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Tod und Trauer

01 Sep

Heike steht fassungslos da und starrt auf das Bild, das sich ihr bietet: Ein Mann in punktvollen Kleidern, die in blau, weiß und silbern gehalten sind, liegt reglos auf dem Boden. Um ihn, über ihm knien Menschen, die hektisch auf seinen Brustkorb drücken, ihn schütteln, anschreien. Die Anspannung ist fast mit den Händen greifbar, und sie ist durchtränkt mit Angst, Trauer und Verzweiflung. Dann löst sich tief aus der Kehle eines jungen Mannes in der langen weißen Robe eines Priesters ein fürchterlicher, verzweifelter Schrei, der sein Leid in die Welt hinausträgt: Konrad von Löwenstein, der Truchsess, ihr Anführer und Freund, ist tot. Ganz im Sinne seines Herren, des Gottes der Tapferkeit und des Lichts, zerstörte er den Altar jener verderbten Gottheit, die nun als Tribut sein Leben forderte.

Heike starrt reglos auf die Szene. Sie hat es gehört, doch sie kann es nicht begreifen. Noch nicht. Die Heilerin weint und ist vollkommen aufgelöst in ihrer Hilflosigkeit, alle anderen, die sich nun um den Toten scharen, tragen Verzweiflung und Trauer in ihren tränennassen Augen. Doch ihre eigenen Augen bleiben leer und trocken. Langsam wendet sie sich ab. Ihre Rechte umfasst das Heft ihres schlanken Schwertes, doch sie weiß, es gibt niemanden, den sie für diesen Tod zur Rechenschaft ziehen kann. Die Götter sind nicht nur ungerecht, denkt sie bitter, sie sind auch feige.

Unter den Bäumen vor ihr dringt Geschrei hervor. Es ist blanker Zorn, doch durchmischt mit Verzweiflung. Anara, die Priesterin der großen Schlachtenwüterin, verleiht ihrer Trauer auf diese Weise Ausdruck. Die Äste eines Baumes erzittern unter den wütenden Hieben der Frau. Heike beobachtet sie, und flüchtig keimt in ihr der Wunsch auf, sich ebenso gehen lassen zu können. Doch die Jahre der eisernen Selbstbeherrschung haben Spuren hinterlassen, die sich nicht einfach auslöschen lassen.

Im Lager entsteht plötzlich Unruhe, also kehrt sie zurück. Ein Fremder steht dort, er fordert von den Gefährten, der nächste der Rangfolge möge nun die Führung übernehmen. Doch der, zerfressen von Schmerz und Trauer, hat keine Worte mehr, um ihm zu erklären, dass er das nicht tun wird. Dass es nun seine Aufgabe ist, den Toten auf den Weg ins Jenseits vorzubereiten.

Doch der Fremde kommt aus dem Militär, woher soll er wissen, dass diese Truppe hier anders ist, dass alle, die hier sind, durch Freundschaft und Respekt verbunden sind und nicht durch starre Strukturen? Heike geht herüber und versucht, es ihm deutlich zu machen. Er will es nicht verstehen und verlangt, sich zusammen zu reißen, denn jemand müsse den Anführer ersetzten. Sie schüttelt den Kopf. „Fühlt Euch frei, diese Aufgabe zu übernehmen. Wir werden es nicht tun.“ Sie macht eine Pause. „Natürlich wird jeder, der kann, Euch unterstützen. Doch jetzt brauchen sie Zeit. Konrad ist nicht einfach ein Offizier, der verstorben ist. Er ist ein Freund.“


Diese Szene ist mir am Wochenende widerfahren. Wie ja die Leser dieses Blog inzwischen wissen, spiele ich Rollenspiel. Jedoch nicht nur das bereits erwähnte „Pen and Paper“, sondern auch die „echte“ Variante davon. Liverollenspiel, oder auch kurz: Larp (von „live action role playing“). Wer mehr über die Mechanik dieser Spielvariante erfahren möchte, sei auf das Larp-Wiki verwiesen *klick*. Die Kurzerklärung lautet: Man erzählt die Abenteuer nicht, man spielt sie. Es ist ein bisschen wie Theaterspiel ohne Zuschauer. Statt die Werte seines Charakters aus Büchern zu entnehmen, verkörpert man sie, schlüpft in die Rolle. Das heißt, wer einen Kämpfer spielen will, muss es auch real beherrschen. Wer heilen will, sollte es – nein, nicht wirklich können, aber zumindest darzustellen wissen.

Am Wochenende nun ist etwas passiert, was nur relativ selten vorkommt: Ein Charakter aus der eigenen Spielgruppe ist gestorben. So etwas ist „outtime“, also real, ein diffiziles Ereignis. Die eigene Spielfigur zu verlieren, kann zum einen emotional sehr schwierig sein, weil man am Charakter hing und ihn eventuell Jahre gespielt hat, und zum anderen ist es mitunter auch deswegen ärgerlich, weil in die Ausstattung – Kleidung, Waffen usw. – oft eine nicht unerhebliche Menge Geld fließt. Doch spieltechnisch ist so ein Charaktertod, wenn er gut gemacht wird, ein unfassbar emotionaler Spielmoment und bringt der Gruppe, zu der der Charakter gehört hat, wahnsinnig viel persönliches Spiel.

Für mich persönlich war diese Situation ungeheuer spannend, weil ich einen Einblick bekommen habe, wie sehr ich mich dieser Schauspielerei hingeben kann.

Mein erster und ältester Charakter (also der am längen gespielte) ist eine Heilerin, die dieser Truppe auch am engsten verbunden ist. Vor drei Jahren starb bereits einmal ein Gruppenmitglied, und obwohl ich weder den Spieler noch seinen Charakter als einen besonders engen Freund, sondern „nur“ als guten Freund definierte, schossen mir damals, als ich ihn tot auffand, sofort die Tränen in die Augen. Also nicht gespielt, sondern ganz real. Ich habe gefühlt den ganzen Tag geweint, als wir ihn bargen und ins Lager trugen, als wir ihn wuschen (und ich ihm dabei Kratz- und Platzwunden an Gesicht und Hände schminkte), als wir ihn aufbahrten, damit Freunde von ihm Abschied nehmen konnten, und natürlich am Abend, als wir ihn beerdigten und viele kamen, um einige Worte zu sprechen. So traurig es für den Spieler war, seinen Char zu verlieren, so ergreifend war das Spiel für uns als Mitspieler, und er meinte, es sei gespenstisch gewesen, zu erleben, wie Leute ihre Grabreden auf ihn hielten.

Auch danach habe ich mit diesem Charakter immer wieder andere Charaktere sterben sehen, und wenn wir sie enger kannten, kamen mir immer sofort die Tränen. Ich habe immer gedacht, „gut, das ist eben der Anteil susepedia in den Charakteren“, ich bin da nämlich selbst ziemlich am Wasser gebaut, was solche Dinge betrifft.

Am vergangenen Wochenende jedoch spielte ich Heike, eine sehr verschlossene Söldnerin, die mit der Gruppe zwar auch schon lange umherzieht und ihre Gefährten irgendwo als Freunde betrachtet, aber im Grunde immer sehr für sich allein bleibt. Für Konrad empfindet sie Respekt, aber keine „echte“ Freundschaft (den Spieler selbst mag ich sehr gerne, und ich finde seinen Charakter auch wirklich toll). Als ich nun mit dieser Todessituation konfrontiert wurde, blieb ich, wie ich es oben beschrieben habe, wirklich völlig beherrscht. Ich selbst, als Spielerin, dachte mir in dem Moment „das wäre eine tolle Situation, um mal diese Maske der Distanz aufzubrechen und echte Emotionen zu zeigen“, doch es ging nicht. Traurig war die Söldnerin, ja, aber alles war verborgen hinter der Beherrschung. Sie blieb auch nicht bei dem Toten, sondern versuchte sich darum zu kümmern, dass die Aufgaben, die vor uns lagen, bewältigt und nicht vergessen wurden. Für das Trauern waren andere da.

Was mich daran so überrascht hat, dass es mir einen Eintrag wert war, war diese Tatsache, dass ich in zwei unterschiedlichen Rollen vollkommen unterschiedlich auf die gleiche Situation reagiert habe. Und zwar, ohne mich als Mensch dazu zu „zwingen“, wie man das evtl. als Schauspieler tun muss. Es war einfach so. Diese Mühelosigkeit, den charakterlichen „Regeln“ seiner Spielfigur zu folgen, war mir neu. Der Effekt ist im Larp durchaus bekannt, man nennt ihn „bleeding“, das bedeutet, dass Eigenschaften des Spielers auf den Charakter übergehen (in ihn „einbluten“), dass das ganze aber eben auch umgekehrt funktionieren kann. Selbst erlebt habe ich ihn in dieser Version aber noch nicht. Das ist das spannende am Larp. Auch nach langer Erfahrung lernt man immer wieder etwas dazu.

Am Ende stellte sich übrigens heraus, dass die Charaktere in einem Traum gefangen waren, und Konrad der erste war, der sich daraus befreien konnte. Insofern haben wir noch einmal „Glück gehabt“. Zumindest bis zum nächsten Con…

Zum Thema „bleeding“ gibt es hier einen sehr guten Artikel: *klick*

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4 Kommentare

Verfasst von - 1. September 2014 in Liverollenspiel, persönliches, Stories

 

4 Antworten zu “Tod und Trauer

  1. nandalya

    1. September 2014 at 9:37

    Ein interessanter Einblick in deine (Spiel)Welt. Danke fürs teilen.

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  2. susepedia

    1. September 2014 at 9:41

    Gerne. Und auf das „Spiel“ bestehe ich. 😉

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  3. Molly L.

    1. September 2014 at 10:49

    Wow, der Eintrag las sich, als würde ich mir einen Film anschauen oder ein Fantasybuch lesen! Habe mitgefiebert und gefühlt, danke für diesen Morgengenuß! 🙂

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