RSS

Halloween, Teil 7 (Ende)

voriger Teil: hier


 

„Tiger?“, erwidert der Polizist. „Hat der Tierpark nicht Tiger?“ Der Notarzt nickt. „Einen oder zwei.“ Abrupt greift der Polizist zum Handy. „Dann sollten wir überprüfen, ob das immer noch so ist.“

„Das gilt auch für den Zirkus Krone!“, ruft ihm der Notarzt noch hinterher. Dann wendet er sich an seinen Kollegen.

„Glauben Sie das wirklich?“ Der seufzt. Dann sieht er auf, denn es ist ein weiterer Wagen angekommen: ein Leichenwagen. Zwei Bestatter steigen aus und holen eine Bahre aus dem Kofferraum. Der Gerichtsmediziner führt seinen Kollegen am Arm zwei Schritte beiseite.

„Keine Ahnung. Das – oder ein tollwütiger Fuchs.“ Er blickt hinter sich. „Ein verdammt großer, tollwütiger Fuchs.“

Als die beiden beiseite gehen, hat Edward Zeit, sich den Toten anzuschauen – es ist selbst für ihn kein schöner Anblick. Der Mann dürfte mittleren Alters gewesen sein, gekleidet in eine altmodische  Jogginghose und -Jacke. Die Ballonseide der Jacke ist so zerrissen, dass einzelne Fetzen davon überall auf dem Boden herumliegen. Der Geruch nach menschlichem Blut umgibt den Leichnam wie eine dichte Wolke. Seine Arme liegen in einem eigenartigen Winkel neben seinem Körper, als wären sie ihm gebrochen worden, als er versuchte, den Angreifer abzuwehren. Der Hals des Opfers sieht am schlimmsten aus: Als wären ganze Stücke herausgebissen – und auf der rechten Seite kann er durch die weggerissenen Muskeln die freiliegende Schlagader sehen, aus deren tiefem Riss allerdings kein Blut sickert.

Als die beiden Bestatter ankommen, zieht er sich zurück. Da es hier nichts mehr zu beobachten gibt, richtet er seine Aufmerksamkeit auf den Sanka, auf dessen Stufen, in eine Decke eingehüllt, eine Frau sitzt. Ihr Gesicht ist vollkommen verquollen, ihre Haare aufgelöst. Auf ihrem Schoß sitzt ein kleiner Hund, den sie streichelt, während ein Polizist mit ihr spricht. Edward nähert sich behutsam dem Fahrzeug bis auf Hörweite.

„Nein, wie schon gesagt“, hört er die zittrige Stimme der Frau, „es ging so schnell … es sprang ihn an, und er schrie so fürchterlich, so fürchterlich … und ich schrie auch, und dann … ich weiß auch nicht, ich dachte, es würde mich angreifen“, sie schluchzt auf, „aber dann … dann …“ Sie zögert und scheint zu versuchen, sich zu erinnern, „es lief weg … wie gejagt.“

„Lief es vor Ihnen weg?“, fragt der Polizist, und er wirkt, als habe er die Frage schon dreimal gestellt, „oder vor etwas anderem?“

„Ich weiß es nicht … in einem Augenblick wandte es sich zu mir um, und dann … dann rannte es weg.“

„Im gleichen Augenblick?“ Sie schüttelt den Kopf.

„Nein, es war auf halbem Weg zu mir. Es … es …“, sie zögert, „es wollte mich töten …“

„Und was hat es dann zur Flucht bewegt?“, hakt der Beamte nach. Die Frau schlägt die Hände vors Gesicht.

„Ich weiß es nicht!“ schluchzt sie, „ich kann mich einfach nicht mehr erinnern!“ Sie beginnt, hemmungslos zu weinen. Der Beamte reicht ihr ein Taschentuch und berührt sie beruhigend an der Schulter.

„Sie waren sehr tapfer. Sie haben mir schon sehr geholfen. Ruhen Sie sich jetzt aus.“ Er winkt einem der Sanitäter, der sich daraufhin der Frau annimmt.

Hinter Edward wird plötzlich Gebell laut. Er dreht sich um. Drei Polizisten mit Schäferhunden nähern sich der Absperrung. Und der Hund, der ihm am nächsten ist, schlägt so abrupt an, dass Edward beschließt, es sei nun ein guter Zeitpunkt, sich zurückzuziehen.

Als er wieder den Bereich der Ringbrücke betritt, bleibt er stehen und ruft nach seinem Vogel. Es ist spät geworden, und er spürt die Nähe des Tages. Da er einen Zugang in den Grundpfeilern der Brücke kennt, macht er sich darum keine Sorgen. Er wird rechtzeitig in die Dunkelheit verschwinden können.

