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Urlaubserinnerung

06 Okt

Als der Wecker klingelt, ist es noch dunkel um mich. Ich taste nach dem Handy und schalte die Harfenklänge aus. Dabei spüre ich, wie meine Hand von Kühle umfangen wird. Ich blinzele und werde langsam wach.

Es ist still, von draußen dringen nur wenige Geräusche in unser mollig warmes Nest. Vereinzelte Stimmen von weiter weg, irgendwo hackt jemand Holz. Langsam werden die Umrisse vor meinen Augen klarer. Der Ofen spendet ein wenig gelb glimmendes Licht, und von draußen dringt das erste Tageslicht herein. Ich wühle mich unter meinen Decken hinüber zur Hand des Liebsten und drücke sie. Ankuscheln ist nicht auf den Feldliegen, außerdem stecken wir beide auch noch in Schlafsäcken. Aber Händchenhalten geht.

Als die Harfe ein zweites Mal erklingt, schäle ich mich aus dem warmen Nest. Eigentlich mag ich keinerlei elektronische Geräte im Urlaub um mich haben, aber hier drinnen wird es so spät hell, dass ich die ruhigen Morgenstunden verschlafen würde, und das kann ich nicht leiden.

So schnell es geht, schlüpfe ich in Rock und Tunika und werfe eine Wollcuculle über mich. Dann schlüpfe ich in Filzpantoffeln und Holzschuhe und knüpfe den Zelteingang auf.

Draußen ist es klar und kalt. Der Himmel ist blau und strahlend schön. Die Sonne ist schon aufgegangen, aber ihre Strahlen berühren noch nicht den Bergfried hoch über mir, und unsere Lagerwiese liegt ebenfalls noch in schattiger Kühle.

Ich lasse den Eingang vorsichtig zufallen und gehe über das Gras Richtung Toilette. Bei jedem Schritt netzt Tau meine Schuhe und den Rocksaum. Ich gehe langsam und vorsichtig, denn ich muss einen steilen Hang hinauf, dessen Gras plattgetreten ist von den vielen Füßen, die in den letzten Tagen hier entlang gelaufen sind.

Als ich wieder aus dem Häuschen trete, lugen die ersten Sonnenstrahlen hinter dem Wald hervor und tauchen die Burgmauern in warmes Licht. Ich bleibe einen Moment stehen und sehe mich um.

Vor mir liegt das Lager, die meisten Gruppen noch in tiefer Stille. Einige Feuer brennen schon, und der Rauch schwebt über den Zelten und Baldachinen. Er mischt sich mit den letzten Nebelschwaden, die über der Wiese schweben. Unterhalb der Wiese liegt das Tal im Nebel verborgen, und auch hinter der Burg verschwindet die umliegende Welt im weißen Nichts. Wir sind hier oben alleine. Ganz alleine. Ich atme tief ein und genieße die Stille, das Licht und die Ruhe um mich.

Als ich wieder ins Lager komme, ist schon der Liebste wach und hackt Holz. Ich setzt mich zu ihm auf unsere Bank und schaue ihm zu, wie er nach dem Hacken die kleinen Scheite in der Feuerstelle aufschichtet und dann mit Hilfe von Papier und Wachs entzündet. Bald prasselt ein kleines Feuerchen, und ich fülle den Wasserkessel, um ihn auf einem kleinen Dreibein in die Flammen zu stellen. Jetzt heißt es warten. Und weil es noch immer kalt ist, wuseln wir beide ein bisschen herum. Während er unsere Kaffeekanne mit Kaffee befüllt und die Becher auswäscht, trage ich die Flaschen und Krüge vom gestrigen Abend zusammen, um das Chaos ein bisschen zu beseitigen.

Es dauert, bis das Wasser kocht. Wir reden nicht viel, eigentlich gar nichts. Aber es tut gut, dieses stumme Warten, diese eigenartige Mischung aus Abwarten und Herumräumen. Das liebe ich am mittelalterlichen Lagerleben. Man lernt wieder, was Zeit eigentlich ist. Dass es Dinge gibt, die einfach Zeit brauchen, und dass man nicht immer alles sofort haben kann. Wer hier oben Kaffee oder ein warmes Essen will, muss sich Zeit dafür nehmen. Fürs Holzhacken, für das Feuer, für die Hitze, die letztlich das Wasser zum Kochen bringt. Wir sind alle nur Staub in diesem Universum, und egal, wie sehr wir uns diese Welt und ihre Zeit untertan zu machen versuchen, sind wir nur eine Hand voll Moleküle in einer uns im Grunde unbegreiflichen Welt.

