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In den Fängen der Nacht

17 Aug

Es war irritierend. Überaus irritierend.

Er konnte sich rühmen, so einiges erlebt zu haben, das anderen Leuten nicht nur schräg oder spleenig vorgekommen wäre, sondern ihnen gehörige Angst gemacht hätte. Aber wer waren schon „andere Leute“? Niemand, mit dem er Umgang pflegen würde. Seine Welt war anders als die anderer Leute, dunkler, mystischer, geheimnisvoller.

Schräger.

Aber das hier?

Er stand in einem dunklen, nassen Raum, mit dem Gesicht zur Wand. Seine Hände steckten in Handschellen, die an einem eisernen Ring etwas oberhalb seines Kopfes befestigt waren. Im Augenblick war er alleine, denn die drei Personen, die ihn von der U-Bahn-Station mitgenommen hatten, waren hinausgegangen, nachdem sie ihn angekettet hatten. Er wusste nicht, was ihn erwartete. Aber das war ihm nicht neu. Es war anders als die vorigen Male, aber er spürte die prickelnde Ungewissheit. Eine der drei Personen war eine schlanke, große Frau gewesen. Er hatte sie nur flüchtig gesehen, aber etwas an ihr hatte ihm einen wohligen Schauer über den Rücken gejagt. Die Situation mochte befremdlich sein. Doch sie war auch erregend.

Mit einem metallenen Schnarren öffnete sich die Tür, und seine drei Entführer traten wieder ein.  An der Decke über der Tür hing eine einzelne Neonröhre, und in ihrem Licht konnte er die Gestalten deutlich erkennen.

Es waren zwei Männer, einer davon war ein recht gut aussehender Mann, dessen Kleidung gleichzeitig so nichtssagend war, dass er sich sicher war, ihn auf der Straße niemals wieder zu erkennen, sollte er ihm nochmal begegnen.  Der zweite war eine eigenartige Gestalt mit tief ins Gesicht gezogenem Hut und Trenchcoat. Er stand eigenartig neben der Tür, irgendwie linkisch, mit verdrehten Beinen und hängenden Schultern. Er sah aus wie die Karikatur eines englischen Detektives aus einer der Schwarz-Weiß-Serien aus den 60er Jahren. Die dritte Person war die Frau, die ihm schon in der U-Bahn aufgefallen war. Sie war eine bemerkenswerte Erscheinung, groß und schlank, in sportlicher Kleidung, das lange schwarze Haar in einem dicken Pferdeschwanz am Hinterkopf zurückgebunden. Ihr dunkler Teint und die markante Linie ihres Kinns ließen vor seinem inneren Auge sofort Bilder aufsteigen, Phantasien von Schleiertänzen und geheimnisvollen Haremsdamen. Er grinste innerlich. Solche Frauen waren stolz, sie wollten erobert werden, doch danach ergaben sie sich voller Sinnlichkeit und Hingabe. Und er war gut im Erobern.

Die drei standen vor ihm und musterten ihn. Keiner von ihnen machte Anstalten, das Schweigen zu brechen, und das machte ihn nervös. Er war es gewohnt, dass in solchen Situationen die Formalitäten in knappen, codierten Sätzen abgeklärt wurden. Und obwohl er eigentlich nicht in der Position dafür war, entschied er sich, das Schweigen zu brechen. Er lächelte zu der Frau herüber und sprach sie direkt an:

„Eine überraschende Einlage war das. Normalerweise bin ich ja nicht so der Freund von Entführungen, aber bei solchen kristallschwarzen Schönheiten mache ich da gerne eine Ausnahme.“ Das Adjektiv betonte er leicht. Sie antwortete nicht, zeigte nicht einmal den Hauch einer Reaktion.

„Du bist Felix Raunstein“, sagte nun der unauffällige Mann. Er drehte den Kopf und sah ihn an.

„Kann schon sein. Was wäre, wenn?“ Der Mann machte eine ungeduldige Bewegung, und ihm fiel wieder ein, dass er derjenige war, der vorhin die fingierte Fahrkartenkontrolle  durchgeführt hatte. Natürlich wusste er, wer  er war. Der Mann drehte sich zu den beiden anderen um.

„Wir sollten seine Wohnung durchsuchen“, sagte er, „und zwar jetzt, ehe uns jemand zuvor kommt.“

Das war unerwartet. Felix blinzelte überrascht.

„Ihr wollt was?“ Er erhielt keine Antwort. Die beiden anderen hatten dem dritten Mann nur durch Nicken ihre Zustimmung mitgeteilt. Der schickte sich nun an, auf ihn zuzugehen. Ganz offensichtlich hatte er die Absicht, ihm seine Schlüssel abzunehmen. Felix packte den eisernen Ring oberhalb seines Kopfes und zog sich mit einem Ruck an der Mauer hoch; dabei trat er nach dem Mann.

