er war. Der Mann drehte sich zu den beiden anderen um.

„Wir sollten seine Wohnung durchsuchen“, sagte er, „und zwar jetzt, ehe uns jemand zuvor kommt.“

Das war unerwartet. Felix blinzelte überrascht.

„Ihr wollt was?“ Er erhielt keine Antwort. Die beiden anderen hatten dem dritten Mann nur durch Nicken ihre Zustimmung mitgeteilt. Der schickte sich nun an, auf ihn zuzugehen. Ganz offensichtlich hatte er die Absicht, ihm seine Schlüssel abzunehmen. Felix packte den eisernen Ring oberhalb seines Kopfes und zog sich mit einem Ruck an der Mauer hoch; dabei trat er nach dem Mann.

„Hey Leute, was läuft hier?“, rief er, während der Mann seinen Tritten auswich. Was auch immer diese drei vorhatten, langsam wurde ihm mulmig. „Wenn das ein Scherz sein soll, wäre langsam ein guter Moment, damit aufzuhören.“ Schweigen. Der unauffällige Mann war wieder einige Schritte zurückgetreten und sprach mit den anderen, war jedoch so leise, dass er nicht hören konnte, was sie sagten.

„Hey! Hallo? Was soll das denn?“

Vielleicht war das ganze doch regelkonform. Sie hatten ihn nicht angerührt. Vielleicht ließ er sich nur verrückt machen.

Die dunkle Schönheit blickte zu ihm herüber. Vielleicht täuschte er sich, doch er meinte, einen leisen Spott aus ihrem Blick zu lesen. War er zu passiv? Ließ er zu viel mit sich machen?

Die drei lösten sich aus ihrem Gespräch. Die Frau blieb stehen, während die beiden Männer auf ihn zukamen. Der unauffällige nickte dem anderen zu. „Halt ihn fest, während ich ihn durchsuche.“

Das reichte. Felix richtete sich kerzengrade auf und sah dem verwachsenen Mann, der auf ihn zu schlurfte, direkt in die Augen. Er wusste, welche Ausstrahlung er auf gewöhnliche Leute hatte, wenn er es darauf anlegte.

„Es reicht. Mach mich los!“, sagte er nachdrücklich. Der Mann zögerte. Sein Schritt wurde langsamer, der Blick eigenartig starr. Seine Hand fuhr in die Tasche, in der er den Schlüssel für die Handschellen verwahrte.

„Pass auf!“ Die Frau war neben den Mann gesprungen und versetzte ihm einen Stoß, der den Blickkontakt unterbrach. Der blinzelte verwirrt. Felix seufzte auf. Er wusste, der Bann war gebrochen. Verärgert sah er hinüber zu der Frau, die jetzt dicht vor ihm stand. Sie stand so nahe, dass ihm ihr Parfum in die Nase stieg, ein dichter, schwerer Duft nach Amber und Jasmin. Sie blickte nicht ihn an, sondern auf ihren Kumpan, der sich schüttelte wie ein nasser Hund. Ohne sich umzudrehen, packte sie ihn und den anderen Mann bei den Schultern und schob sie aus der Tür. Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss.

Er war wieder allein. Allein in einem neonlichterleuchteten Kellergewölbe, das feucht und muffig roch, mit den Händen an die Wand gekettet. Trotzdem war es in erster Linie Irritation, die er fühlte, keine Angst. Eine leichte Besorgnis, die konnte er sich eingestehen. Er musste zugeben, dass das Verhalten der drei eigenartig war. Es war nicht das erste Mal, dass er an einer Entführung beteiligt war, auch wenn er sonst der aktive Part war. Im Grunde genommen war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand den Spieß umdrehte. Aber was ihn auch verwirrte, war das Fehlen sämtlichen Zubehörs. Es gab nur diesen Eisenring an der Wand, sonst nichts. Keinen Tisch, keinen Stuhl, keine weiteren Haltevorrichtungen. Keine Accessoires. Keine Deko. Keine Kamera.

Die Tür ging wieder auf, und die drei kamen zurück. Sie schienen sich draußen abgesprochen zu haben, denn ohne Zögern kam der verwachsene Mann auf ihn zu. Er hielt den Blick zu Boden gesenkt. Er kam so schnell auf Felix zu, dass er kaum Zeit hatte, in seine Abwehrhaltung zu flüchten. Doch der Mann fing seine Beine ab, drückte sie beiseite, streckte seine Hände nach ihm aus, und ehe er wusste, wie ihm geschah, legte sich eine Hand auf seine Augen und zog seinen Kopf nach hinten. Er fühlte, wie seine Handgelenkte gepackt und so fest zusammengedrückt wurden, dass er glauben konnte, sie seien in einen Schraubstock eingespannt.

„Spinnst du?! Hey!“ Er versuchte, sich der Hand über seinen Augen zu entwinden, da spürte er plötzlich weitere Hände, die sich über seine Hose in Richtung seiner Taschen tasteten. Er versuchte, sich zu entwinden, doch der Schraubstock an seinen Händen ließ nicht nach. Gleichzeitig drang ihm ein fürchterlicher Geruch in die Nase. Er war süßlich-modrig, und es war fast wie eine stehende Wolke, in die sein Kopf hineingezogen wurde. Ihm wurde klar, dass der verwachsene Mann diesen Geruch ausdünstete. Ihm wurde übel. Das war nicht mehr aufregend. Es war auch nicht mehr schräg. Das war ekelhaft.