Wenn ich am Feuer sitze und es ansehe, wenn ich spüre, wie mir die tanzenden Flammen Wärme spenden, die über mein Gesicht flutet, dann merke ich, dass ich ein Mensch bin. Ein Mensch, der hier oben, in diesem Zeltlager, auf die lebensspendende Kraft des Feuers genauso angewiesen ist wie seine Vorfahren von 10.000 Jahren.

Das Wasser kocht, und der Liebste gießt den ersten Kaffee auf. Der Duft steigt mir in die Nase, und ich freue mich auf den ersten Becher. Noch muss ich ein paar Momente warten, bis er gezogen ist.

Endlich ist es soweit. Ich genieße jeden Schluck.

Wann habe ich im Alltag dazu schon die Zeit?

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6 Kommentare

Verfasst von - 6. Oktober 2014 in Mittelalter, persönliches, Stories

 

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6 Antworten zu “Urlaubserinnerung

  1. nandalya

    6. Oktober 2014 at 11:38

    Eine schöne Stimmung hast du eingefangen. Und interessante Gedanken hast du auch. Ja, die Zeit, die wir uns nicht nehmen und immer alles in Eile tun. Yuki und ich lassen Dinge gern ruhig angehen, vor allem an einem Morgen. Da ist jede Hektik fehl am Platz. Dankeschön für deinen Bericht. Gern gelesen 🙂

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    • susepedia

      6. Oktober 2014 at 12:43

      Das freut mich, Nandalya. Ja, der ruhige Morgen ist im Grunde total wichtig, aber bei mir fällt er unter der Woche zwecks Zeitoptimierung aus. Dafür hab ich im Büro dann ein bis eineinhalb Stunden meine Ruhe, auch das kann echt unbezahlbar sein. 🙂

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  2. Molly L.

    6. Oktober 2014 at 12:00

    Ohhhh! Das klingt einfach wunderbar, liebe Susepedia!
    Aber: Wenn das jeden Tag so wäre, würde es auch seinen Zauber verlieren, oder?
    Du hast das wunderbare Talent, Dinge so zu beschreiben, dass ich sie vor meinen Augen sehen kann! Schön! 🙂

    Ach ja: Ich habe keine Ahnung, was ein „Wollcuculle“ ist (und bin auch grad zu faul zum guggeln), aber das wird definitiv in den Kreis meiner Lieblingswörter aufgenommen! Eventuel noch mit der Erweiterung „Wollcuculleschaf“! 🙂

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    • susepedia

      6. Oktober 2014 at 12:49

      LIebe Molly, es freut mich, wenn mein Schreiben dich „mitnehmen“ kann, das soll es ja auch. 🙂 Und natürlich hast du recht, ein richtiger Alltag wäre da oben bei weitem weniger zauberhaft, zumal man ja nun nicht wirklich eitel Sonnenschein hat wie wir letzte Woche (fast) jeden Tag. Wir hatten da schon Schnee und Dauerfrost… *brrr*

      Und eine Cuculle ist im Prinzip ein Poncho mit Kapuze. Streng genommen eine Gugel mit verlängerten Schulterteilen, aber ich weiß nicht, ob dir eine Gugel ein Gegriff ist. 😉 Supergut zum schnellen reinschluppen.

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      • Molly L.

        6. Oktober 2014 at 12:51

        Och Susepedia! Also kann man „reinschluppen“ in die Gugel-Cuculle? 🙂 Oh, ich mag solche Wörter! *strahl*

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      • susepedia

        6. Oktober 2014 at 13:05

        Du darfst sie gerne sammeln, wenn ich mal wieder sowas fabriziere. *grins* Aber schluppen passt einfach. Die verhunzte Variante von schlupfen, würde ich mal tippen…

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