RSS

Halloween – Alptraum, Teil 2

16 Nov

Teil 1 hier


Eisbach. P1.

Mehr Informationen hat sie nicht. Der große Wagen rollt durch den frühmorgendlichen Verkehr, der maßgeblich aus Lieferwagen und Handwerkerautos besteht. Es kostet sie ihre ganze Kraft, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Viel lieber wäre sie gelaufen, gerannt, einmal quer durch die Stadt, so schnell sie kann. Aber das war unsinnig. Es war früh am Morgen, und schlimmstenfalls würden sie und Christoph den Schutz der getönten Scheiben brauchen. Oder zumindest ich, schießt es ihr durch den Kopf, doch dann verbannt sie den Gedanken entschlossen in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins. Sie wird ihn rechtzeitig finden. Sie muss einfach. Sie muss!

Noch immer scheint die fremde Hand ihr Herz zu umklammern, das sich jedes Mal noch weiter zusammenzieht, wenn sie an ihren Erzeuger denkt. Doch zumindest der Alp ist von ihrem Rücken gewichen. Er fiel ab, als sie aufsprang, sobald Christoph auf ihre Frage: „WO???“ die zwei Worte geschrieben hatte, die jetzt durch ihr Hirn rasen.

Eisbach. P1.

Der große Wagen rollt auf den Parkplatz für die Mitarbeiter neben dem P1. An den anderen Autos kann sie erkennen, dass Coleen und der Barmanager noch da sind. Doch sie wird sich niemanden zu Hilfe holen. Noch nicht mal ihre eigene Ghulin.

Sie parkt so, dass der Kofferraum des Wagens zum Weg steht, der am Parkplatz vorbei in den Englischen Garten führt. Einen Augenblick lang verharrt sie reglos, erwartet halb, dass Christoph die Heckklappe öffnet. Doch nichts geschieht.

Die Unruhe zerrt an ihr. Sie steigt aus und geht die paar Schritte zu der Stelle, an der der Eisbach aus seinem unterirdischen Bett hervorschießt. Suchend schaut sie sich um, doch es ist vollkommen ruhig. Kein ungewöhnliches Geräusch dringt an ihre geschärften Ohren, keine ungewöhnliche Bewegung ist zu sehen. Langsam dreht sie sich im Kreis.

Hier ist nichts. Niemand.

Und jetzt?

Noch während sich in ihrem Kopf die Frage formiert, ertappt sie sich dabei, wie sie dem Bachlauf folgt, in den Englischen Garten hinein. Ihre Schritte scheinen nicht ihr zu gehorchen. Wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen, folgt sie dem Bach.

Sie ist erst wenige Meter in den Park hineingegangen, als die Stille sie verschluckt. Die Geräusche der Straße ersterben fast abrupt, und sie hört nur das Knirschen der Erde unter ihren Stiefeln, das Rauschen des Baches und einen einzelnen Vogel, der das Nahen des Tages verkündet. Sie wird schneller und hebt den Kopf zum Himmel. Sie muss wissen, wie viel Zeit ihr noch bleibt. Sie spürt ein eigenartiges Prickeln auf der Haut und weiß, viel ist es nicht.

Der Himmel ist dunkel, doch etwas im Nordosten zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich: Blaues Licht bricht sich an den nächtlichen Wolken, erscheint, erlischt, erscheint, erlischt… es ist Blaulicht. Und davon eine ganze Menge. Doch es ist weit weg, wahrscheinlich irgendwo im Nordteil des Parks. Sie ist nervös. Doch andererseits: Hätte es mit Christoph zu tun, hätte er sie nicht an das Südende des Parks gerufen.

Oder?

Plötzlich spürt sie Nässe an ihren Beinen. Erschrocken richtet sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Umgebung und stellt fest, dass sie im Wasser steht! Während ihre Gedanken sich auf das Blaulicht richteten, war sie das Ufer des Baches hinuntergeklettert und steht nun bis zu den Knien im eiskalten, reißenden Wasser. Sie erkennt, dass sie an der Stelle ist, an der ein anderer Bach in den Eisbach mündet. Diese Stelle nutzen Surfer gerne, um aus dem Wasser zu steigen, wenn die Eisbachwelle sie mitgerissen hat. Es gibt hier einen kleinen Seitenarm, um genau dorthin watet Anoush jetzt, ohne zu wissen, was sie dort will.

Das Wasser des Seitenbachs ist ruhiger; viele Bäume stehen dicht am Ufer. Ihre Wurzeln ragen weit in das Bachbett hinein, und ihre Zweige hängen fast bis ins Wasser herab. Behutsam bahnt sich Anoush den Weg.

Und dann lässt ganz unvermittelt der Druck um ihr Herz nach. Er endet so plötzlich, dass sie fast strauchelt. Verwirrt bleibt sie stehen. Und dann …

„Christoph?“ haucht sie.


Hier gibt es mehr von Anoush:

Ein Zimmer-in-dunkler Nacht

Woanders, am anderen Tag

Millenium

Herzblut

Requiem


Advertisements
 
3 Kommentare

Verfasst von - 16. November 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

Schlagwörter: ,

3 Antworten zu “Halloween – Alptraum, Teil 2

  1. nandalya

    16. November 2015 at 9:26

    Wehe ich muss nun wieder Wochen auf die Fortsetzung warten! 😛

    Gefällt 1 Person

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: