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Die Kraft des eigenen Körpers

27 Mai

1995

Da stehe ich.

Auf einem Granitblock, schwitzend, schnaufend, mit nassen, ins Gesicht hängenden Haaren. Schweißtropfen laufen über mein Gesicht. Vor mir türmt sich der nächste Granitblock auf, davor, daneben, dahinter weitere. Überall um mich herum. Ich bin tapfer, greife nach dem oberen Rand des nächsten Felsens, stemme die Füße gegen einen kleineren links davon, stoße mich ab, stemme, zerre, hieve mich nach oben.

Ich knie auf dem Stein. Meine Beine brennen.

„Hey, kommst du mal langsam?“ Daniel, mein Schulfreund, taucht irgendwo über mir auf. Auch er schwitzt, auch sein Gesicht ist rot, aber in seinen Augen leuchtet Begeisterung. Ich hebe den Blick. Hinter Daniel: weitere Felsen. Eine endlose Moräne aus großen Findlingen, die sich vom Berg ins Tal herabwälzt. Weit oben ist eine Holzbrücke zu sehen, die den steinernen Fluss überspannt. Wanderer gehen darauf hin und her. Und vor uns, neben uns, hinter uns: Überall Kletterer, die die Felsen hoch- und runterkraxeln. Ich stehe mühsam auf.

„Wie weit ist es noch?“, frage ich Daniel. Der schaut nach oben und zuckt die Schultern. 

„Bis zur Brücke, glaub ich. Oben ist jedenfalls ne Hütte, da können wir uns ein Eis holen.“ Ich nicke. Die kurze Pause hat mich zu Atem kommen lassen. Weiter geht es. Die nächsten Felsen sind leicht, über viele kann man fast wie über Treppen steigen. Aber dann: Hier ein großer Schritt, da ein kleiner Sprung. Ich hüpfe, Daniel macht mir vor, wohin ich springen soll. Schmerzen durchfahren mein Sprunggelenk, als ich aufkomme. ich beiße die Zähne zusammen, schüttele den Fuß aus. Weiter geht es. Da ist ein hoher Schritt zu tun. Ich kriege kaum mein Bein auf die Felsecke. Den Rand oben, an dem sich Daniel hochgezogen hat, erreiche ich nicht. Ich weiß, ich muss springen, mich mit dem Bein hochstemmen und den Felsen dann mit den Händen packen. Ich bin nervös, ich weiß, dass viele Leute um uns herum sind, die sehen könnten, wie ich mich anstelle. Doch ich versuche es. 

Abspringen, gut. Hochstemmen mit dem Fuß? Verdammt noch eins, ich reite, das wird ja wohl drin sein. Doch ich komme schon immer kaum in den Sattel eines Pferdes. Und hier? Nicht hoch genug. Ich komme nicht an die Felskante. Ich versuche es nochmal, und nochmal, beim dritten Mal brennt mein Oberschenkel wie Feuer, doch ich kann mich mit den Händen endlich oben festhalten. Und jetzt? Ich bin zu klein.

„Zieh dich hoch!“, ruft Daniel. Wie denn? Ich hänge da wie ein nasser Sack, baumelnd an den eigenen Händen. Gehalten werde ich nur von dem unsicheren Tritt meines rechten Fußes. Ich versuche noch zweimal, mich hochzuziehen. Dann gebe ich auf. In einem Felsbett einfach loszulassen, ist sehr unangenehm, doch ich kann nicht mehr. Ich plumpse auf den Felsen unter mir.

Daniel taucht wieder bei mir auf.

„Was ist los? Willst du nicht weiter?“ Ich schaue nach oben. Ein junger Mann klettert an uns vorbei nach unten.

„Wie weit ist es noch?“, frage ich ihn. Er schaut nachdenklich hoch.

„Die Brücke ist etwa die Mitte“, erwidert er. Dann klettert er weiter. Ich denke daran, dass Daniel da unbedingt hoch möchte. Dass wir da oben Eis essen wollen. Und ich denke an unsere Mütter, die unten warten, weil sie beide nicht mit raufklettern wollten. Naja, Daniels Mutter wäre mitgekommen, aber sie wollte vor allem mal mit ihrer Freundin in Ruhe ratschen, ohne die Kinder. Aber bis wir da oben wären … bis ICH da oben wäre…

Ich stehe auf. Langsam. Arme, Beine und Po schmerzen fürchterlich.

„Ich geh‘ wieder runter. Mir ist das zu weit und … viel zu gefährlich!“


2015

Da stehe ich.

Auf einem Granitblock, mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken. Schweiß steht mir auf der Stirn. Vor mir türmt sich der nächste Granitblock auf, davor, daneben, dahinter weitere. Überall um mich herum. Ich bin tapfer, greife nach dem oberen Rand des nächsten Felsens, stemme die Füße gegen einen kleineren links davon und stoße mich ab.

