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Gruseln für Große

25 Aug

Irgendwann im letzten Jahr haben der Liebste und ich angefangen, mit einer Freundin eine kleine Runde „Call of Cthulhu“ zu spielen. Sie – nennen wir sie Xenia – wollte das Setting gerne meistern, es aber in einer nur kleinen Runde ausprobieren.

Das Rollenspielsystem „Call of Cthulhu“ basiert auf den Romanen und Erzählungen von H. P. Lovecraft. Ich habe schon mehrere seiner Bücher gelesen, und grundsätzlich gefallen sie mir auch, allerdings ist es für einen fantasybegeisterten Menschen unserer Zeit nicht ganz einfach, sich auf die verschlungene, mysteriöse Erzählweise Lovecrafts einzulassen, wenn das eigene, dramaturgisch gebildete Bewusstsein nach dem ersten Kapitel „der wird sterben!“ oder „die Spuren sind natürlich von einem Monster!“ schreit. Für uns sind solche Gedankenbilder naheliegend, für Lovecraft und seine Zeitgenossen war das der pure Grusel. 1920 ist nicht 2014.

Nun, also wollte Xenia mit uns das Rollenspiel zocken, das auf Lovecrafts Universum basiert. Wir haben uns Charaktere geschrieben, das Setting spielte 1922 in Neu-England (nahe Innsmouth, einer fiktiven Stadt Lovecrafts) und legten los. Und es lief gut. Xenia kann wunderbar erzählen, und alleine ihre Darbietungen als betrunkener Barkeeper einer Hafenkaschemme, der sich von dem alkoholabhängigen Reporter meines Liebsten seine Geheimnisse aus der Nase ziehen ließ, sind filmreif.

Was jedoch das eigentlich Aufregende war: CoC funktioniert. Wir machten wahnsinnig viel Charakterplay am Anfang, unterhielten uns, lernten unseren kleinen Ort und die Menschen darin kennen. Und dann tauchte das Mysteriöse auf. Natürlich war mir, als Susepedia, am ersten Abend klar, dass mit der seltsam verwirrten Krankenschwester was nicht stimmte. Dass es wahrscheinlich was mit für Rituale entwendeten Blutkonserven zu tun hatte. Dass das seltsame Nebelvieh am Hafen das sein wird, was in den Meereslegenden von Dagon und Hydra, deren Manuskripte unsere Charaktere fanden, beschrieben wird. Aber das Unwissen unserer Charaktere konnten wir erhalten. Meine arme kleine Buchhalterin halluziniert, ihre Katze wird regelmäßig gelb, seit sie „the king in yellow“ gelesen hat. Des Liebsten Journalist trägt seine Taschenlampe wie eine Waffe bei sich.

Gestern haben wir nach einer sehr langen Pause wieder angefangen zu spielen. Das erste Mal in unserer neuen Wohnung. Wir sitzen am Esstisch, der aus wuchtigem Vollholz besteht, umgeben von dutzenden Kerzen. Draußen wird es langsam dunkel. Hinter der gläsernen Wohnzimmertür versinkt der Flur in Schwärze. Xenia beginnt zu erzählen. Und wir – wir gruseln uns. Vor der Erzählung und den Schatten, die die Kerzen flackernd werfen. Vor der Spiegelung einer bunten Lampe im schwarzen Fenster. Ich stehe auf und lasse den Rollladen runter. Die Spiegelung bleibt. Der stockdunkle Flur hinter Xenia ist immer gegenwärtig, sobald ich sie ansehe. Bewegt sich dort nicht etwas…?

Wieder einmal haben wir uns vor der Entscheidung gedrückt. Wir wissen, wir müssen in diese verfluchte Fischfabrik. Aber wir zögern es noch hinaus. Xenia grinst wissend und lässt uns spielen und manövrieren. Sie weiß, dass wir wissen, dass es keinen Ausweg gibt. Als wir den Abend beenden, fügen wir uns in das Unvermeidliche. Beim nächsten Mal geht es in die Fabrik.

Xenia verabschiedet sich. Der Liebste schaltet das Licht im Wohnzimmer an.

Da ist sie wieder, die Realität.

Ich gehe in die Küche. Es riecht schwach nach Fisch. Draußen kreischt markerschütternd eine Katze. Mich durchfährt es bis ins Mark.

Grusel entsteht nicht in Horrorfilmen oder -büchern. Grusel ist das, was kommt, wenn man plötzlich anfängt, der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Langsam begreife ich die Art des Horrors von Lovecraft.

Manchmal ist 1920 doch nicht so weit weg von 2014.

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10 Kommentare

Verfasst von - 25. August 2014 in Pen-and-Paper-Rollenspiel, persönliches

 

10 Antworten zu “Gruseln für Große

  1. Molly L.

    25. August 2014 at 17:14

    Hey!
    Ich bin absoluter Laie, was solche Rollenspiele angeht, war aber immer schon neugierig. Wie genau funktioniert das? Ihr sitzt da, zieht Karten, erzählt Euch dementsprechend was? Würde mich echt mal interessieren!