Da hört er plötzlich ein Geräusch, fast unmittelbar hinter ihm. Erschrocken wendet er sich um.  Eine Gestalt ist wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie kann nur aus dem oberen Bereich der Brückenpfeiler heruntergesprungen sein, sonst wäre sie ihm vorher aufgefallen.  Obwohl er nicht aus dem Schatten getreten ist, drückt er sich unwillkürlich an den kalten Beton. Doch die Gestalt nimmt ihn nicht wahr. Sie wendet sich zur Hirschau und beobachtet die Szenerie jenseits der Baumgruppe.

An der Silhouette, die durch eng anliegende Kleidung betont wird, erkennt er, dass es sich um eine Frau handelt. Doch irgendetwas scheint mir ihr nicht zu stimmen. Sie humpelt, als sie sich bewegt, und ihre Jacke sieht aus, als sei der linke Ärmel an der Schulter aufgerissen. Gerade als Edward überlegt, ob er bleiben oder gehen soll, dreht sie sich abrupt um und geht. Sie kommt bis auf wenige Schritte an ihm vorbei, und er kann ein Schaudern nicht unterdrücken: Trotz der dunklen Blutflecken auf der Jacke, die von Bisswunden am Hals stammen, und der durch eine tiefe Wunde aufgerissenen Wange würde er Susanne von Wittelsbach überall erkennen.


 

Hier endet dieser Geschichtenabschnitt vorläufig, denn meine Spielgruppe ist noch nicht nennenswert weiter gekommen. Aber ich freue mich über Spekulationen meiner Leser, das passiert sein könnte und wie es weiter geht. 😉

 
 

Schlagwörter: , , ,

Halloween – Alptraum, Teil 6

Zum vorigen Teil geht es hier


 

Hoch über ihnen fliegt in einem der Bäume kreischend ein Rabe auf. Anoush blickt nach oben und sieht, dass der Himmel merklich heller geworden ist.

„Wir müssen weg hier!“, flüstert sie Christoph zu. Der nickt; gleichzeitig sieht sie an seinem Blick, dass auch er darum kämpft, mit seinem Bewusstsein wieder in die Gegenwart zu gelangen.

Mit ihrer Hilfe gelingt es ihm dieses Mal, die Böschung zu überwinden. Oben angekommen tritt Anoush hinaus auf den Weg und schaut sich suchend um; um diese frühe Uhrzeit ist eigentlich immer mit Fußgängern im Park zu rechnen, den ersten Joggern oder Hundebesitzern. Grade letztere wären im Augenblick eine Katastrophe, denn trotz des Wassers riecht Christoph noch immer fürchterlich nach Blut.

Doch im Augenblick ist alles ruhig. Sie stößt einen leisen Pfiff aus, und Christoph kommt zu ihr auf den Weg. Nach einem weiteren Blick nach hinten – noch immer blitzen die Blaulichter – gehen die beiden raschen, doch äußerlich ruhigen Schrittes zum P1 zurück.

Als der dunkle Wagen in ihr Blickfeld kommt, will Anoush vor Erleichterung am liebsten aufschluchzen. Gleich ist es geschafft.

„Einen schönen guten Morgen, die Herrschaften“, tönt es in diesem Augenblick an ihr Ohr, und fast genau vor ihr erscheinen gleichsam aus dem Nichts zwei uniformierte Gestalten, von denen eine einen Hund an der Leine führt. „Wir haben einen Zwischenfall in der Hirschau, ich muss Sie um Ihre Personalien bitten… Hey! Bruno, aus jetzt!“

In diesem Augenblick sieht Anoush, dass der Schäferhund sich fast stranguliert, während er wie ein Wahnsinniger Christoph verbellt. Knurrend und zähnefletschend versucht er, sich auf den Mann zu stürzen, der sich wie ein dunkler Schatten hinter ihr ausmacht. Und dann geht plötzlich alles blitzschnell.

In dem Augenblick, in dem die Aufmerksamkeit der beiden Polizisten auf ihren Hund gerichtet ist, spürt sie die Bewegung, die ihr Erzeuger hinter ihr macht, spürt sein Knurren mehr, als dass sie es hört, und von einer Sekunden auf die andere weicht der Hund jaulend und wimmernd zurück, springt hoch und ergreift die Flucht. Sein Herrchen ist zu überrascht, um auf den plötzlichen Rückzug des Tieres zu reagieren, und so pest der Hund mit eingezogenem Schwanz in den Englischen Garten davon. Fluchend rennt der Hundeführer hinterher.

Der zweite Polizist wendet sich ebenso überrumpelt wieder den beiden zu, und Anoush ergreift blitzschnell ihre Chance. Sie berührt den Mann an der Schulter, und als er daraufhin aufschaut, bohrt sie ihren Blick in seinen.

„Keine Ursache, wir sind doch gern behilflich“, sagt sie leise und eindringlich, mit einem fast hypnotischen Singsang in der Stimme, „aber jetzt sollten Sie mal lieber Ihrem Kollegen helfen gehen. Der Hund sah nicht gut aus.“

Der Polizist schluckt, nickt und verschwindet nach einem Gruß in die Nacht. Hinter sich hört Anoush ein leises Geräusch. Es könnte ein Lachen sein, aber auch ein Stöhnen.

„Gut gemacht, Kind“, bringt Christoph mühsam hervor.

Plötzlich fällt die gesamte Anspannung von ihr ab, und sie wird wahnsinnig müde.

„Jaja … komm jetzt. ich will endlich nach Hause.“

 

Schlagwörter: , , , ,

Jahresende 2015 – Bilanz

Das alte Jahr hat nur noch wenige Stunden vor sich, dann ist es Geschichte. Zeit, auch hier auf dem Blog zurückzublicken und zu schauen, was passiert ist – innerhalb und außerhalb dessen, was Platz hier findet.

2015 war in vieler Hinsicht ein Jahr des Neuen, aber auch ein Jahr der Konsequenzen. Im Frühjahr hat mich das Buch von Nadja Herrmann – „Fettlogik überwinden“ erreicht und mein Verständnis vom Abnehmen und der ganzen Mythen rund um das Thema „Gewichtsabnahme“ extrem durcheinander geschüttelt. Der Liebste und ich, die wir uns ja im Winter entschieden hatten, den Stubaier Höhenweg zu wandern, nutzen das neue Wissen und machte uns fit für den Sommer – und er – typisch Mann, meine Güte – nahm mal eben 10 kg ab.

Der Stubaier Höhenweg war wundervoll, zeigte mir aber auch gnadenlos, dass Wandern nicht alleine von Fitness und Ausdauer abhängt, sondern auch von gesunden Kniegelenken. Bis heute schlage ich mich damit herum.

Das letzte Viertel des Jahres war von einem weiteren gesundheitlichen Tiefschlag geprägt: Mitte Oktober verspürte ich auf dem Weg zu einer Messe heftigen Schmerz in einer Wade. Eine befreundete Ergotherapeutin, die weiß, dass ich an Varizen leide, schickte mich per Whatsapp dringlich ins Krankenhaus. Und ihre Befürchtung stimmte: Ich hatte eine Thrombose. Zwar nicht in einer tiefen Vene, sondern nur in einer Muskelvene, aber das gute Stück war bereits 8cm lang. Also nehme ich seit Oktober Blutverdünner und muss derzeit durch den ganzen Analyse- und Laborkram, was ziemlich nervt. Sportliche Betätigung ist seitdem ziemlich Fehlanzeige. Im Januar bekomme ich dann die Gentestergebnisse und hab einen Termin bei einer Angiologin, mit der ich dann hoffentlich besprechen kann, wie das weitergeht. Es ist schon bitter ironisch, wenn man sich vornimmt, sportlicher zu leben und dann ein Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine geworfen wird  – vom eigenen Körper..!

Mein Liebster lernt fleißig für seinen Meister. Da seine Firma ziemlich spektakulär insovent gegangen ist, muss er sich außerdem parallel nach einem neuen Job umsehen, den er dann nach dem Meisterkurs angehen kann.

Doch es gibt auch Lichtblicke. Ich habe es endlich geschafft, meinen alten Job zu kündigen und werde im April bei einer Mediaagentur anfangen. Sicher wird das stressiger als das bisherige komfortable Dasein, aber inzwischen bin ich an einem Punkt angelangt, an dem mir klar ist, dass Unterforderung und Langeweile auf der Arbeit schlimmer sind als die eine oder andere Überstunde.

Wie sich die neuen Jobs auf die Larpsaison auswirken werden, können wir noch nicht absehen. Aber manchmal geht das reale Leben einfach vor.

In diesem Sinne – kommt gut ins Jahr 2016!