„Hey Leute, was läuft hier?“, rief er, während der Mann seinen Tritten auswich. Was auch immer diese drei vorhatten, langsam wurde ihm mulmig. „Wenn das ein Scherz sein soll, wäre langsam ein guter Moment, damit aufzuhören.“ Schweigen. Der unauffällige Mann war wieder einige Schritte zurückgetreten und sprach mit den anderen, war jedoch so leise, dass er nicht hören konnte, was sie sagten.

„Hey! Hallo? Was soll das denn?“

Vielleicht war das ganze doch regelkonform. Sie hatten ihn nicht angerührt. Vielleicht ließ er sich nur verrückt machen.

Die dunkle Schönheit blickte zu ihm herüber. Vielleicht täuschte er sich, doch er meinte, einen leisen Spott aus ihrem Blick zu lesen. War er zu passiv? Ließ er zu viel mit sich machen?

Die drei lösten sich aus ihrem Gespräch. Die Frau blieb stehen, während die beiden Männer auf ihn zukamen. Der unauffällige nickte dem anderen zu. „Halt ihn fest, während ich ihn durchsuche.“

Das reichte. Felix richtete sich kerzengrade auf und sah dem verwachsenen Mann, der auf ihn zu schlurfte, direkt in die Augen. Er wusste, welche Ausstrahlung er auf gewöhnliche Leute hatte, wenn er es darauf anlegte.

„Es reicht. Mach mich los!“, sagte er nachdrücklich. Der Mann zögerte. Sein Schritt wurde langsamer, der Blick eigenartig starr. Seine Hand fuhr in die Tasche, in der er den Schlüssel für die Handschellen verwahrte.

„Pass auf!“ Die Frau war neben den Mann gesprungen und versetzte ihm einen Stoß, der den Blickkontakt unterbrach. Der blinzelte verwirrt. Felix seufzte auf. Er wusste, der Bann war gebrochen. Verärgert sah er hinüber zu der Frau, die jetzt dicht vor ihm stand. Sie stand so nahe, dass ihm ihr Parfum in die Nase stieg, ein dichter, schwerer Duft nach Amber und Jasmin. Sie blickte nicht ihn an, sondern auf ihren Kumpan, der sich schüttelte wie ein nasser Hund. Ohne sich umzudrehen, packte sie ihn und den anderen Mann bei den Schultern und schob sie aus der Tür. Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss.

Er war wieder allein. Allein in einem neonlichterleuchteten Kellergewölbe, das feucht und muffig roch, mit den Händen an die Wand gekettet. Trotzdem war es in erster Linie Irritation, die er fühlte, keine Angst. Eine leichte Besorgnis, die konnte er sich eingestehen. Er musste zugeben, dass das Verhalten der drei eigenartig war. Es war nicht das erste Mal, dass er an einer Entführung beteiligt war, auch wenn er sonst der aktive Part war. Im Grunde genommen war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand den Spieß umdrehte. Aber was ihn auch verwirrte, war das Fehlen sämtlichen Zubehörs. Es gab nur diesen Eisenring an der Wand, sonst nichts. Keinen Tisch, keinen Stuhl, keine weiteren Haltevorrichtungen. Keine Accessoires. Keine Deko. Keine Kamera.

Die Tür ging wieder auf, und die drei kamen zurück. Sie schienen sich draußen abgesprochen zu haben, denn ohne Zögern kam der verwachsene Mann auf ihn zu. Er hielt den Blick zu Boden gesenkt. Er kam so schnell auf Felix zu, dass er kaum Zeit hatte, in seine Abwehrhaltung zu flüchten. Doch der Mann fing seine Beine ab, drückte sie beiseite, streckte seine Hände nach ihm aus, und ehe er wusste, wie ihm geschah, legte sich eine Hand auf seine Augen und zog seinen Kopf nach hinten. Er fühlte, wie seine Handgelenkte gepackt und so fest zusammengedrückt wurden, dass er glauben konnte, sie seien in einen Schraubstock eingespannt.

„Spinnst du?! Hey!“ Er versuchte, sich der Hand über seinen Augen zu entwinden, da spürte er plötzlich weitere Hände, die sich über seine Hose in Richtung seiner Taschen tasteten. Er versuchte, sich zu entwinden, doch der Schraubstock an seinen Händen ließ nicht nach. Gleichzeitig drang ihm ein fürchterlicher Geruch in die Nase. Er war süßlich-modrig, und es war fast wie eine stehende Wolke, in die sein Kopf hineingezogen wurde. Ihm wurde klar, dass der verwachsene Mann diesen Geruch ausdünstete. Ihm wurde übel. Das war nicht mehr aufregend. Es war auch nicht mehr schräg. Das war ekelhaft.

„Lass mich los, du ekelhafter Bastard!“ rief er. Er wand sich, er trat um sich, er schrie laut auf die nun unsichtbaren Hände ein, die ihn anfassten.