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    • susepedia

      26. August 2014 at 8:12

      Hey Molly, au weh, das ist nicht wirklich mit schnellen Worten erklärt. Vielleicht schreibe ich dazu mal einen eigenen Beitrag. Aber ganz grundsätzlich kannst du es dir mehr wie eine Erzählung und nicht wie ein Spiel vorstellen. Du hast eine Welt, in der du spielst (bei Cthulhu ist es unsere Welt in den 1920ern, aber es gibt noch 1000 andere). Es existiert ein schriftliches, je nach System mehr oder weniger umfangreiches Regelwerk. Du hast Spieler, die sich nach den Regeln dieses Systems Charaktere schreiben, und einen Meister, der die Geschichte, die die Spieler erleben, erzählt. Er muss sie lenken, ihnen die Welt beschreiben, in der sie sind, er muss ihre Gegenüber spielen, mit denen sie interagieren und er verlangt von ihnen Proben, wenn sie etwas tun wollen (kämpfen, z.B.). Diese Proben werden erwürfelt, und auf den Charakterblättern der Spieler stehen Werte, die sie über- oder unterbieten müssen, um die Proben zu bestehen. Mit der Zeit verbessern sich diese Werte, die Charaktere werden „stärker“. Die Geschichte, die die Spieler erleben, hat einen Plot, also einen Sinn oder ein Ziel. Die muss der Meister sich nicht ausdenken, es gibt genug vorgefertigte Abenteuer, auch wenn viele Meister irgendwann eigene Geschichten erfinden. Weil die Spieler das, was sie erleben aufschreiben, um evtl. später Hinweise und Verbindungen zu erkennen, heißt diese Art von Rollenspiel auch „Pen and Paper“. Denn nur das und ein paar Würfel benötigt man dafür.
      Das ist jetzt aber sehr stark verkürzt und vereinfacht. 😉
      Den meisten Spielern, die ich kenne, geht es dabei um den Spaß, sich auf eine fremde Welt einzulassen, sie zu erleben (was von der Kunst des Meisters abhängig ist) und sich entführen zu lassen, ohne großen Aufwand zu treiben. Aber viel Phantasie ist Pflicht. 🙂

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      • Molly L.

        26. August 2014 at 8:22

        Guten Morgen und danke für die Infos! Klingt ja ganz schön zeitaufwendig….?

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      • susepedia

        26. August 2014 at 8:29

        Naja, das ist wie mit jedem Hobby: Es kommt drauf an, wie viel Zeit man reinstecken will und wie sehr man ins Detail gehen mag. Viele Systeme kann man mit einem Grundregelwerk (= 1 Buch) spielen, aber an Quellen- und Hintergrundbüchern existieren mitunter halbe Bibliotheken. Bei Cthulhu z.B. ist es sinnvoll, wenn die Spieler quasi nichts an Hintergründen wissen, denn sie spielen ja „normale“ Menschen ohne mystisches Wissen. Bei großen, alten Systemen wie DSA (Das schwarze Auge) würde ich z.B. nie einen Elfencharakter anfassen, ohne mir das Hintergrundwissen über deren Kultur angelesen zu haben. Wie soll ich ihn sonst glaubwürdig spielen? Aber das ist eben Geschmackssache.
        Und diese Abenteuer gehen meist nicht nur über einen Spielabend, sondern über mehrere. Manche Runden spielen jahrelang. Eben auch, weil man nicht jede Woche 3-6 Leute für einen Abend oder gar einen ganzen Tag an einen Tisch bekommt. Wir haben ja alle noch ein Leben. 😉

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  2. nandalya

    25. August 2014 at 17:14

    Ich kenne Lovecrafts Geschichten. Er war ein wahrer Meister seiner Zunft. Leider gibt es diese Art der Literatur heute nicht mehr. Kein Mensch mag solche Wortwahl lesen, was schade ist. H.P. Lovecraft wusste, was er schrieb. Vor allem aber wie. Und das war gut.

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    • susepedia

      26. August 2014 at 8:00

      Hallo Nandalya, herzlich willkommen auf meinem Blog!
      Ja, Lovecraft schreibt für unser heutiges Verständnis sehr eigenartig, aber er nutzt genau diese Art von Sprache, um den Leser in seine Welt mitzunehmen. Komischerweise funktioniert es bis heute, auch wenn man weiß, worauf die Geschichten hinauslaufen. Er schafft es trotzdem, eine düstere Welt zu erschaffen, auch wenn wir inzwischen die Regeln dieser Welt besser kennen als seine Zeitgenossen.

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      • nandalya

        26. August 2014 at 8:37

        Und doch lauern im Schatten nebenan die Großen Alten. 😀 Danke, dass du mich an Lovecraft erinnert hast. Ich muss ihn wieder mal besuchen. Es gibt übrigens wirklich gelungene Hörbücher seiner Texte, die von ausgezeichneten und bekannten Synchronsprechern vorgelesen werden.

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      • susepedia

        26. August 2014 at 8:42

        Ja, die empfiehlt ein Freund von mir auch immer wärmstens. Ich nehme mir auch immer wieder vor, mehr Hörbücher zu nutzen, aber irgendwie ende ich dann doch immer mit nem dicken Buch in der Hand in der Bahn…

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  3. Curima

    17. November 2014 at 14:16

    The King in Yellow ist ziemlich toll – von Lovecraft hab ich immer noch nix gelesen, auch wenn diverse Bücher schon auf meinem Reader rumliegen.
    Und CoC würde ich total gerne mal spielen, auch wenn ich echt Schiss habe, dass es mir *zu* gruselig werden könnte. Vor allem muss da glaub ich auch das Umfeld stimmen. Es gibt ja immer wieder mal Runden auf Cons, aber in nem lauten Raum mit 3 anderen Spielrunden drin kommt sicherlich nicht die Gruselstimmung auf…

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    • susepedia

      17. November 2014 at 14:45

      Ja, das Umfeld ist da elementar – aber eben auch die Mitspieler und die SL. In einer stockdunklen Wohnung, nur erhellt vom knisternden Kamin und den Kerzen am Tisch, da passt das Umfeld. *grins* Und ich würde CoC niemals mit mehr als drei SCs spielen. Sonst wird die gafahr zu groß, dass die sich gegenseitig ablenken, wenn der SL sich mal nur mit einer Person beschäftigt.

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