 

 
6 Kommentare

Verfasst von - 31. Dezember 2015 in Allgemein, persönliches

 

Schlagwörter: ,

Halloween – Alptraum, Teil 5

Schon nachdem er die ersten Meter in den Park gelaufen ist, bemerkt Edward am Himmel über der Hirschau ein blau blinkendes Lichtermeer. Was auch immer der Vogel beobachtet hat, es ist offensichtlich kein Geheimnis mehr. Edward flucht leise. Er fällt in einen unregelmäßigen, humpelnden Trab, denn die Hirschau ist ein paar Kilometer entfernt.
Als er unter der Brücke des Isarrings ankommt, nutzt er die Chance, mit dem Schatten zu verschmelzen. Er pfeift seinen Vogel zu sich.
„Lass mich sehen, was du siehst“, flüstert er leise. Mercutio trippelt erregt hin und her, doch er kennt den Befehl und weiß, was zu tun ist.
Edward wartet geduldig im Schatten der Brücke. Eine Baumgruppe mit dichtem Gebüsch darunter versperrt ihm die Sicht, doch sobald er ein Bild der Lage hat, kann ihm diese noch sehr nützlich sein. Er zählt jedoch im Augenblick drei Streifenfahrzeuge, einen Rettungswagen und ein fünftes Fahrzeug, das halb hinter dem Sanka verborgen und wahrscheinlich ein Notarztfahrzeug ist.
Als der Rabe zurückkehrt, ist dieser immer noch so aufgeregt, dass es schwer ist, aus seinem Gekrächze die relevanten Infos herauszuholen. Doch schließlich weiß Edward, was ihn etwa hinter den Bäumen erwartet. Er schickt Mercutio fort; der Vogel soll die Ausgänge des Englischen Gartens im Auge behalten, vor allem die an der Prinzregentenstraße, da dort um diese Uhrzeit Jogger und Hundebesitzer unterwegs sind.
Behutsam überquert er die Freifläche bis zu den Bäumen, doch seine Vorsicht ist unnötig. Niemand ist auf dieser Seite der Bäume, der ihn sehen könnte – wenn er ihn sehen könnte.
Langsam durchquert er das Gebüsch und sucht sich einen Platz, an dem er gut sehen kann. Der Platz rund um das Geschehen ist großzügig mit rot-weißen Banderolen abgesperrt. Die Polizisten sichern den Tatort und suchen nach Spuren. Edward hat oft genug die Arbeit der Polizei beobachtet, wenn mal wieder ein Mensch seinem Leben mittels einer U- oder S-Bahn ein Ende gesetzt hat. Interessanter ist der Notarzt, der sich gemeinsam mit einem in Zivil gekleideten Mann über etwas ganz in der Nähe des Gebüschs beugt. Als er sich dorthin bewegt, erkennt er, dass das nicht das mysteriöse Tier ist, von dem Mercutio berichtet hat, sondern das Opfer.
Das erste, was er sieht, ist, dass das Gras überall nass und rot ist. Der Radius und auch die Art, wie die beiden Menschen damit umgehen, lassen darauf schließen, dass derjenige nicht mehr am Leben ist. Nach kurzem steht der Notarzt auf. Während er sich die Kleidung richtet, fragt er:
„Was schätzen Sie, Herr Kollege?“ Der richtet sich ebenfalls auf.
„Nun“, antwortet er und nimmt dabei seine Brille ab, „wie schon vorhin gesagt: Ich bin genauso ratlos wie Sie. Wenn ich mir das so ansehe…“ Er zögert, sieht auf die Gestalt herab und hebt dann die Schultern. „Es sieht aus wie der Angriff eines Tieres.“
„Ein Tier?“, erwidert der Notarzt. „Sie denken dabei nicht an einen Fuchs, nehme ich an?“ Der andere, den Edward für einen Gerichtsmediziner hält, schüttelt den Kopf.
„Nein. Ich rede hier noch nicht mal von der Größenordnung eines Wolfes.“ Er zögert. „Ich war direkt nach meinem Studium für Ärzte ohne Grenzen in Sri Lanka. Das hier…“ Ein Polizist in Uniform tritt zu den beiden.
„Die Umgebung wurde abgesucht“, sagt er, „außer der Augenzeugin ist niemand hier. Aber sobald die Kollegen den Park abgeriegelt haben, kommen nochmal drei Hundeführer her. Die sind noch an den Eingängen.“ Edward fällt auf, dass der Mann versucht, den Blick auf den Toten zu meiden. „Und?“
„Die Art der Verletzungen spricht für einen Tierangriff“, widerholt der Gerichtsmediziner, „die Wunden sind lang, meist nebeneinander, aber gerissen, nicht sauber geschnitten. Ein Messer fällt aus. Und ich bezweifle, dass jemand mit einer anderen Waffe so einen Schaden anrichten kann – vor allem in der Kürze der Zeit. Und dann: Schauen Sie sich den Hals an. Das ist ein Bissschema. Außer der Angreifer hat sein Tun dadurch vertuschen wollen, indem er mit zwei abgebrochenen Bierflaschen Stücke aus dem Hals des Opfers gehackt hat.“ Der Polizist tritt unwillkürlich einen Schritt zurück und hebt abwehrend die Hände. „Genug, genug! Laut der Zeugin ging das Ganze auch sehr schnell. Und auch sie spricht von einem Tier… aber sie sagt, es wäre ein sehr großes Tier gewesen.“ Der Notarzt wendet sich wieder an seinen Kollegen:
„Was wollten Sie über Sri Lanka sagen?“ Der Angesprochene zögert unmerklich, ehe er antwortet: „Ich war in einer Gegend im Nationalpark. Wir hatten da einige Angriffe, deren Spuren ähnlich aussahen. Von Tigern.“

 
 

Schlagwörter: , , , ,

Halloween – Alptraum, Teil 4

Wieder hat sie das Gefühl, nicht Herr ihrer Schritte zu sein, als sie sich dem jenseitigen Ufer nähert. Die großen Wurzeln einer Blutbuche sind hier freigespült und liegen wie riesige Adern bloß. Und da, genau vor ihr, zwischen den Wurzeln, da liegt etwas, was da nicht hingehört …

Sie streckt die Hand aus, und da erwacht der Schatten zum Leben. Ihre Hand berührt nassen, klebrigen Stoff, der sich jedoch unter ihren Fingern wegbewegt. Und dann packt plötzlich eine Hand nach ihrer und schließt sich fest um ihre ausgestreckten Finger.

„Christoph!“ Sie zieht ihn hoch, und er fällt ihr in die Arme. Sein Körper ist schwer und schlaff, und sie spürt, wie Nässe durch ihre Kleider dringt. Er drückt sie fest an sich.

„Anoush“, flüstert er, „ich habe so gehofft, dass du es rechtzeitig schaffst…“ Sie spürt, dass er zittert.

„Still“, antwortet sie, und ihre Stimme klingt beruhigend, auch wenn sie das nicht fühlt, „komm, lass uns verschwinden.“

Christoph lehnt sich schwer auf sie, als sie ihn durch das Bachbett führt. Das Ufer ist hier zu steil zum Herausklettern, und sie will zu der Ausstiegsstelle zurück. Immer wieder stolpert Christoph über die Wurzeln, die aus dem Bachbett ragen. Einmal gleitet er aus und reißt sie beide um. Das eisige Wasser umspült sie, und Anoushs Kopf wird wieder klarer.

„Komm schon!“ Sie blickt auf ihre Uhr. Allzu viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr. „Wir müssen hier raus!“

Sie hat keine Ahnung, was geschehen ist, sie weiß nur, dass sie hier weg muss, mit ihrem Erzeuger, der kaum laufen kann, und dessen Kleidung nicht nur vom Wasser durchtränkt und klebrig ist. Eisern bezwingt sie die aufsteigende Angst.

Als sie endlich an der Stelle sind, an der man das Bachbett halbwegs mühelos verlassen kann, stellt sie fest, wie schwach Christoph wirklich ist. Obwohl sie es mehrfach versuchen, kann er sich nicht über die Uferkante des Flüsschens ziehen. Nach drei, vier Versuchen lässt Christoph plötzlich los, und sie rutschen auf dem lehmigen Uferstück zurück ins Wasser.

„Oh, Christoph!“ Nun kann sie den verzweifelten Unterton in ihrer Stimme nicht mehr zurückhalten. „Was ist denn nur passiert!?“

Sie hält ihn wie ein Kind in ihren Armen, und erst jetzt sieht sie bewusst, was sie die ganze Zeit versucht hat, zu ignorieren: Sein Gesicht ist zerkratzt und zugerichtet, als sei er in einen Hundekampf geraten. Die Teile seiner Kleidung, die sie sehen kann, sehen nicht besser aus. Seine Haut ist blass und feucht, nicht nur vom Wasser, sondern auch von Schweiß, dessen Blutgeruch sie wahrnehmen kann. Er öffnet sie Augen, und sie sieht, dass sein Blick trüb ist.

„Scheiß drauf!“, flucht sie. Sie schiebt sich so nah ans Ufer, wie es ihr möglich ist und zieht ihn fest an sich. Natürlich weiß sie, dass es verboten ist, und natürlich weiß sie, dass er ihr eigentlich sagte, dass dies nicht mehr passieren sollte. Trotzdem hebt sie ihr Handgelenk an die Lippen und zerreißt mit ihren Fangzähnen die Haut über ihrer Schlagader. Sofort quillt Blut hervor, und sie drückt die Wunde an die Lippen ihres Sires.