„Lass mich los, du ekelhafter Bastard!“ rief er. Er wand sich, er trat um sich, er schrie laut auf die nun unsichtbaren Hände ein, die ihn anfassten.

„Halt ihn doch ruhig, Mann!“, hörte er eine verärgerte Stimme. Sofort rutschte die Hand, die seine Augen verdeckte, tiefer, drückte ihm nun auch noch auf Nase und Mund. Es musste eine riesige Hand sein, und sie war behandschuht.  Sie bedeckte sein Gesicht so vollständig, dass er es mit der Angst zu tun bekam, er würde ersticken. Er schüttelte heftig den Kopf, versuchte gleichzeitig, seine Hände aus der Umklammerung zu reißen, in der sie gehalten wurden, er zappelte und wand sich. Er spürte, wie der Druck der Hände immer stärker wurde, und wehrte sich noch mehr.

Und dann geschah es.

Es war ein Druck von den ledergeschützten Fingern, der von der Seite kam, der wahrscheinlich gar nicht so heftig gedacht war, und der einer seiner Bewegungen zuwiderlief. Wie ein Brecheisen bohrten sich die Finger zwischen seine Zähne, und mit einem plötzlichen, widerlichen Knirschen hebelten sie sein Kiefergelenk aus.

Ein stechender Schmerz fuhr durch seinen Schädel. Es war, als habe ihm der Mann den Unterkiefer abgerissen. Er heulte auf. Tränen schossen in seine Augen, und gleichzeitig spüre er den alles überschattenden Drang, seinen Mund zu schließen, dieses schmerzende, plötzlich klaffende Loch in seinem Kopf, das ihn hilflos entblößte, wieder zu verdecken. Doch es ging nicht. Seine Muskeln konnten ihm nicht mehr gehorchen, so sehr sie auch an den Gelenken zerrten, an denen sie hingen.

„Verdammte Scheiße, was hast du gemacht?“ Er hörte die Stimmen, die verärgerte Frage, die genuschelte Antwort. Der Wortwechsel ging unter im alles überschattenden Schmerz. Dann plötzlich verschwand die Hand vor seinem Gesicht, und auch seine Handgelenke wurden losgelassen. Dafür spürte er, wie er an den Schultern genommen und gedreht wurde. Da war plötzlich wieder der Geruch von Amber und Jasmin. Er öffnete die Augen.

Die Frau stand dicht vor ihm und betrachtete seinen aufgesperrten Mund. Sie hob die Hände und berührte seine Wangen, prüfte den Druck und achtete aufmerksam darauf, wann er vor Schmerz zusammenzuckte. Die leichte Berührung ihrer Finger durchjagte ihn trotz seiner Schmerzen. Ihm fiel auf, dass ihre Augen fast schwarz waren.

„Sauber ausgerenkt, Ed“, sagte sie, ohne ihre Begutachtung zu unterbrechen. Irgendwo hinter ihm erklang ein Grunzen. Er wartete. Gleich würde sie sich direkt an ihn wenden und etwas sagen wie „du bist sehr tapfer“, oder „das bekommen wir wieder hin“ oder „wir bringen dich zu einem  Arzt“, und dann würde sich das Ganze auflösen, die Umstände würden sich klären und alles wäre gut.  Dieser verfluchte Schmerz würde aufhören und er würde sie anlächeln und mit ihr reden können, statt sie mit aufgerissenem Mund und Tränen in den Augen anzuglotzen.

Stattdessen verzog sie den Mund zu einem spöttischen Lächeln und wandte sich ab.

„Ich möchte mit ihm ja nicht tauschen“, sagte sie, an den zweiten Mann gewandt. Der lachte kurz auf.

„Musst du ja auch glücklicherweise nicht.“ Er sah zu ihm hinüber. „Kriegst du das hin? Reden können sollte er noch.“ Statt einer Antwort dreht sie sich wieder um, nahm sein Gesicht fest in ihre Hände und zog. Ihr unvorhersehbar starker Griff zerrte ihm die verkrampften Muskeln auseinander, und eine Woge von Schmerz brandete über ihn hinweg. Eine Sekunde lang war er sich vollkommen sicher, sie habe ihm den Kiefer jetzt endgültig gebrochen. Dann jedoch schlugen seine Zähne mit einem lauten Krachen aufeinander. Der Schmerz ließ nach, doch gleichzeitig tanzten vor seinen Augen unzählige kleine weiße Punkte, und er merkte, wie er gegen die Wand sackte.  Er wäre gefallen, hätten seine Hände nicht immer noch in den Handschellen gesteckt. Ihm war übel.

„Ich hab ihn“, hörte er eine männliche Stimme neben sich. Metallenes Klirren untermalte die Worte. Sein Schlüssel! Ehe er irgendwie reagieren konnte, hörte er Schritte, die sich rasch entfernten. Die Tür fiel ins Schloss.

 
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Verfasst von - 17. August 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

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