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Halloween – Alptraum, Teil 4

04 Dez

Wieder hat sie das Gefühl, nicht Herr ihrer Schritte zu sein, als sie sich dem jenseitigen Ufer nähert. Die großen Wurzeln einer Blutbuche sind hier freigespült und liegen wie riesige Adern bloß. Und da, genau vor ihr, zwischen den Wurzeln, da liegt etwas, was da nicht hingehört …

Sie streckt die Hand aus, und da erwacht der Schatten zum Leben. Ihre Hand berührt nassen, klebrigen Stoff, der sich jedoch unter ihren Fingern wegbewegt. Und dann packt plötzlich eine Hand nach ihrer und schließt sich fest um ihre ausgestreckten Finger.

„Christoph!“ Sie zieht ihn hoch, und er fällt ihr in die Arme. Sein Körper ist schwer und schlaff, und sie spürt, wie Nässe durch ihre Kleider dringt. Er drückt sie fest an sich.

„Anoush“, flüstert er, „ich habe so gehofft, dass du es rechtzeitig schaffst…“ Sie spürt, dass er zittert.

„Still“, antwortet sie, und ihre Stimme klingt beruhigend, auch wenn sie das nicht fühlt, „komm, lass uns verschwinden.“

Christoph lehnt sich schwer auf sie, als sie ihn durch das Bachbett führt. Das Ufer ist hier zu steil zum Herausklettern, und sie will zu der Ausstiegsstelle zurück. Immer wieder stolpert Christoph über die Wurzeln, die aus dem Bachbett ragen. Einmal gleitet er aus und reißt sie beide um. Das eisige Wasser umspült sie, und Anoushs Kopf wird wieder klarer.

„Komm schon!“ Sie blickt auf ihre Uhr. Allzu viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr. „Wir müssen hier raus!“

Sie hat keine Ahnung, was geschehen ist, sie weiß nur, dass sie hier weg muss, mit ihrem Erzeuger, der kaum laufen kann, und dessen Kleidung nicht nur vom Wasser durchtränkt und klebrig ist. Eisern bezwingt sie die aufsteigende Angst.

Als sie endlich an der Stelle sind, an der man das Bachbett halbwegs mühelos verlassen kann, stellt sie fest, wie schwach Christoph wirklich ist. Obwohl sie es mehrfach versuchen, kann er sich nicht über die Uferkante des Flüsschens ziehen. Nach drei, vier Versuchen lässt Christoph plötzlich los, und sie rutschen auf dem lehmigen Uferstück zurück ins Wasser.

„Oh, Christoph!“ Nun kann sie den verzweifelten Unterton in ihrer Stimme nicht mehr zurückhalten. „Was ist denn nur passiert!?“

Sie hält ihn wie ein Kind in ihren Armen, und erst jetzt sieht sie bewusst, was sie die ganze Zeit versucht hat, zu ignorieren: Sein Gesicht ist zerkratzt und zugerichtet, als sei er in einen Hundekampf geraten. Die Teile seiner Kleidung, die sie sehen kann, sehen nicht besser aus. Seine Haut ist blass und feucht, nicht nur vom Wasser, sondern auch von Schweiß, dessen Blutgeruch sie wahrnehmen kann. Er öffnet sie Augen, und sie sieht, dass sein Blick trüb ist.

„Scheiß drauf!“, flucht sie. Sie schiebt sich so nah ans Ufer, wie es ihr möglich ist und zieht ihn fest an sich. Natürlich weiß sie, dass es verboten ist, und natürlich weiß sie, dass er ihr eigentlich sagte, dass dies nicht mehr passieren sollte. Trotzdem hebt sie ihr Handgelenk an die Lippen und zerreißt mit ihren Fangzähnen die Haut über ihrer Schlagader. Sofort quillt Blut hervor, und sie drückt die Wunde an die Lippen ihres Sires.

Wie schlecht sein Zustand ist, erkennt sie in dem Moment, als er das Blut auf seinen Lippen spürt, denn er packt ihren Arm und presst das Handgelenk fest an seinen Mund. Sie spürt einen prickelnden Schmerz, als er zubeißt, um mehr, schneller, gieriger zu trinken.

Anoush holt tief Luft und bemüht sich, ihren Atem ruhig gehen zu lassen, doch das ist schwer angesichts der Erregung, die durch ihre Adern tobt. Sie schließt die Augen und erinnert sich an das letzte Mal, als er von ihr trank, und an den Rausch, in dem sie sich beide verloren.

Mit aller Kraft versucht sie, mit ihren Sinnen in der Gegenwart zu bleiben, nicht zu vergessen, dass sie halb im Wasser liegen, dass irgendwo die Polizei umherstreift und dass irgendetwas den Mann, der in ihren Armen liegt, fast umgebracht hätte. Dennoch kann sie nicht verhindern, dass sie aufstöhnt, als er ihr Handgelenk plötzlich freigibt und mit der Zunge zärtlich über die Bissstelle leckt. Sie öffnet die Augen und sieht sein Gesicht so nah vor ihrem, dass sie unwillkürlich die Luft anhält. Nur wenige Male waren sie sich körperlich so nah.

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3 Kommentare

Verfasst von - 4. Dezember 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

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3 Antworten zu “Halloween – Alptraum, Teil 4

  1. nandalya

    4. Dezember 2015 at 13:39

    Japan kannte bis in die 1950iger Jahre keine einheimischen Vampire, hast du das gewusst? Dann hat man sie importiert. 😉 Dafür gibt es dort genug andere nette Wesen, die für Europäer nicht weniger gruselig sind.

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    • susepedia

      4. Dezember 2015 at 13:46

      Das wusste ich in der Tat nicht. Aber ich glaube, Japan hat auch ohne Vampire eine ziemlich umtriebige Geisterwelt, die der europäischen in nichts nachsteht. *grinst*
      Im Vampire – Die Maskerade -Rollenspiel ist Ostasien absolute Tabuzone, in die freiwillig kein Vampir einen Fuß setzt… lediglich die Tremere haben in Hongkong ein Gildenhaus gegründet, aber diese Hexenmeister fürchten ja auch weder Tod noch Teufel. 😉

      Gefällt 1 Person

       
      • nandalya

        4. Dezember 2015 at 13:56

        Im restlichen Asien gibt es Vampire. Aber die haben wenig mit „Dracula“ gemein. Über den Vampir aus China musste ich lachen, die hüpfen so lustig durch die Welt. Es gibt alte Filme mit diesem Thema, die finde ich zum schreien komisch.
        Japanische „Monster“ können ziemlich gruselig sein für zarte Gemüter. Ich muss mal eins bei Gelegenheit fragen, ob die auch, wie bei Buffy, alle Karate können 😀

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