Wie schlecht sein Zustand ist, erkennt sie in dem Moment, als er das Blut auf seinen Lippen spürt, denn er packt ihren Arm und presst das Handgelenk fest an seinen Mund. Sie spürt einen prickelnden Schmerz, als er zubeißt, um mehr, schneller, gieriger zu trinken.

Anoush holt tief Luft und bemüht sich, ihren Atem ruhig gehen zu lassen, doch das ist schwer angesichts der Erregung, die durch ihre Adern tobt. Sie schließt die Augen und erinnert sich an das letzte Mal, als er von ihr trank, und an den Rausch, in dem sie sich beide verloren.

Mit aller Kraft versucht sie, mit ihren Sinnen in der Gegenwart zu bleiben, nicht zu vergessen, dass sie halb im Wasser liegen, dass irgendwo die Polizei umherstreift und dass irgendetwas den Mann, der in ihren Armen liegt, fast umgebracht hätte. Dennoch kann sie nicht verhindern, dass sie aufstöhnt, als er ihr Handgelenk plötzlich freigibt und mit der Zunge zärtlich über die Bissstelle leckt. Sie öffnet die Augen und sieht sein Gesicht so nah vor ihrem, dass sie unwillkürlich die Luft anhält. Nur wenige Male waren sie sich körperlich so nah.

 
3 Kommentare

Verfasst von - 4. Dezember 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

Schlagwörter: , ,

Halloween – Alptraum, Teil 3

Teil 1 und 2 hier


 

Halloween 2006, ca. 5.00h morgens

Edward Clay stapft langsam durch die samtene Dunkelheit. Er genießt die Stille des Parks. Natürlich ist es hier nicht wirklich still, das Wasser des Eisbaches rauscht, das welke Laub der Bäume raschelt im Wind, und die Äste knarren, als wären die braunen Blätter eine übermäßige Last.

Es ist kalt, und der Wind schneidend. Zwar stört ihn die Kälte nicht, aber der Wind lässt seinen Trenchcoat flattern und droht dauernd, ihm den Hut vom Kopf zu reißen. So ist er froh, dass der nächste Eingang in das Königreich nur noch wenige Dutzend Meter entfernt ist.

Plötzlich spürt er einen unerwarteten Druck auf der Schulter, der so plötzlich kommt, dass er einige Schritte nach vorne macht. Ein Rascheln und Flattern umgibt ihn, und etwas Spitzes bohrt sich in sein Schulterblatt.

„Tier!“, kreischt es in seinem linken Ohr, „Tier! Tier!“

Unwillkürlich greift er nach dem Angreifer. Er spürt die vertrauten Federn, die sich leicht klebrig unter seinen Fingern anfühlen.

„Ruhig, Freund, ruhig“, spricht er leise auf den Vogel ein. Unter Mühen gelingt es ihm, ihn auf seinen Arm zu bugsieren. „Mercutio, alles ist gut“, flüstert er. Doch der Vogel scheint außer sich. Nur sehr langsam wird er ruhiger. Und jetzt fällt Edward erst auf, dass der Rabe deutlich schlimmer aussieht als üblich: Auf der rechten Seite ist ein Teil seiner Federn in die falsche Richtung gebürstet, und an seinem Flügel fehlen drei Schwungfedern.

„Was ist passiert?“, fragt er. Der Vogel trippelt auf seinem Unterarm hin und her.

„Tier, Tod!“, krächzt er. Edward streichelt ihn behutsam. „Wo ist ein totes Tier?“

„Tier tötet… Tötet und jagt…“ Ihn beschleicht eine Unruhe.

„Ja und? Das tun Tiere… Du auch?!“ Mercutio schüttelt den befiederten Kopf, und einige kleine Federn sinken zu Boden.

„Tötet Mensch… Tötet jetzt..!“ Er schaut den Vogel alarmiert an.

„Wo?!“

„Hinten… Fluss…“ Der zierliche Kopf wendet sich nach Norden, über das offene Gelände des Kleinhesseloher Sees hinweg, Richtung Hirschau. Edward schaut auf die Uhr. 5.20h. Noch eine Dreiviertelstunde Nacht verbleibt.

„Zeig mir, wo!“

Laut kreischend flattert Mercutio auf und verschwindet in der Dunkelheit.

 

Schlagwörter: , , , , ,

Halloween – Alptraum, Teil 2

Teil 1 hier


Eisbach. P1.