„Halt ihn doch ruhig, Mann!“, hörte er eine verärgerte Stimme. Sofort rutschte die Hand, die seine Augen verdeckte, tiefer, drückte ihm nun auch noch auf Nase und Mund. Es musste eine riesige Hand sein, und sie war behandschuht.  Sie bedeckte sein Gesicht so vollständig, dass er es mit der Angst zu tun bekam, er würde ersticken. Er schüttelte heftig den Kopf, versuchte gleichzeitig, seine Hände aus der Umklammerung zu reißen, in der sie gehalten wurden, er zappelte und wand sich. Er spürte, wie der Druck der Hände immer stärker wurde, und wehrte sich noch mehr.

Und dann geschah es.

Es war ein Druck von den ledergeschützten Fingern, der von der Seite kam, der wahrscheinlich gar nicht so heftig gedacht war, und der einer seiner Bewegungen zuwiderlief. Wie ein Brecheisen bohrten sich die Finger zwischen seine Zähne, und mit einem plötzlichen, widerlichen Knirschen hebelten sie sein Kiefergelenk aus.

Ein stechender Schmerz fuhr durch seinen Schädel. Es war, als habe ihm der Mann den Unterkiefer abgerissen. Er heulte auf. Tränen schossen in seine Augen, und gleichzeitig spüre er den alles überschattenden Drang, seinen Mund zu schließen, dieses schmerzende, plötzlich klaffende Loch in seinem Kopf, das ihn hilflos entblößte, wieder zu verdecken. Doch es ging nicht. Seine Muskeln konnten ihm nicht mehr gehorchen, so sehr sie auch an den Gelenken zerrten, an denen sie hingen.

„Verdammte Scheiße, was hast du gemacht?“ Er hörte die Stimmen, die verärgerte Frage, die genuschelte Antwort. Der Wortwechsel ging unter im alles überschattenden Schmerz. Dann plötzlich verschwand die Hand vor seinem Gesicht, und auch seine Handgelenke wurden losgelassen. Dafür spürte er, wie er an den Schultern genommen und gedreht wurde. Da war plötzlich wieder der Geruch von Amber und Jasmin. Er öffnete die Augen.

Die Frau stand dicht vor ihm und betrachtete seinen aufgesperrten Mund. Sie hob die Hände und berührte seine Wangen, prüfte den Druck und achtete aufmerksam darauf, wann er vor Schmerz zusammenzuckte. Die leichte Berührung ihrer Finger durchjagte ihn trotz seiner Schmerzen. Ihm fiel auf, dass ihre Augen fast schwarz waren.

„Sauber ausgerenkt, Ed“, sagte sie, ohne ihre Begutachtung zu unterbrechen. Irgendwo hinter ihm erklang ein Grunzen. Er wartete. Gleich würde sie sich direkt an ihn wenden und etwas sagen wie „du bist sehr tapfer“, oder „das bekommen wir wieder hin“ oder „wir bringen dich zu einem  Arzt“, und dann würde sich das Ganze auflösen, die Umstände würden sich klären und alles wäre gut.  Dieser verfluchte Schmerz würde aufhören und er würde sie anlächeln und mit ihr reden können, statt sie mit aufgerissenem Mund und Tränen in den Augen anzuglotzen.

Stattdessen verzog sie den Mund zu einem spöttischen Lächeln und wandte sich ab.

„Ich möchte mit ihm ja nicht tauschen“, sagte sie, an den zweiten Mann gewandt. Der lachte kurz auf.

„Musst du ja auch glücklicherweise nicht.“ Er sah zu ihm hinüber. „Kriegst du das hin? Reden können sollte er noch.“ Statt einer Antwort dreht sie sich wieder um, nahm sein Gesicht fest in ihre Hände und zog. Ihr unvorhersehbar starker Griff zerrte ihm die verkrampften Muskeln auseinander, und eine Woge von Schmerz brandete über ihn hinweg. Eine Sekunde lang war er sich vollkommen sicher, sie habe ihm den Kiefer jetzt endgültig gebrochen. Dann jedoch schlugen seine Zähne mit einem lauten Krachen aufeinander. Der Schmerz ließ nach, doch gleichzeitig tanzten vor seinen Augen unzählige kleine weiße Punkte, und er merkte, wie er gegen die Wand sackte.  Er wäre gefallen, hätten seine Hände nicht immer noch in den Handschellen gesteckt. Ihm war übel.

„Ich hab ihn“, hörte er eine männliche Stimme neben sich. Metallenes Klirren untermalte die Worte. Sein Schlüssel! Ehe er irgendwie reagieren konnte, hörte er Schritte, die sich rasch entfernten. Die Tür fiel ins Schloss.

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4 Kommentare

Verfasst von - 17. August 2015 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, Stories, Vampire

 

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4 Antworten zu “In den Fängen der Nacht

  1. freiedenkerin

    17. August 2015 at 12:10

    Unheimlich, beängstigend, gruselig… Und spannend, sehr spannend.

    Gefällt 1 Person

     
  2. Molly L.

    18. August 2015 at 10:59

    Ui! Was ist da los?

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