Ich stehe auf dem Stein. Einfach so. Ohne Mühe.

„Hey, kommst du mal langsam?“ Der Liebste taucht irgendwo über mir auf. Auch er schwitzt ein wenig, in seinen Augen leuchtet Begeisterung. Ich hebe den Blick. Hinter ihm: weitere Felsen. Eine endlose Moräne aus großen Findlingen, die sich vom Berg ins Tal herabwälzt. Weit oben ist eine Holzbrücke zu sehen, die den steinernen Fluss überspannt. Es ist noch früh am Morgen, und alles ist ruhig.

Ich stehe auf. Mühelos. Auch in meinen Augen ist Begeisterung. 

„Aber klar doch!“ Weiter geht es. Die nächsten Felsen sind leicht, über viele kann man fast wie über Treppen steigen. Aber dann: Hier ein großer Schritt, da ein kleiner Sprung. Ich zögere. Schaffe ich das? Seit Jahren habe ich mich nicht mehr im Klettern geübt, ich hab keine Ahnung, was ich kann und was nicht. Der Liebste macht mir vor, wohin ich springen soll. Ich hole tief Luft, springe ab und – stehe oben. Leich schwankend, aber sicher. Weiter geht es. Da ist ein hoher Schritt zu tun. Ich zögere. Meinen Fuß auf die Felsecke? Die ist über kniehoch. Ich hebe den rechten Fuß und setze ihn auf die Kante. Den Rand oben, an dem sich der Liebste hochgezogen hat, erreiche ich nicht. Ich weiß, ich muss springen, mich mit dem Bein hochstemmen und den Felsen dann mit den Händen packen. Ich denke nicht darüber nach, was passieren könnte. Ich tue es einfach. 

Abspringen, hochstemmen, die Felskante greifen, ein kräftiger Ruck, mein linker Fuß sucht hinter mir Halt, ich drücke ein wenig, komme über die Kante, stemme mich hoch und hocke oben auf dem Felsen. Ich schaue nach unten, ungläubig, fassungslos. Zwei Wochen Krafttraining und dann DAS?

Ich stehe auf. Die verdammte Brücke ist die Mitte, daran erinnere ich mich noch. Na warte, die Hütte kriege ich heute zu sehen! 


Am Ende sind wir das gesamte „Felsenmeer“ in einer Stunde raufgestiegen. Es war anstrengend, aber ein unfassbar tolles Gefühl. Die Hütte oben ist übrigens eher unspektakulär.

Eine Woche später waren wir wieder da – aber mit unserem vollen Alpenmarschgepäck, Mit 10 kg auf dem Rücken ist es doch noch mal ein ganz anderes Körpergefühl. Und natürlich noch anstrengender. Aber: 1.15h haben wir gebraucht. Und das für 300 Höhenmeter steil bergan.

Es ist für mich schwer zu begreifen, was gerade passiert. Mein Körpergefühl ist neu, ganz anders, viel bewusster. Das merke ich schon beim morgendlichen Muskelrecken und -strecken im Bett. Plötzlich gibt es da was zu strecken. Und es stimmt, was erzählmirnix in ihrem Buch beschreibt: Ein fitter Körper fühlt sich ganz, ganz anders an als ein schlaffer – und dabei habe ich kaum angefangen, „richtig“ Sport zu machen. Allein das Krafttraining hat in den popeligen zwei Wochen, die ich es mache, eine unfassbare Veränderung ausgelöst. Ich bin wahnsinnig motiviert, zu sehen, was als nächstes passiert.

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5 Antworten zu “Die Kraft des eigenen Körpers

  1. nandalya

    27. Mai 2015 at 13:26

    Kann ich dir sagen: Du wirst noch besser werden und dich noch besser fühlen. Für mich vergeht kein Tag, an dem ich keinen Sport mache. Wobei es nicht immer Karate ist. Dehnen, laufen mag ich auch. Und das nun täglich seit fast 27 Jahren. Göttin, ich werde alt! 😀

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    • susepedia

      27. Mai 2015 at 15:10

      Ich muss sagen, vor wenigen Monaten hätte ich noch den Kopf geschüttelt bei dem Gedanken, selbst jeden Tag Sport zu machen. Langsam kann ich es verstehen. 🙂

      Gefällt 1 Person

       
      • nandalya

        27. Mai 2015 at 15:27

        Sport kann durchaus süchtig machen. Für mich ist Sport Leben, Berufung und Beruf. Aber nicht gleich übertreiben, hörste? 😉

        Gefällt mir

         
    • susepedia

      27. Mai 2015 at 15:11

      Und denk dran: Nicht älter, sondern besser!

      Gefällt 1 Person

       

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