Mehr Informationen hat sie nicht. Der große Wagen rollt durch den frühmorgendlichen Verkehr, der maßgeblich aus Lieferwagen und Handwerkerautos besteht. Es kostet sie ihre ganze Kraft, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Viel lieber wäre sie gelaufen, gerannt, einmal quer durch die Stadt, so schnell sie kann. Aber das war unsinnig. Es war früh am Morgen, und schlimmstenfalls würden sie und Christoph den Schutz der getönten Scheiben brauchen. Oder zumindest ich, schießt es ihr durch den Kopf, doch dann verbannt sie den Gedanken entschlossen in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins. Sie wird ihn rechtzeitig finden. Sie muss einfach. Sie muss!

Noch immer scheint die fremde Hand ihr Herz zu umklammern, das sich jedes Mal noch weiter zusammenzieht, wenn sie an ihren Erzeuger denkt. Doch zumindest der Alp ist von ihrem Rücken gewichen. Er fiel ab, als sie aufsprang, sobald Christoph auf ihre Frage: „WO???“ die zwei Worte geschrieben hatte, die jetzt durch ihr Hirn rasen.

Eisbach. P1.

Der große Wagen rollt auf den Parkplatz für die Mitarbeiter neben dem P1. An den anderen Autos kann sie erkennen, dass Coleen und der Barmanager noch da sind. Doch sie wird sich niemanden zu Hilfe holen. Noch nicht mal ihre eigene Ghulin.

Sie parkt so, dass der Kofferraum des Wagens zum Weg steht, der am Parkplatz vorbei in den Englischen Garten führt. Einen Augenblick lang verharrt sie reglos, erwartet halb, dass Christoph die Heckklappe öffnet. Doch nichts geschieht.

Die Unruhe zerrt an ihr. Sie steigt aus und geht die paar Schritte zu der Stelle, an der der Eisbach aus seinem unterirdischen Bett hervorschießt. Suchend schaut sie sich um, doch es ist vollkommen ruhig. Kein ungewöhnliches Geräusch dringt an ihre geschärften Ohren, keine ungewöhnliche Bewegung ist zu sehen. Langsam dreht sie sich im Kreis.

Hier ist nichts. Niemand.

Und jetzt?

Noch während sich in ihrem Kopf die Frage formiert, ertappt sie sich dabei, wie sie dem Bachlauf folgt, in den Englischen Garten hinein. Ihre Schritte scheinen nicht ihr zu gehorchen. Wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen, folgt sie dem Bach.

Sie ist erst wenige Meter in den Park hineingegangen, als die Stille sie verschluckt. Die Geräusche der Straße ersterben fast abrupt, und sie hört nur das Knirschen der Erde unter ihren Stiefeln, das Rauschen des Baches und einen einzelnen Vogel, der das Nahen des Tages verkündet. Sie wird schneller und hebt den Kopf zum Himmel. Sie muss wissen, wie viel Zeit ihr noch bleibt. Sie spürt ein eigenartiges Prickeln auf der Haut und weiß, viel ist es nicht.

Der Himmel ist dunkel, doch etwas im Nordosten zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich: Blaues Licht bricht sich an den nächtlichen Wolken, erscheint, erlischt, erscheint, erlischt… es ist Blaulicht. Und davon eine ganze Menge. Doch es ist weit weg, wahrscheinlich irgendwo im Nordteil des Parks. Sie ist nervös. Doch andererseits: Hätte es mit Christoph zu tun, hätte er sie nicht an das Südende des Parks gerufen.

Oder?

Plötzlich spürt sie Nässe an ihren Beinen. Erschrocken richtet sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Umgebung und stellt fest, dass sie im Wasser steht! Während ihre Gedanken sich auf das Blaulicht richteten, war sie das Ufer des Baches hinuntergeklettert und steht nun bis zu den Knien im eiskalten, reißenden Wasser. Sie erkennt, dass sie an der Stelle ist, an der ein anderer Bach in den Eisbach mündet. Diese Stelle nutzen Surfer gerne, um aus dem Wasser zu steigen, wenn die Eisbachwelle sie mitgerissen hat. Es gibt hier einen kleinen Seitenarm, um genau dorthin watet Anoush jetzt, ohne zu wissen, was sie dort will.

Das Wasser des Seitenbachs ist ruhiger; viele Bäume stehen dicht am Ufer. Ihre Wurzeln ragen weit in das Bachbett hinein, und ihre Zweige hängen fast bis ins Wasser herab. Behutsam bahnt sich Anoush den Weg.

Und dann lässt ganz unvermittelt der Druck um ihr Herz nach. Er endet so plötzlich, dass sie fast strauchelt. Verwirrt bleibt sie stehen. Und dann …

„Christoph?“ haucht sie.


Hier gibt es mehr von Anoush:

Ein Zimmer-in-dunkler Nacht

Woanders, am anderen Tag

Millenium

Herzblut

Requiem


 
3 Kommentare

Verfasst von - 16. November 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

Schlagwörter: ,

Offene Fragen

Heute werden der Liebste und ich bei meiner Mutter und ihrem Lebensgefährten zum Mittagessen sein.

Der gute Xaver kommt aus Sachsen und ist eigentlich ein ganz guter Kerl, und vor allem tut er meiner Mutter nach dem Tod meines Vaters als ruhiger Gefährte gut. Nur leider haben Xaver und ich ein Problem miteinander, seit er mir als als Lektüre das „Deutschlandprotokoll“ empfohlen hat.

Regelmäßig geraten wir über politische Ansichten aneinander, zumal er mit seinen Infos von Kopp, Pedigaseiten etc. meine Mutter regelmäßig zu Statements bringt, die sie eigentlich gar nicht versteht. Er gehört zu der Klasse Menschen, denen die Welt zu kompliziert geworden ist und die sich in Verschwörungsmythen flüchtet, um das Gefühl zu bekommen, der Unübersichtlichkeit dieser Welt nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern im Gegenteil etwas „durchschaut“ zu haben, was andere Menschen nicht sehen – Weltverschwörung und so. Und wie das meist so ist, gehen hier Angst und Fremdenfeindlichkeit Hand in Hand… denn der Fremde könnte mir ja etwas von dem bisschen wegnehmen, das ich mir hier mühsam durch alle Unsicherheiten gerettet habe.

Jetzt ist da heute ein Essen angesetzt. Und ich frage mich, was ich ihm entgegensetzen kann, wenn er damit anfängt, die Flüchtlinge seien schuld an den Anschlägen von Paris, und die unkontrollierte Zuwanderung sei von Anfang an ein Fehler gewesen, und Merkel wäre eine Volksverräterin etc.

Seit heute weiß man wohl, dass mindestens einer der Attentäter wirklich als Flüchtling über Griechenland eingereist ist. Erst hatte ich gehofft, es wäre nur der Pass, der in Griechenland zur Registrierung genutzt wurde, aber es gibt wohl Fingerabdrücke.

Was sage ich diesem Mann heute?

Ich bin nach wie vor felsenfest überzeugt, dass es unsere humanitäre Pflicht ist, den Flüchtlingen zu helfen (und das unabhängig von unserer Vergangenheit!), und auch das Risko in Kauf nehmen müssen, dass da eben schwarze Schafe dabei sind. Aber ich bin nicht so blind, zu leugnen, dass ein reines „Grenzen auf“ in Deutschland alleine nicht dauerhaft möglich ist – es muss eine sinnvolle zentrale Steuerung geben, und auch die anderen EU-Länder müssen mitziehen – und nicht wie Polen jetzt einfach einen Rückzieher machen. Wir sind Europa, und nicht nur, wenn es darum geht, Subventionen einzusacken, sondern auch bei Problemen, verdammt noch eins!

Nur: Was sage ich Xaver heute, wenn er triumphierend „Das war doch klar“, „Diese Regierung wird sich selbst zerlegen“, und „Wir geben Milliarden aus, um die durchzufüttern, und die sprengen uns in die Luft“ oder ähnliches von sich gibt?

Vielleicht weise ich ihn einfach darauf hin, dass auch er zu den 17 Millionen „Flüchtlingen“ von 1990 gehört, die bis heute von uns per Soli unterstützt werden… was wäre denn gewesen, wenn unsere Politk damals aus Angst vor der Sowjetunion nicht mutig auf Konfronationskurs gegangen wäre?

Das mag zwar auch polemisch sein, und es ist genauso verallgemeinert wie seine Positionen, aber vielleicht bekomme ich ihn damit ja wenigstens zum Schweigen.

 
13 Kommentare

Verfasst von - 15. November 2015 in Gesellschaftliches, Politisches

 

Schlagwörter: , , , ,

Paris

Terror macht sprachlos

Terror macht Angst

Doch niemals, niemals darf er uns vergessen lassen, dass Angriffe auf unsere Freiheit uns stolz, trotzig, mutig werden lassen müssen. Nicht ängstlich, duckmäuserisch und schreiend nach mehr Kontrolle 

 
6 Kommentare

Verfasst von - 14. November 2015 in Allgemein, Gesellschaftliches, persönliches

 

Schlagwörter: , ,

Liebe besorgte Bürgerinnen und Bürger,

Geklaut von der Freidenkerin, die dies auch schon rebloggt hat. ich finde, es sollten noch viele, viele mehr tun!

Quelle: Liebe besorgte Bürgerinnen und Bürger,

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 12. November 2015 in Allgemein